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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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JÜDISCHE ־ RUNDSCHAU Seite 653 vorholte und vor den Augen Ihrer Männer und Brüder vergewaltigtc, aber jetzt ist man zur Selbsthilfe geschritten und hat eine jüdische Schutzwehr gegründet. Und fragt man, was die nächste Zukunft der Juden in Russland sei. so beweisen die jüngsten Ereignisse, dass die Juden wieder ganz auf sich allein angewiesen sind. Jetzt, wo man für die Freiheit der Polen und Finnen eingetreten ist, hat man der Lage der Juden erst in letzter Stunde gedacht. Auf den Scmstowos war auch nicht ein einziger Jude vertreten, der über die Lage der jüdisehen Bevölkerung Auskunft erteilen konnte. Die Juden sollen ähnlich wie im Westen Freiheiten auf dem Papier haben, die man Ihnen durch die Vcrwaltungspraxis wieder nehmen will; aber die russischen Juden werden in Zukunft nicht mehr bitten, sondern fordern. Wir haben die Pflicht zu helfen, wie wir helfen können, und müssen erkennen, dass nur die Gesamtheit des jüdischen Volkes helfen kann. In der Diskussion nimmt zunächst Herr Rosenbachcr-Levy das Wort und bedauert es. dass die westeuropäischen Regierungen mit Ausnahme Englands keine Stellung zu den Judenverfolgungen in Russland genommen haben. Herr Dr. Pinkus verliest Bruchstücke aus einem Brief aus Kiew׳, in dem ein Augenzeuge in einem Brief an die ״Alliance isradlite universelle“ eine herzzerrcissendc childerung von den drei Bartholomäustagen gibt. Es gelangt alsdann die folgende von Herrn Rosenbacher-Levy eingebrachtc Resolution zur Annähme: ״Die von der Zionistischen Ortsgruppe von Ham bürg -Altona ein berufene Vcrsam mlunggibt ihremtiefen Schmerz Ausdruck über die an ihren russischen Brüdern verübten Greuel taten. Die Versammlung erachtet cs für eine heilige Pflicht der G e s a m t j u d c nheit, die Hinterbliebenen der Ermordeten und Beraubten in jeder Weise zu unterstützen und Mittel zum Schutze für die Zukunft zu schaffen. Die V c r s a m m l u n g spricht den r u ssischen Machthabern ihren Abscheu aus über die Greueltaten, zu deren Verhinderung nichts unternommen wurde.” — Eine am Eingang des Saales vorgenommene Teller-Sammlung zu Gunsten der jüdischen Selbstwehr ergab einen sehr.erheblichen Betrag. Leipzig. Eine Protcstvcrsanmilung gegen die russischen Judenverfolgungen hatte die Leipziger Zionistische Vereinigung auf den 21. November in den grossen Saal des Zentraltheaters einberufen. Der Vorsitzende der L. Z. V״ Dr. •' h a m i z e r, cröffnete die Versammlung, zu der sich über 700 Personen, fast ausschliesslich Juden, eingefunden hatten, mit tiefempfundenen Gcdenkwortcn auf die unglücklichen Opfer der russischen Barbarei, der dieser Protest gelte. Die Versammelten folgten sodann mit grosser Aufmerksamkeit den Ausführungen des Referenten, Dr. A. Dir am (Berlin), der eingehend über die Ursachen der Judcnmctzeleien sprach, für die er hauptsächlich die unteren Behörden verantwortlich machte; er wandte sich aber auch mit schwerer Anklage gegen das Verhalten der jüdischen Bourgeoisie in ruhigen Zeiten und gegen die Untätigkeit der russischen Revolutionäre, für deren Werk doch letztlich die Juden massakriert worden seien. Redakteur Julius Becker (Berlin) sprach im gleichen Sinne und wandte sich speziell gegen die russische* und ausländische Sozialdemokratie, die in doktrinärer Verblendung die Judenfragc durchaus nur als einen Teil der allgemeinen sozialen Frage gelten lassen wf01le. und gegen das unwürdige Verhalten gewisser russisch-jüdischer Studentenkreise in dieser Angelegenheit. — Die folgende Resolution wurde als Ergcbnis der Versammlung vorgcschlagcn: ״Die von der Zionistischen Vereinigung zu Leipzig einberufene am 21. November 1905 im Zentralthcater tagende Versammlung von sechshundert Juden, protestiert gegen die unmenschlichen Gräuel, die an den Juden Russlands verübt wurden und gegen die russischen Behörden, die dem vertierten Pöbel freien Lauf Hessen. Ja ihn zu den Untaten anstifteten. Die Versammelten sind gewillt und fordern alle fiihlenden Juden Leipzigs auf, durch reiche Sammlungen dazu beizutragen, dass unsere russischen Brüder in Zukunft besser ausgerüstet den Kampf gegen die Mordbandcr *»Ihren können.“ Die Resolution wurde ebenso wie die Ausführungen der Redner mit allgemeinem Beifall aufgenominen: nur zwei oder drei jüdische Sozialdemokraten glaubten dagegen stimmen zu müssen, weil ihnen (da eine Diskussion nicht angesetzt war) das Wort verweigert wurde, zur Abgabe einer Erklärung gegen die zionistische Tendenz der Redner. Obwohl ihnen liedeutet wurde, dass doch lediglich über die Resolution, und nicht über jeden Satz der Referenten, abgestimmt werde, beharrten sie auf ihrem Verlangen nach Diskussion. Der anwesende Berichterstatter der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG wollte dieses dadurch unterstützen, dass er a u f den Vorstandstisch hinaufsprang und. als ihm bedeutet I wurde, dass er da nichts zu suchen habe, sielt mit Redensarten von Redefreiheit u. a. zu rechtfertigen suchte. Sein Verständnis für die Sache bewies er dann in seinem Bericht, der beginnt: ״Die Zionisten, jene jüdische Sekte, die die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates verfolgt . . . und der mit den an Mchringschc Klassizität streifenden Sätzen scblicsst: ״Die zionistischen Kapitalisten, die hier versammelt gewesen sind, verschmähen mit dem Instinkt ihrer Klasse jede Gemeinschaft mit der russischen Revolution. Sic unterdrückten jede Meinungsäusserung der Vertreter des russischen Proletariats. Die einfache Konstatierung dieser Tatsache genügt zur Kennzeichnung des gänzlichen Unwertes der inszenierten Versammlung.“ Es wäre schade, die ungewollte Komik dieser Sätze durch einen Kommentar umzubringen. Dessau. Ein geringfügiger Vorfall in unserem Orte dürfte einen interessanten Beitrag zur Definition des Begriffes ״Jude'’ abgehe״. Ein Mitbürger hatte bei der ifmgstcn Volks- Zahlung die Rubrik Religionsbekenntnis mit ״lüde“ bezcichnet. Der Zähler wies die Bemerkung als unrichtig zurück. Jude, sagte er. bezeichne nicht das Religionsbekenntnis, sondern die nationale Abstammung, das in Rede stehende Bekenntnis müsse Mosaisch heissen. Man könne, so fügte er hinzu, jeder beliebigen Konfession arischeren und sei dennoch Jude. Diese Auslegung ist um so interessanter, als der Zähler ein schlichter, keiner Partei argehöriger Christ ist. der nach seinem Menschenverstand so definierte und eine Veränderung der Zählkarte vornehmen zu müssen glaubte. Würzburg. 3. Dezember. Das Elend unserer Stammes- 1,rüder in Russland hat auch aui die hiesige:jüdische Bcvo!- kerung seinen traurigen Eindruck ausgeübt. Ln! dem Unglück der Opfer in etwas zu steuern, hat sich aui Veranlassung des 1. Vorsitzenden der Ortsgruppe, Dr. E. Pinczow er. unte״ der jüdischen Studentenschaft ein Komitee gebildet, das ein Konzert zu Gunsten der Verfolgten Brüder in Russland veranstaltete. Am verflossenen Mittwoch fand im Schrannensaal ein in ernstem Stile gehaltenes Konzert statt, zu dem die Damen Bauer. En giert h und Gau und die Herren Lenz, Gross. Seiler. Werner und Zornitz vom Stadttheater ihre hervorragenden Kräfte in den Dienst der guten Sache gesteift hatten. Wie zu erwarten war, setzte sich das zahlreich erschienene Auditorium aus den verschiedensten Kreisen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zusammen. So war die Gattin des Regierungspräsidenten Exzellenz v. Kobe II, Spitzen der nichtiiidischen Geistlichkeit. Universitätsprofessoren usw. anwesend. Andere hcryorragende Persönlichkeiten, wie der Rektor der Universität, Prof. Dr. Bo ver; Geheimrat Prof. Dr. Schön born, der berühmte Chirurg, die amtlich verhindert waren, zeigten durch Überreichung von Geldspenden ihre Sympathie. Der Reinertrag von etwa 1700 Mark wurde dem Zentral-Komitee überwiesen. D. München. Die Münchener Zionistische Orstgruppc eröffnete am Sonnabend, dem 2. Dezember, ihr Winterprogramm mit einem sehr gut besuchten (ca. 80 Personen anwesend) Diskussionsabend, an dem Herr Dr. med. H. Stahl über ״Dringende Arbeit im Zionismus" referierte, worau! sich eine lebhafte, im allgemeinen erspriessliche und anregende Diskussion entspann. A. T. Mainz. Am 29. November fand eine Gruppenversammhing statt, in welcher Herr Dr. Levy aus Oberingeläcim ein Referat: Die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes erstattete. Der Redner schilderte in ergreifender Weise die traurige Lage unserer russischen Brüder und machte auch die Verhältnisse der Juden in den übrigen Ländern zum Gegenstand seiner Erörterungen, für die er reichen Beifall cmtetc. Eine Sammlung für die Selbstwehr ergab ca. 20 Mark. — Auf Veranlassung der Zionistischen Ortsgruppe findet am 5. September in einem de־ grössten Säle der Stadt eine allgcmeine öffentliche Protest ver Sammlung gegen die russischen Greuel statt. Als Einheruier derselben figurieren neben zwei Vorstandsmitgliedern unserer Ortsgruppe die ersten Bürger und Führer der hier organisierten politischen Parteien einschl. der Sozialdemokratie. Nur dicVorstandsmitglicdcr der J üdischen G e-m e i!1 d c haben es hezeichnender Weise abgelehnt, ihren Namen unter den Aufruf zu setzen. Als Redner haben wir gewonnen: Herrn Levine aus St. Petersburg und Herrn Professor Dr. Staudinger aus Darmstadt. —• Die von unserer Ortsgruppe ln einer grösseren Zahl von Landgemeinden veranlassten Sammlungen in Mainz selbst ist ein allgemeines Saniinelkomitee tätig — ergaben bis jetzt ca. 1000 Mark, die an die JÜDISCHE RUND- SCHAU abgefiihrt wurden. Strassburg i. Eis.« 3. Dezember. Wieder einmal hatte die Strassburger Bürgerschaft die Eine, ihren berühmten Redner Herrn Dr. phil. Karl Dannenberg aus Metz zu hören. Am letzten Samstag, dem 2. Dezember, hielt er in einer öffent- •V.

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