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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 652 JÜDISCHE .RUNDSCHAU No. 49 bcitslust der Auswanderer, die sich um den kärglichsten Lohn verdingen, dafür spreche ihr ungeheurer, weltbekannter Bildungsdrang und ihre in Deutschland leider noch zu wenig gewürdigte National-Litcratur. Und dass sic keine rcigiingc seien ,davon zeuge deutlich ihr Anteil an dem Befreiungskämpfe ihrer russischen Brüder, an dem sie in den ersten Reihen tcilnchmcn. Vielleicht rüttele dies jene jüdischen Kreise einmal etwas auf, die immer glauben, dass mit Geldspenden alles getan sei. Der Kampf gegen dieses Uehel der Judenverfolgungen aber müsse energischer geführt, auch seine Ursachen aufgedeckt Und vernichtet werden. An diesem müssten auch jene reichen Juden tcilnchmcn, die mit ihren Spenden an erster Stelle stehen, wenn cs sich um Sammlungen handelt, die wie jene für Alesund und Calabrien. auch ausserhalb des Kreises de.־ Betroffenen Förderung und Beachtung landen. Im Angesicht der vier Jahrtausende aber, die das Judentum nun schon alt sei. und seiner fast halb so langen Leidenszeit richte er die Frage an die Menschheit, ob die Behandlung der Juden in Russland vielleicht jene Liebe zeigen solle, die Christus angeblich den Menschen verkündet? Als letzter Redner sprach Herr Dr. med. Sandler: Man müsse, so meint der Redner, weit in der Geschichte der Juden zurückgehen, um ähnlich blutige Blätter zu finden, wie sic die Geschichte der letzten .fahre aufweise. Erst habe man die russischen Juden in die revolutionären Parteien hincingcdrängt und nun mache man ihnen aas ihrem Kampfe gegen das System der Pobjedonoszcw. Plchwc und Konsorten einen Vorwurf. Zwei Dinge aber soll mau sich wohl vor Augen halten: Als die schwarze Bande in Odessa mit dem Kampfe gegen die jüdische Bevölkerung begann, da haben die organisierten Arbeiter ihre Kampfgenossen — wenige rühmliehe Ausnahme abgerechnet — im Stiche gelassen. Ehre dagegen den Vertretern der Intelligenz, die wie die Studenten und Professoren an der Seite der Unterdrückten gekämpft. Und Ehre auch England, das als einziger von den zivilisierten Staaten Europas sich offiziell den Protestkundgebungen angeschlosscn. So wichtig nun aber auch die Linderungen der Leiden jener Armen und namentlich die weitere Organisation der jüdischen Selbstwehr sei. die Glänzendes geleistet, noch wichtiger sei cs. die unnatürlichen Verhältnisse zu ändern, unter denen die Juden Russlands schmachten! Und das könne nur durch Ansiedelung in kompakter Masse auf freiem Territorium geschehen, zu der sich ja in letzter Zeit alle bestehenden Hiitsgesellschaften zusammcngeschlossen hätten. Dann werde auch diese trübe Zeit zum Segen ־• r 11‘r das Publikum und die ganze Menschheit ausschlagen.! — Die Redner wurden häufig von spontanem Beifall unterbrachen. : י‘ Der Vorsitzende glaubte, dass die Fassung einer Proa testresolutlon sich erübrige, da doch ein jeder diese entsetzlichen Greuel verurteile und alle überzeugt seien, dass hier durch eine dauernde Hilfe solchem übel für alle Zeit Zeit vorgebeugt werden müsse. Mit Dankesworten an Redner und Erschienene wurde die Versammlung geschlossen, deren würdiger Verlauf allgemein anerkannt wird, obwohl von den ״Gemeindegrössen“ manch einer fehlte. Stettin. Eine öffentliche Protestversammlung gegen die Judenmetzcleien In Russland fand am 27. November im grossen Saale des Konzerthauscs statt, die von der Stettiner Zionistischen Vereinigung cinberufen worden war. Herr Rabbiner Dr. Vogelstein hatte der Einladung, in der Versammlung als erster Redner zu sprechen, bereitwillig Folge gegeben, während ein Zusammengehen mit anderen jüdischen Vereinen, zu welchen! unsere Vereinigung sich bereit erklärt hatte, von diesen abgelehnt wurde. Wir dürfen es uns versagen, dieses ablehnende Verhalten zu kriti- ־ sieren, da es auf den Besuch und den Verlauf der Versammlung auch nicht den allergeringsten Einfluss hatte. Diese war von einem überaus zahlreichen Publikum aus allen Kreisen der Stettiner Bevölkerung besucht, das den grossen Saal bis auf den letzten Platz füllte. Herr Dr. Voge 1 s t ei n gab »n tiefempfundenen Worten den Gefühlen des Abscheues und der Empörung Ausdruck über die grenzenlosen Gräuel, die zu schildern er nicht unternehmen wolle. Er wolle nicht diejenigen anklagcn, die in tierischer Roheit und in sittlicher Verkommenheit ihrer Mord- und Raublust gefrölint haben, seine Anklage richte sich gegen die. die den Pöbel zu solchen Schandtaten anstifteten. Er klage an die berufenen Hüter des Gesetzes, die Regierung und ihre Organe, die in ehrlosen Pflichtvergesscnhcit den! •Morden nicht gewahrt, die sogar den Mordbanden ihre Opfer bezeichnet haben. Diesen müsse man bekunden, dass man sie aufs tiefste verachte und verabscheue, man müsse verlangen, dass die Mächte im Namen der Menschheit der russischen Regierung klar mache, dass sie die Pflicht habe, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ־ziehen | und weitere Gräuel zu verhindern. Aber wenn auch alle Kundgebungen erfolglos bleiben sollten, so sei man doch den! Gebote der Ehre und Menschlichkeit gefolgt und habe bckündet, dass man übereinstimme in der Verurteilung aller derer, die dem ersten Jahrfünft des zwanzigsten Jahrhunderts den unauslöschlichen Schandfleck der Barbarei aufgezcichnet haben. Nach der mit stürmischen Beifall angenommenen Rede der Herrn Dr. Voge Ist ein sprach als Vertreter des Zionlsntus Herr Dr. Albert Goldberg-Berlin (Neuenahr). Er ging auf die immer sich wiederholenden Judenverfolgungen In ־Russland näher ein und stellte fest, dass nicht nur die russische Regierung schuldig sei. sondern die ganze russische Oeseischaft einschliesslich der Liberalen und Radikalen. Diese beschuldigte er des Verrats, weil sic die Juden, die stets als erste in den Reihen der Kämpfer für Freiheit und Recht gestanden, jetzt schmachvoll im Stich Hessen. Das ganze freihcitlichc Russland mit wenigen Ausnahmen habe geschwiegen und für die Rechte der Juden keine Hand gerührt. Geschwicgen haben auch die geistigen Führer Europas, die für die Befreiung Maxim Gorkis so mannhaft cingetrcten. Die Juden Russlands seien auf sicli selbst angewiesen und nur ein enger Zusammenschluss, eine grosse gemeinsame Organisation könne Rettung bringen. Mit Ge:J allein sei nicht zu helfen, man müsse dauernde Abhilfe schaffen. Wir Zionisten finden diese Abhilfe in der Erreichung unseres Endziels, wer dem nicht zustimmen wolle, möge auf ein besseres Mittel sinnen. Die von glühender Begeisterung getragenen Ausführungen wurden wiederholt von lauten Beiiallsbezcuguugcn unterbrochen. Nach Beendigung der Rede wurde nachstehende R c sol u t i o n mit überwältigender Majorität — cs stimmten \*icr Anti* semiten dagegen — angenommen: ..Die am 27. November im Konzerthause versammelten christlichen und jüdischen Bürger Stettins sprechen ihren tiefsten Abscheu und ihre Entrüstung über die JuJenmetzeleien in Russland ans und verurteilen auf das schärfste das Verhalten der Behörden, die dem schändlichen Treiben Vorschub geleistet haben. Die Ver- Sammlung erklärt es für die Pflicht jedes gesitteten Menschen, nach Kräften zur Linderung der N״i und zur Verhütung!ihnlieber Vorkommnisse beizutragen.“ Die gesamte Stettiner Presse, die antisemitische selbstverständlich ausgenommen, bringt sehr sympathische Berichte über die Versammlung. Hamburg, 29. November. Protest versa nun Jung gegen die russischen Judenmassakres. Die zionistischc Ortsgruppe von Hamburg-Altona hatte zu gestern abend eine öffentliche Versammlung nach dem Logenheim, Hartungstrasse, einberufen mit der.Tagesordnung: .,Die russischcn Judcnmassakrcs.” Der. Vorsitzende cröffnete die ausserordentlich zahlreich besuchte Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er etwa folgendes ausfülirte: ״Die grausigen E־ei«nisse in Russland sind es, die uns heute zusammengefiihrt haben. Tausende und Abertausende unserer Brüder sind auf grausame Art und Weise!ungeschlachtet worden, ohne dass sich eine Hand zu ihrer Hilfe geregt hätte: das Gewissen Fluropas schweigt, eben weil cs Juden sind. Die Juden sind also ganz allein auf sich angewiesen, und erfreulicherweise haben sic sich überall zu einem Rcttungswerk für ihre hingemordeten Brüder und Schwestern zusammengetan. Aber nicht nur die kalte Münze sollen wir opfern, sondern mit unserer ganzen Seele sollen wir eintreten für unsere armen, hingemordeten Brüder und Schwestern in Russland. Man hat vielfach gesagt: Zu welchem Zweck ruft ihr denn Versammlungen ein. was soll cs? Auf diese Frage möchte er antworten mit den Ausführungen des Herrn Dr. Gii de man 11. Wien, der auf diese Fragen die folgende Autwort erteilte: Fragt man einen Kranken, der sich vor Schmerzen windet, weshalb er schreit? In derselben Lage befinden sich die Juden. (Beifall.) Der Referent Dr. Jfalpern bctonte, dass es nicht seine Aufgabe sein könne, die Versammlung mit der Schilderung der russischen Grcijeltaten. die jeder Beschreibung spotten, aufzurcgcit. sondern nur darauf hinzuweisen, dass Tausende hingemordet. Zchiitausendc lebensgefährlich verletzt und Hunderttausende obdachlos geworden sind. Und wenn man nach den Gründen und Ursachen dieser schrecklichen Erscheinung fragt, so ergibt sich neben der hekannten Tatsache, dass es seit Jahrzehnten die Politik der russischen Regierung gewesen, jede Volksbewegung gegen das jüdische Volk abzulenken, diesmal cs der Regierung ganz, bcsonders darum zu tun wa־׳. Rache zu nehmen an den Juden, die un Vordergrund der Freiheitsbewegung gestanden haben. Wer hat geholfen im Kampf gegen die Juden Verfolger? Niemand bis auf einzelne Studenten und Arbeiter. Die Juden wären wahllos!ungeschlachtet worden, wenn nicht die jiidisciie Jugend sich zur Seibstwehr für ihre nationale Ehre aufgertafft hätte. In Kischinew war es noch möglich, dass man die jüdischen Frauen und Mädchen aus ihren Verstecken her-

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