Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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t Sielte 648 JÜDISCHE RUNDSCHAU ad. 3.) Die Jüdisch-deutschen Blätter und Bücher würden In dem Momente ihre Existenzberecheigung verlieren, wo sie mit deutschen Lettern gedruckt würden. Denn alle Ihre Leser virsteken deutsch, können es aber nur lesen, wenn es mit hebräischen Lettern gedruckt ist, so dass die betreffende Literatur eigentlich nicht in jüdischer Sprache, sondern in jüdischer Schrift erscheint. Für Deutschsprechende ist das Jüdischdeutsch unmöglich als Sprache denkbar. Nichtdeutschen mag es allerdings als eine besondere Sprache erscheinen, ungefähr so, wie dem Engländer das Sächsische ganz anders als Hochdeutsch vorkommen muss. Dazu kommen beim Jüdischdcutschen noch die hebräischen Lettern, die natürlich das ihrige za der falsehen Ansicht vom Vorhandensein einer ״jüdischen“ Sprache beitragen. Ähnlich liegen die Dinge bei der Sprache dei Sephardim, welche das Alt-Spanische mit hebräischen Lettern schreiben. Doch ist der scphardische Jude so weit vorgeschritten, dass er im Gegensatz zum polnisch-russischen Stammesgenossen ausserdem eine europäische Sprache spricht. Ferner fstj dieses Spanisch zwar veraltet, aber rein tmd nicht so grässlieh verstümmelt, wie im ״Jüdischen" das Deutsche, so dass man von einem ״sephardischen Jargon“ n'cht sprechen kann. Es ist selbstredend begreiflich, dass die mindergeblldcten Volksschichten nicht so grammatikalisch richtig sprechen. Unbegreiflich bleibt es aber, dass die jüdischdeutschen Blätter selbst wissenschaftliche Aufsätze in dieser Form abdrucken. Z. B. heisst es: ״Ich gehe in der (!) Schul’, oder ich lese dem (!) Artikel etc. Es sieht dies genau so schön aus, als wenn eine Berliner Zeitung schreiben würde: ״Er hat dir (!) jeschlagen" etc. Wenn also schon Zeitungen mit jüdischen Lettern erscheinen müssen, so sollten sic doch ein korrektes Deutsch enthalten, selbstverständlich möglichst viel hebräische Ausdrücke neben den gebräuchlichen slavischcn. In Gedichten und Stellen, wo cs sich um die Wiedergabe der gesprochenen Mundart handelt, Ist es natürlich nicht nötig, das Hochdeutsche anzuwenden. — Übrigens existieren ja mehrere derartige Zeit- Schriften, wie die DROHOHYCZER ZEITUNG und die ALL- GEMEINE JÜDISCHE ZEITUNG in Budapest, die in hebrä- Ischem Druck deutsch (nicht jüdischdeutsch) erscheinen und unter einer jüdischdeutsch sprechenden Bevölkerung stark verbreitet sind. Das ״Jüdischdeutsche“ Ist nicht überall gleich. Es gibt einen galizischcn, rumänischen, russischen und englischen Dialekt. Namentlich dieser letztere ist total verschieden von den übrigen, so dass einem galizischem Leser ein amerikanisches im Judendeutsch geschriebenes Blatt zum grossen Teil Teil unverständlich ist, da in einer solchen Zeitung viele engiische Ausdrücke Vorkommen. Judendeutsch kann nicht die Jüdische Nationalsprache werden: 1. Ist das Jüdischdeutsche Im Abnehmen bcgriffen, da die heutige Generation schon anfängt, die Sprache der sie umgehenden Völker zu sprechen (rusissch, polnisch, deutsch, englisch etc.). 2. Ist das Jfidfschdeutsche noch keine Sprache und wird cs aus den eben angeführten Gründen nicht werden. 3. Besitzen die Juden bereits eine Sprache, die überall, wo Juden wohnen, wenn auch nicht immer vollkommen, so doch von einem grossen Teile ׳erstanden wird, cs Ist dies die hebräische Sprache. F* ist also viel verdienstliehen für die Herren Akademiker aus dem Osten dafür zu sorgen, dass neben den Landessprachen die hebräische Sprache vom Volke gesprochen und verstanden wird, anstatt den ״Jargon“ im Westen zu verbreiten, was meines Erachtens durchaus verkehrt wäre. B. G. R. Ünhut. ״Mut“ Die im Verlage von Ullstein & Co. erscheinende BEP- LINER ILLUSTRIERTE ZEITUNO, redigiert von Herrn Karfunkel, hat es fertig gebracht, über die Odessacr Metzeleien zu berichten und sie zu illustrieren, ohne zu erwähnen, dass die Verfolgten und Octötetcn Juden waren. Wieviel Abonnenten oder zeitweilige Leser hätte das Blatt wohl verloren, wenn Verlag und Redakteur den ״Mut" besessen hätten, einem jeden aus den Tageszeitungen längst bekannte Dinge ohne Vertuschung in ihrem wahren Charakter darzusteilcn? Sie hätten ja nicht hinzuzufügen brauchen, dass sic Glaubens- oder Stammesgenossen Jener Armen sind — das weiss man ohnedies. Dass Scherls WOCHE von diesen Dingen überhaupt keine Notiz nahm, ist nicht mehr verwunderlich. Diese geweihten Blätter bleiben reserviert für die Familientage des frciherrlichcn Geschlechtes derer von Krach u. dergl. Der Breslauer Theaterdirektor Dr. Löwe (nicht mosaischer Konfession) veranstaltete am vorigen Dienstag eine Wohltütigkeitsvorstcllung ״zu Gunsten der durch die Revoiution bedrängten und notleidenden Russen.“ Um wen handelt cs sich dabei? Um die Juden doch gewiss nicht. Denn die wurden ja nicht durch die Revolution bedrängt, nur durch die Gegenrevolution. Gespielt wurde aber — ״Uriel Acosta“, also doch wohl für die Juden? Es wurde erzählt, dass diese sonderbare Fassung mit Rücksicht auf die konservativ-antisemitische SCHLESISCHE ZEITUNG gewählt wurde. Wie schlau! Direktor Löwe wurde um Aufklärung ersucht. Die kam nicht. Dagegen annonzierte das Lokalkomitcc des ״Hilfsvereins deutscher Juden“, dass die Vor- Stellung zu Gunsten der russischen, Juden sei. Diese Erklärung stand jedoch nur in den freisinnigen Zeitungen. Die Leser der konservativen Blätter erfuhren das nicht und fielen natürlich darauf — nicht hinein. Nach der Vorstellung schrieb• die SCHLESISCHE ZEI- TUNG: ״Am Dienstag Abend hat im Thalia-Theater eine ״Wohltätigkeitsvorsteliung zum Besten der russischen Notleidenden" stattgefunden — vor halbleerem Hause. Dieser finanzielle Misserfolg wäre vielleicht vermieden worden, wenn die Direktion nicht so sorgfältig verheimlicht hätte, auf wessen Veranlassung diese Aufführung des für den gedachten Zweck passend gewählten Gutzkowschen Trauerspiels ״Urlql Acosta“ veranstaltet worden war und welchem Teile der ״russischen Notleidenden“ vorzugsweise der Ertrag zugewendet werden sollte. Hätte man offen gesagt, dass die Anregung von Breslauer Vertretern des jüdischen Hilfskomitees gegeben wurde, so wäre das Publikum über den Zweck des Unternehmens genügend unterrichtet gewesen, und die Kreise, welche die Sache näher anging, würden wahrscheinlich regeres Interesse gezeigt hahen.“ -״ ־Es liegt eine eigenartige Ironie darin, dass das Komitee sich diese Wahrheit von einem antisemitischen Blatte sagen lassen muss,“ bcmerkt dazu die liberale BRESLAUER ZEITUNG. Schachtel. 1 * _ > Die Schandliste Russlands Die nachfolgende Zusammenstellung ist den in Petersbürg befindlichen Akten über die Judenhetzen an einzelnen Orten entnommen: Gouvernement Tschernlgow. Niederlassung ״Semenowk a". 192 Familien haben Schaden erlitten. Es sind 11 Personen getötet, ca. 10 verwundet: getötet sind die älteren Familienglicder. zurückgcblieben Kinder. — Der Schaden beträgt ca. 150000 Rbl. 150 per Haus für Remontc zu rechnen. Alle Juden sind mittellos geworden: zwei Synagogen sind zerstört. Das Kapital des Spar- und Vorschussvcreins (Rbl. 6000) ist verloren. Un et sc 11a. 18 Familien haben einen Schaden von 16000 Rbt. erlitten. —- Niederlassung Swiatskoje. Der Verlust beträgt über 40000 Rbl. — Niederlassung t