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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 49 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 655 schöne Worte fangen; uns in Russland wird man nicht narren, wir wissen den Wert aller schönen Worte von höchster Regierungsstelle zu taxieren. Und es will־ uns scheinen, dass allen politischen Manövern erheuchelter Judenfreundlichkeit, welche die Regierung des Grafen Witte im Ausland spielen lässt, der Erfolg versagt bleiben wird. Unsere Brüder im Ausland fühlen unser Unglück und werden es sich zweimal überlegen, Geld’hcrzugeben, das eventuell an Judenmörder verteilt werden soll. — Hoffentlich!! Wie’s gemacht wird Ein kaum glaublicher Vorgang wird aus Minsk berich־ tet. Dort soll fiir den letzten Sonntag ein ״Pogrom“ geplant gewesen und nur den persönlichen ״Unterhandlungen“ zwischen der Judenschaft und den an der Spitze der judenfeindlichen Bewegung stehenden Popen soll es gelungen sein, zu erwirken, dass die Metzeleien noch nicht, wie beabsichtigt, am vergangenen Sonntag inszeniert wurden. Allerdings hätte nicht verhindert werden können, dass neuerdings die Ausführung des Planes auf den 20. November alten Stils, also auf kommenden Sonntag festgesetzt worden sei. Der Gewährsmann behauptet sogar noch weiter, das ganze Programm der Judenverfolgung sei bis in alle Einzelheiten bereits bekannt und die Rollen schon jetzt verteilt. Es soll eine Prozession stattfinden, dabei soll ein als Jude verkleideter Chuligan, dessen Nansen man schon weiss. auf das Heiligenbild schicssen, und das Signal zur Nicdermachung aller Juden geben, deren Häuser schon heute durch das übliche Zeichen, rote und we’sse Kreuze, kenntlich gemacht sind. Jüdische Flüchtlinge In Rumänien Trotz der verschärften Grcnzbcwachu.״.״ ist es einer ganzen Anzahl russischjüdisch er Flüchtlinge gehingen, auf rumänisches Gebiet zu gelangen. Die rumänische Regierung legt den Unglücklichen, von denen die allermeisten weder Ausweispapiere noch auch irgend welche Geldmittel besitzen, im Lande seihst keine weiteren Schwierigkeiten in den Weg. So befinden sich denn jetzt in Tultscha, Galatz, Jassy, und anderen Städten des Landes viele jüdische Flüchtlinge, förderen Unterhalt ihre Glaubensgenossen in Rumänien nach Kräften sorgen. Ein sehr geringer Bruchteil der Flüchtlinge dürfte dauernd in Rumänien bleiben. Die einen gedenken sich nach Amerika zu wenden, andere wollen hier ruhigere Zeiten abwarten, um dann nach Russland zurückzukehren. Der Schaden Furchtbar sind die Nachrichten über die Verluste, welche die von den letzten Unruhen heimgesuchten grösseren Städte erlitten haben. So zählt das Börsenkomitee in Odessa 500 ruinierte Keufleutc, darunter 400 Juden. Der gesamte in Odessa angerichtete Schaden beträgt über 100 Millionen Rubel. In Rostow sind SO industrielle Etablissements zerstört, in Jekaterinaslaw 100 Läden demoliert. Die Verluste der Fabrikanten und Grosshändlcr an Wechseln betragen 60 bis 70 v. H. Graf Witte empfing eine Deputation der Odessaer Juden. Er zeigte sich in der Frage der Gleichbercchtigung der Juden sehr entgegenkommend und erklärte ihre definitive Lösung noch vor Einberufung der Reichsduma für möglich. — Und warum geschieht nichts?? Andrew Carnegies Spende Herr Isidor Straus erhielt von Andrew Carnegie einen Scheck von 10 000 Dollars für die Unterstützung der durch die in Russland stattgehabten Massakres in Not geratenen Juden "mit folgendem Schreiben: ״Mein lieber Herr Straus, ich bin nur zu 'sehr erfreut, Ihnen die Einlage als Beitrag zu dem Fonds für die Unter- Stützung Ihrer Glaubensgenossen in Russland senden zu können. Die dort begangenen schrecklichen Verbrechen sind derart, dass sie einen dazu bringen könnten, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn uns nicht die Geschichte lehrte, dass ähnliche Schreckensszenen schon vorgekommen. Verlieren Sic den Mut nicht. Unter dem Gesetz der Evolution müssen wir langsam, aber stetig vorwärts gehen und schliesslieh die wahre Erkenntnis der Menschheit erlangen. Ihr aufrichtiger Andrew Carnegie.“ Panik in Odessa Bukarest, 4. Dezember. Aus Jassy wird gemeldet: Die Züge aus Russland treffen mit grosser Verspätung ein. 90 Familien aus Odessa und Kisch ine w trafen dort ein; sie berichten, dass in beiden Städten die Panik gross sei. Die Chullgans scheinen die Herren der Situation zu sein. Ein Territorium Anlässlich einer kürzlich ln Ottawa stattgehabten Ver- Sammlung empfahl Premierminister Laurler den russischen Juden Kanada als vorzüglich geeignetes Asyl, weil dort Religion oder Nationalität keinen Unterschied bedingten. Die Chicagocr Juden petitionierten bei Roosevclt, um eine Unterstützung der bedrängten mscurh™! von Staats wegen anzubahnen. White und die jüdischen Bankiers Eine ausserordentlich herbe Beurteilung hat der bekannte amerikanische Diplomat Andrew D. White den! Verhalten der jüdischen Bankiers angedeihen lassen, welche Russland im japanischen Kriege durch eine Anleihe unterstützt haben. In seinem eben erschienenen Werke: ״Aus meinem Diplomatenleben" (Leipzig Vc^tlanaer 1905) spricht er von einer Begegnung, die er 1m Jahre 190auf seiner Reise nach Petersburg, um dort d<׳n JGesandten- Posten einzunehmen, in London mit Rothschild hatte. ״Icn entsinne mich noch eines Lunch bei *Lord Rothschild, mit dem Icli ein sehr interessantes Gespräch über die Behanulung iiihrtc, welche den Juden in Russland zu teil wurde und die ihn tief niederzudrücken schien. Er sprach mit ausserordentliehen! Nachdruck über ihre Lage und behauptete, die Haupt- Ursache der Judenverfolgungen in Russland müsse darin gesucht werden, dass sie massig, umsichtig und sparsam seien. Was den Vorwurf anbetrai, dass sic den Bauernstand ausplünderten, so folgten sie darin nur dem Beispiel der Guäckcr in England, die auch landwirtschaftliche Maschinen anschafften und diese für sich ai beiten licssen. Mit Wuchergeschäften gäben sie sich weit weniger ab als viele Christen. Die öffentliche Meinung sollte es zu verhindern suchen, dass die Judengesetze von Jaiir zu Jahr verschärf! wurden. Beiläufig sagte er auch, dass europäische Geldmächte gegen Russiand eingenommen sein ...” Ich muss gestehen, dass ich bei der Revision dieses Kapitels (1905) im höchsten Grade darüber erstaunt^ bin, dass, wie ich aus anscheinend glaubwürdiger Quelle erfahre, das Haus Rothschild im Augenblick eine grosse Anleihe vertnitteit, die Fussland in den Stand setzt, in Bezug auf Japan, China. Armenien, Finnland, Polen, die baltischen . Provinzen und die jüdische Bevölkerung wieder in der gewohnten Weise vorzugehen. Keine Massnahme in der ganzen Welt kann so antisemitisch wie diese sein.״ Und was von Baron Rothschild, gilt für die deutschen Bankhäuser Mendelsohn und Oenossen. (Mitgeteilt von Dr. Hoppe- Königsberg). ״Schier an Unglück“ Unter dieser Überschrift schreibt der Petersburger FRAIND in Nummer 233: ״Aus Wien war eine erschreckende telegraphische Mitteilung gekommen, dass ln der dortigen russischen Botschaftskirche für die jüdischen Opfer des russischen Judenmordens eine Geldsammlung veranstaltet worden! Noch mehr! Der Botschafter Fürst Urussow habe für die Juden eine Spende von 1000 Kronen gegeben! Man begreift das allgemeine Entsetzen! Wäre diese Nachricht begründet, welch eine Schmach, welch eine Schande wäre es für Russland. insbesondere für die hohe Regierung! In der Tat. Da bemüht sich die Autokratie, die Juden in Bedrängnis zu erhalten, über sie den ganzen Zorn und die ganze Wut auszulassen, von Zeit zu Zeit sic zu dezimieren, auszumorden und zu verbrennen. Und In Wien sitzt der Botschafter, ein Diener des Zaren und will gar —- den Juden helfen! Anstatt dass die Kirche segnen soll die patriotische Mordarbeit der ergebenen Hooligans und Polizisten, anstatt wie der Metropolit von Moskau Wladimir im Namen der Religion der Liebe zu erklären, man müsse die Juden hassen und ausrotten, wird dort in einer russischen Botschaftskirchc Geld gesammelt zur Unterstützung der Juden. Ein russischer Botschafter im Ausland muss nach Natur und Vernunft die russische Politik vertreten. Will er Notleidende unterstützen, so hätte er das patriotische Mordgesindcl, die ״schwarzen Hunderte“, die Polizisten, die Kosaken mit einer Liebesgabe bedenken können, sie wissen damit was anzufangen, — den Juden gehören Nägel in den Kopf. Bauchaufschlitzen — nicht aber Geldunterstützung. Die Wiener Meldung würde nichts geringeres bedeuten, als dass die festesten Stützen der Autokratie zu wanken beginnen!! *»*«:> viuur 151 aie ganze erzamung unwahr! Die russ sehe Telegraphen-Agentur beeilt sich mit einem Dementi, damit Gott behüte kein hässlicher Flecken haften bleibe auf der russischen Kirche und Botschaft ln Wien. Die Petersburger Telegraphen-Agentur erklärt, nach Ihr zagekom-

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