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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite!654 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 49 liehen Versammlung vor ca. 1000 Personen Im grossen Saale der Aubette einen Vortrag über «Die Judenmetzeleien in Russland“. Ausgehend Von den Greueltaten, die an unseren Brüdern und Schwestern in Kischin cw bcj;?.np?n wurden, besprach der Referent, die Gründe zum sozialen Elend der russischen Juden. Wie eine Pflanze, der man die Luit und das Wasser, die Lebensbedürfnisse, entziehe, nicht fortbestehen könne und verwelke, so könne auch ein Volk, das man in ein Ghetto einpferche, sich nicht entwickeln. Die Greuel von Kischincw sind zu schnell vergessen worden, nachdem die Rädelsführer ihre geringe Strafe erhalten hatten; der bekannte Jüdische Optimismus sei auch ■hier wieder zu konstatieren gewesen. Etwas derartiges wird nie mehr Vorkommen, dachte damals jedermann. Der russisch-iapanische Krieg brach aus. und unsere Brüder haben in den vordersten Reihen gekämpft und sind gefallen, für ein Vaterland, gegen welches sie Pflichten, nicht aber Rechte haben. Für *ein Vaterland, das sie. wenn sic sich gegen einen entmenschten Pöbel mit den Waffen in der Hand, verteidigen wollen, *entwaffnet und dann hinschlachten lässt. Ja, noch mehr, man kennzeichnet die Häuser der Juden, die zum Tode bestimmt sind. Diesen Leuten zu helfen ist unsere heilige Pflicht und *das zeigen wir dadurch, dass wir sie materiell unterstützen. Damit ist etwas getan, aber nichts ganzes. Den Eltern können wir mit Geld ihre toten Kinder, den Kindern ihre Eltern nicht wiedergeben. Es muss etwas radikales geschehen zur Rettung der 7 Millionen Juden, die in Russland schmachten, etwas geschehen zur Lösung der Judenirage. Das kann nicht mit Geld geschehen, denn damit würden wir nur Bettler aufziehen; wir wollen aber Leute haben, die arbeiten, und der leider nur zu früh verstorbene Dr. Herzl hat ntit Recht gesagt, die Judenirage wird gelöst sein, wenn der (jüdische Bauer auf eigenem Boden den Pflug führt. Und den Juden zum Arbeiten Gelegenheit geben, das will der Zionismus. Er will, wie das Baseler Programm sagt, den Juden eine rechtlieh gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen. Eine Heim- Stätte, in der Jeder frei arbeiten kann, und ein Vaterland für die Juden, welche keines haben. Eine Lösung der Judenirage ist nicht.möglich in Russland oder Galizien oder den Ländern, wo unsere Brüder schmachten. Und wenn eine Auswanderung stattfinden soll, so soll es nach Palästina sein, das Land, indem wir Juden, wie die Geschichte gezeigt hat. blühen und gedeihen können. Und zur Rache dafür, dass die Russen uns misshandelt haben, wollen wir sie heben, auf unsere Kultur, damit sic Menschen werden und keine Bestien. Mit dem־ berühmten Vergilversc ..Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“ schliesst Herr Dr. Dannenberg seinen, von allen Seiten mit grossem Beifall aufgenommen, Vortrag. Zum Zeichen der Trauer für die russischen Juden erhebt sich die Versammlung von ihren Sitzen. Nach einer kleinen Pause wird folgende Resolution einstimmig angenommen: ״Die heute von dem Strassburger Zionistischen Verein in dem grossen Aubette-Saal einberufene von tausend Personen der ganzen.Bürgerschaft besuchte Versammlung drückt ihre tiefste Entrüstung aus über die entsetzlichen Greucltaten in Russland. Sie protestiert gegen die Untätigkeit der russischen Behörden in diesen Schreckenstagen und verspricht, nicht nur zur Linderung der augenblicklichen Not nach Kräften beizutragen, sondern auch an der endgültigen Lösung der Judenfrage mitzuarbeiten.*‘ Die Sammlung zu giinsten der russischen Juden ergab IM.60 Mark. Am Sonntag.•dem 3. Dezember, traten hier Vertreter der zionistischen Ortsgruppen In Elsass-Lothringen zur Gründung eines Gruppenverbandes zusammen. Der Vorsitzende. Herr E. Pickhart, hegrüsst die erschienenen Herren und erteilt dem Schriitffihrer zum Verlesen der Tagesordnung und der emgelautenen Briefe das Wort. Es konstituierte sich sodann ein Gruppenverband der Zionistischen Orstgruppen in Eisass* Lothringen mit dem Hauptsitz in Strassburg. Vorsitzender des Verbandes ist der Vorsitzende der Strassburger Ortsgruppe. Wenn notwendig, sollen allviertcljührlich Gruppenverbandsitzuugeii stattfinden, und zwar abwechselnd in Strassbürg. Metz und Mülhausen. mb C C - Rundschau ] Aus Russland Immer zahlreicher werden die Beweise dass die letzten Juden hetzen1 planmässig provoziert und unter dem benutze von Militär und Polizei ausgeführt worden sind. So heisst es m einem Privatbriete aus Odessa vom 2, Novemncr: ״Jedermann wurde verboten, sich am Fenster zu zeigen; wer dawider handelte, wurde unbarmherzig erschossen, unter 4 « . י anderem wurde auch folgendes praktiziert: Irgend ein Provo* kator schoss in die Luft und behauptete dann, dass aus einem Hause geschossen wurde, worauf das betreffende Haus mit Maschinengewehren demoliert wurde und die Einwohner der Willkür des entmenschten Pöbels überlassen wurden. Denke Dir unseren Schreck, als es auf einmal hiess, es sei aus unserem Hause geschossen worden und zwar ans unserer Wohnung von unserem Balkon. Gerade das Gegented war der Fall, in unsere Wohnung wurde geschossen, und die Kugel traf beinahe unsere Einwohnerin. Die ganze Nachbarschaft war des ungeachtet gegen uns aufgebracht und es ist heute noch als ein Wunder zu bezeichnen, dass wir unversehrt zu Julka entkamen, wo wir vier Tage zuge* bracht haben. Jetzt ist vorläufig Ruhe eingetreten, aber abends darf sich kein anständiger Mensch auf der Strasse sehen lassen, denn & wird einfach ausgeplündert und zwar von der hochwohliöbhchcn Polizei. Drausscn wird man so etwas natürlich nicht glauben, und wenn cs nicht schon verschiedenen Bekannten von uns passiert wäre, so würden wir es auch kaum glauben, trotzdem man in Russland auf vieles gefasst sein kann. — In Rostow wurde cm Juden haus nur durch Heinrichs Unerschrockenheit gercttet, der in Uniiorm (Anm.t Uniform eines russischen Reservearztes) zum Pöbel ging und ihnen in Gutem zuredetc ״״J sich sclilicsslicli mit der Itandc abküsstc. Das rettetc das ganze Quartier. Jetzt sollen ihn die Juden in Rostow anbeten.” Witte und die Massakres Die russische Presse macht mehr tmd mehr Witte für die .Massakres verantwortlich. So schreibt die Petersburger Zeitung BIRSHEWYJA WJEHOMOSTI: 1902״ sagte Plchwc: ..In Strömen jüdischen Blutes werde ich die Revolution ertränken" — und jetzt hat die neue Regierung das Testa nt ent Pie h xv e s vollzogen. Denn anders ist es nicht zu begreifen, warum die Regierung den Mördern keinen Halt geboten hat. während sie die Studenten und friedlichen Arbeiter so energisch auseinander zu treiben versteht und cs ihr dabei nicht aufs Schicssen ankommt. Obwohl man zum Sprengen von friedlichen Vcrsammluugen Polizei und Militär stets reichlich zur .Verfügung hat. versagte der gesamte Regierungsapparat, als tausende Juden einige Tage hindurch geplündert und ermordet wurden." Ebenso schreibt der Petersburger SYN OTETSCHESTWA: ״Es unterliegt keinem Zweifel, dass an dem Blutvcrgiesscn sich die Regierung selbs‘ beteiligt hat. Wenn die neue Regierung beweisen will, dass der Weg der Reformen zu Wirren führt» dann möge sic cs laut sagen, damit das Volk wisse, dass die neue Regierung der Peitsche und der Knute, die vom Volke Vertrauen verlangt bis aufs Messer bekämpft werden muss. Die Regierung darf aber nicht vergessen: wenn sie nicht gewillt ist. die Wut des Volkes zu beruhigen, werden die Novembertage iurchtbarc Folgen nach sich ziehen. — Aus den Gebeinen der Erschlagenen werden grosse Scharen von Rächern erstehen, und das Land wird sich so erschüttern, dass alles, was bis jetzt geschah, angenehme Ruhe scheinen wird. — Wir wollen der ganzen Welt mitteiien, dass die Regierung. die den Frieden gegeben, ihn gestört hat durcli furchtbare Schrecken, an die selbst die Revolution niemals gedacht hat." Und der Petersburger FRA1ND bemerkt: ״Die Anleihe im Ausland scheint ohne Hilfe der Juden nicht zustande kommen zu wollen. Die Regierung, deren Agenten das grosse Judenmorden in weitem Reiche so trefflich zu organisieren verstanden, erweckt im Ausland kein Vertrauen. Daraus erklärt sich, dass die Regierung i ni A u sland den Anschein von Judenfreundlichkeit sich gibt. Graf Witte ״ist in tiefer Trauer‘" über das Leid der Juden — so hisst er persönlich den jüdischen Finanzleuten Amerikas mitteiien. Der Minister des Innern, Dur- 110wo, dankt den jüdischen Philanthropen in England für die grossherzigen Spenden zu giinsten der unglücklichen Opfer der Verfolgung.‘ Die russische Telcgrapheu-Agcntur sendet in alle Welt Mitteilungen über Bestrafung hoher Administrativbeamter, über strenge und energische Mittel, welche die Rcgierung ergriffen habe zum Schutz der jüdischen Bevölkerung — wie wohl wir i n R u s s I a n d von allen schonen Sachen nichts wissen und nichts bemerken. Mit einem Wort, man bemüht sich, vor Europa den Glauben zu erwecken, als wären die russischen Rcgicrungsmänncr voll Wohlwollen für die Juden. Was uns. die russischen Juden, anbelangt, so erachten wir alle Vertröstungen und Versprechungen, ja selbst die angebotenen kleinen gnädigen Erleichierungen — nachdem man unser Blut durch ganz Russfand in Strömen vergossen als eine Beleidigung, eine dreiste Zutntung an unsere Naivität. Man will die Finanzlcute in Europa und Amerika durch

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