Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651443--03045-2659956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 49 JÜDISCHE RUNDSCHAU X Seite 651 jisw. Unter immer stärkerer Unruhe, unter immer stürmischerem Widerspruch und immer lauterer Zurufen behauptete er, die russische Regierung sei schon deshalb an der Niedermietzelung der Juden unschuldig. weil sie ja nur mit indischen Geschäftsleuten und Lieferanten zu tun habe. Die deutschen Juden sollten nach Russland stehen und dort dahin wirken, dass ihre russischen Glaubensgenossen ihre Geschäftspraktiken änderten. (Stürmischer Widerspruch, Zischen. Pfeifen und Schlussrufe!) Noch lebhafter wurde, trotz ständiger Mahttungen des Vorsitzenden zur Ruhe und Besonnenheit, die Unruhe, als Oberlehrer J and er, der, wie er sagte, ebenfalls 20 Jahre in Kurland die Verhältnisse kennen gelernt habe, das russische Volk und das russische Beamtentum zu verteidigen begann. Die Jüdischen Studenten, die eigentlichen Revolutionäre, hätten sich verkleidet und sich feige versteckt, ‘ und so seien der durchaus'verständlichen Gegenrevolution : eben diejenigen anderen Juden zum Opfer gefallen, die ihr: Äusseres nicht so leicht hätten unkenntlich machen können.; (Stürmische Pfuirufe! Furchtbarer, anhaltender Lärm!) Mit: ähnlichen antisemitischen Wendungen traktierte der Redner die Versammlung noch weiter, bis er unter tumultuarischcr1 Entrüstung schloss. I Justizrat Dr. L i ch t cn s te i n erklärte, dass es der nicht schweren Widerlegung beider Vorredner sicherlich r.icb♦ bedürfe. (Stürmischer Beifall), dass er vielmehr keine Bedenken habe, auch unter den! Eindruck dieser beiden Reden über die vorgcschlagenc Resolution abstimmen zu lassen, die folgendcrtnassen lautete: ״Die am 30. November 1905 in der Bürgerressource tagende öffentliche Versammlung gibt ihrer Empörung und ihrem Abscheu über die grauenvollen in den letzten Wochen in Russland an Juden verübten Gewalttätigkeiten hiermit Ausdruck, sie legt gegen diese beispiellosen, vielfach planmässlg von Behörden organisierten Metzeleien lauten Protest ein und spricht den heldenmütigen Kämpfern der Selbstwehr ihre Bcwunderung und Sympathie aus." Die Resolution wurde durch Erheben der Hände ange-' nommen. B<: der Gegenprobe erhoben sich zwei Hände! (Minutenlanger Beifall.) Auch nach dem Schluss der Ver- Sammlung dauerte die leidenschaftliche Erregung noch an, die sich namentlich gegen Herrn Jander richtete, der durch die Mitglieder des Bureaus geschützt und aus dem Saale geleitet wurde. .י Danzig, über den von der Datiziger Zionistischen Vereinigung am 26. November veranstalteten Herz!-Abend schreiben die‘ DANZIGER NEUESTEN NACHRICHTEN: ״Die DanzigerZionistischeVcreinigung hatte für die Opfer der russischen Judenverfolgungen Sonntag abends Tk. Uhr im Ge wer bebau sc einen Herzl-Abend veranstaltct, der in Anbetracht des interessanten Themas und des guten Zwecksso. viele Zuhörer dorthin gelockt hatte, dass der grosse Saal fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Den ersten Teil des Programms füllte ein Vortrag des Herrn Redakteur Julius B cc ke r-Berlin: ״Theodor HerzI, ein moderner Jude". Der Referent schilderte ir. ungemein fesselnder Weise den Lebensgang des bedeutenden Journalisten und gab ein treffliches Charakterbild von ihm, wobei er besonders einige Episoden cinflicssen liess, die auf die Weitcrentwickclung Herzls von grösstem Einfluss gewesen und ihn schliesslich zu dem gebracht haben, wodurch er seinen Weltruf geschaffen hat, zur Begründung der zionistlsehen Bewegung. Das Publikum lauschte den interessanten Ausführungen mit grösster Spannung und lohnte den Redner für den gebotenen Genuss durch lauten Beifall. Im zweiten Teil des Programms gab Herr Robin Robert von unserem Stadttheater einige Rezitationen aus den Werken Herzls zum Besten, darunter ״Trudcls Träne“ und ,.Die Ansprache an den deutschen ־Kaiser", die wirkungsvoll vorgetragen, grossen Eindruck machten und Herrn Robert reichen Applaus eintrugen.“ — Der Reinertrag des Abends beläuft sich auf über hundert Mark, die für unsere Brüder in Russland verwendet werdet!. Rogascn. Am 25. November hielt liier Herr Lehrer J. Auerbach-Posen, in einer öffentlichen Versammlung, die von einem Komitee cinbcrufen war. vor mehr als 150 Personen. unter denen sich auch christliche Bürger der Stadt befanden, einen Vortrag über ״Die Judenfrage und der Zionismus". ־— Der Referent schildert zuerst die Juden* frage als eine aktuelle Frage, und zeigte dann die Fruchtlosigkeit der bisherigen Bestrebungen zur Lösung der Juden* frage. — Referent gab dann ein gemeinverständliches Bild der zionistischen Bewegung, von den' Mitteln, durch welche sie ihr Ziel zu erreichen sucht und von iltrei* bisherigen Erfolgen. — Redner ging zum Schluss seines Referates auf die Ein* Wendungen die gegen den Zionismus erhoben werden ein, um so den allgemeinen Einwendungen, von vornherein die Spitze abzubrechen. — In der darauffolgenden lebhaften Diskussion wurden von der, Herren Hammerschmidt, Jafraw, Itzig und Ru mm eis bürg alle sattsam bekannten Einwände hervorgeb rächt, welche durch Herrn Lehrer Brack, Herr R u s c h i n. Herrn Kantor G! a s s - Maschin und den Referenten selbst treffend widerlegt wurden. Aus den Reden der erstgenannten Herren hörte man deutlich die eigene Personalpolitik heraus, und dann auch, dass noch sehr wenig vom Zionismus durch die Tore dieser Stadt gedrungen ist. — Wenn es zwar zur Gründung einer Ortsgruppe nicht kommen konnte, so haben sich doch etwa 10 Herren der Ortsgruppe Posen angeschlossen. J. G. M. Breslau. Sehon eine Stunde vor Beginn der für den 28. November einberufenen Protestversammlung war der gewaltilge Börsensaal von ca. 2000 Menschen gefüllt, viele Hunderte konnten keinen Einlass mehr finden. Der Vorsitzende der Breslauer Zionistischen Vereinigung. Zahnarzt Schachtel, eröffnete mit herzlichen Begrüssungsworten die Ver- Sammlung. Ais erster Redner nahm *Universitätsprofessor Dr. Cornill das Wort. Er führte u. a. aus: ״Es ist mir die Ehre geworden, hier das erste Wort zu reden, die Ehre, denn ist cs nicht eine Ehre, zu reden in einer Menschhcitsangelcgenheit? Und ich bin ia auch vielleicht nicht ganz unberufen, hier das Wort zu ergreifen. Sind doch der Gegenstand meiner Lebensarbeit die Heiligen Schriften Israels, die auch unsere christliche Kirche als heilig anerkennt, sodass ich lebe und webe im ständigen Umgang mit dem Herrlichen und Grossen, was Israel der Welt gegeben hat. Und wer sollte sich weigern zu reden, wenn die Steine schreien! — Aber doch werden Sie es mir wohl nachfühlen können, wenn ich Ihnen sage, dass es mir andererseits auch wieder furchtbar schwer fällt, hier in dieser Sache zu reden. Ich darf es mir Ja nicht verhehlen, so gern ich’s täte, ich muss es mir Ja gestehen, so־ schwer es mir auch wird, es sind Ja, Gott sei's geklagt, meine Glaubensgenossen, die getan haben, was einem den Glauben an die Menscheit und ihren Fortschritt rauben könnte. Unter diesen Umständen ist es nicht viel, was ich hier als christlicher Theologe zu sagen habe. Und nur als solcher kann und darf ich hier reden. Es ist dies ein warmer und dringender Appell an Herz und Gewissen meiner Glaubensgcnossen. Die Dinge, welche die heutige Versammlung hervorgerufen halten, sind nicht etwa bloss eine Jüdische Angelegenheit, die uns nichts anginge, nein, cs ist eine Sache der gesamten Kulturmenschhcit. Wir reden so gern und so viel von einer christlichen Kultur und sind stolz auf diese. Können wir dann teilnahmslos und stumpfsinnig Zusehen, wenn sie mit Füssen getreten und in der grausamsten Weise verhöhnt wird? Nein, das dürfen wir nicht. Und wenn, wir derartige Dinge auch nicht hindern können, so sollen wie sie doch wenigstens rückhaltslos verurteilen und aufrichtig beklagen, und wir .sollen tun. was in unsern Kräften steht, um die gcschlagcnen Wunden zu heilen. Und deshalb nur dies eine kurze Wort, nur die eine innige Bitte: ״Ihr Christen, die Ihr hier anwesend seid, oder die Ihr nicht hier anwesend seid, Ihr Christen, tut Eure Pflicht!" Herr Gcmeinderabbincr Dr. Rose nt hat - Breslau ergriff alsdann das Wort und führte aus. dass man bei der Aufpeitschung der gemeinsten Masscninstmkte, wie sie In Russ* land Jetzt als Regieruugsrnaxirne gelte, seinen Glauben an die Menschheit erschüttert fühle. Noch sei es nicht einmal sicher, ob die wankende russische Regierung trotz des Abscheues, den diese Exzesse in der zivilisierten Welt hervorgerufen, picht in deren Erregung fortfahren werde. Und doch würde er es nicht billigen können, wenn von den Juden ausserhalb Russlands Jetzt eine feindselige Haltung gegen dieses Land eingenommen würde, denn es sei ein krankes Land, dessen Gesundung mau unterstützen solle. Herr Redakteur Dr. Moses-Berlin schildert unter Be- Zunahme auf einen Artikel Max Nordaus, wie das europäisehe Gewissen, das sonst angeblich so rege sei. bei diesen furchtbaren Zuständen ruhig weiter schlummere, denn ״man könne sich doch nicht in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einniischen". — Bei den Armenier-Metzeleien in der Türkei sei allerdings nicht so gesprochen worden. Welch unsagbare Greueltaten die schwarze Bande in den Genlden Russlands begangen, darüber könne die Presse meist gar nicht berichten; die Feder sträube sich, es niederzuschreiben. Aber in den Hilisbureaus. da höre man cs, täglieh und stündlich, und Europa, •das nicht einmütig gegen diese Massakres Protest eingelegt, mache sich zu ihrem Mitschuldigen. Allerdings auch die Juden ausserhalb Russlands seihst seien nicht ohne alle Schuld, denn auch für sie sei lange Zeit der russische Jude nur der Bettler, der Faullenz'er •gewesen. Und doch sei dem nicht so. dafür spreche die Ar-