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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seit© 647 JÜDISCHE RUNDSCHAU wehr hat Respekt vor Juden geschaffen, doch sie Ist nicht; Endziel, pur Palliativ. Was ist das Endziel? Sobald wir ein eigenes Land und eigene Regierung haben, können wir mit Repressalien drohen und man wird sich hüten, die Schwachen anzugreifen. Der Schwache ist dann nicht mehr schwach, er hat Rückendeckung! Gewiss sollen die Juden in ihren Ländern gute Staatsbürger sein. Ich glaube, bei einer guten Regierung sind die Juden die besten Untertanen des Landes und denken nicht au Unruhen. Redner kommt nunmehr auf die alte Heimat Palästina zu sprechen und beweisst, dass kein Argentinien, das jährlich viele Hunderttausende der JCA kostet, noch irgend ein anderes Land das historische E r e z J i s r a e I ersetzen kann. Man hält das für Utopie; Palästina könne nur wenige ernähren. Aber aus der Geschichte früherer Zeiten ist es In der Wissenschalt dargetau, dass bei ähnlicher Lage des Landes und der Verhältnisse, wie heute, K o I o 1t i s a 110 n e n s I c h glänzend bewährt haben, so die Cyrciiaica, Corcj ra, zu Kleinasieu. Wo jetzt IOO kiiimiierlich leben, werden •bXW gut sich erhalten können, vielleicht sogar 5— 6U00, wenn auch Industrie planmässig gefördert wird. Wir müssen erstreben eine allgemeine Verbesserung der türkischen Gesetze, keine Wohltätigkeit, sondem p o I i t i s c 11 e Ansiedlung. Die R e i o r m wird sicher kommen und das Land zu einem blühenden Gebiete machen. Dann werden wir wieder entziehen, das Land z1׳ besiedeln; uns ist es unverrückbares Endziel nach 2000 Jahren der Judennot. Haben wir es erreicht, dann nicht allein zum Vorteil der Juden, sondern der gesamten Menschheit. (Beifall) Ussischkin sass da wie eine Statue von Bronze, unbeweglich, ohne Mienenspiel, den starken Blick ins Weite gerichtet, als sehe er vor sich die Kämpfenden, die Leichen der Erschlagenen. Eine mächtige Erscheinung, gross und breitschultrig, vollrund mit einem von kurz gehaltenem schwarzen Volbart umrahmten Gesicht. Das grosse Unglück des Jßdisehen Volkes, bub er an mit fremdklingendem Akzent, bringe ich hier zur Sprache. Schon seine Sprache ist sein Unglück, leider spricht cs nicht seine eigene Sprache, Sie verstehen sie grösstenteils nicht, sonst würde ich mich hebräisch an Sic wenden. Ich spreche ein schlechtes Deutsch. Für mich ist eine Oolussprache, ״russisch“ schon genug, fch kann von mir sagen mit Jeremias; Ich bin der Mann, der das grosse Unglück seines Volkes mit eigenen Augen gesehen hat. fch bin schrecklich unglücklich und glücklich, dass ich das durchlebt habe. Unglücklich, w׳eil ich all das Eiend gesehen, glücklich, weil ich im Unglück an der Seite meiner Brüder und Schwestern ‘sein durfte. Sic glauben: ich will Ihnen alles erzählen. Ich werde Si? schonen, und nur einiges sagen, was in keiner Zeitung gestanden, Nichts ist übertrieben, vielleicht Lsts viel weniger als die Wirklichkeit! Ich sage, was von uns selbst gesehen Wurde. In einem grossen Hause verteidigte man sich von innen gegen eine Menge Pöbel. Da hat man das ganze Haus mit allen Menschen verbrannt. Ein Freund aus Jekaterlnoslaw, ein Nichtjude, sah wie man kleine Kinder nahm und In den grossen Ofen einer Eisenfabrik lebendig ins Feuer warf! (Entrüstung. Pfui!) Das Unglück heute war grösser, und w׳as Uns erfreuen mag, wir fanden auch grössere Juden. Sie wissen, vor zwei Jahren war der Progrom zu Kischinew. Die Juden hatten sich dort nicht verteidigt. Jetzt war es anders! In unseren Juden sind die Enke! der alten Makkabäer wieder erstanden! Wir haben Leute auf der Strasse kämpfen gesehen, nicht für die Eitern ... die waren schon tot — nicht für die Freiheit — das w׳ar nutzlos — nein! Nur für die Ehre des Jüdischen Volkes! Wenn wir Juden gelernt haben, fiir Russland unser Blut zu vergiessen oder für die Freiheit Russlands, oder für die Ehre des Jüdischen Volkes, so müssen wir auch lernen, für unser heiliges Erez Jisrae! unser Leben zu opfern! Was wir fetzt tun ,sollen? Auf Rache zu sinnen? Nein!Was wir brauchen, Ist, dass wir hingehen in das Land, von wo wir vor 1823 Jahren hergekommen sind. Wir sagen das schon seit 25 Jahren resp. seit 9 Jahren. Viele Leute unter uns, die Reichen, die Grossen, die Magnaten, Rabbiner, die sagen Nein! Da muss Ich aus altem jüdischem Gesetz eine Stelle (arufo) anführen. Wenn inan einen ermordeten Menschen findet und weiss nicht, werder Täter ist, dann müssen die Magnaten, die Grossen, zur Leiche kommen und opfern, die Hände erheben und sagen: ״fch habe keine Schuld am vergossenen Blut.“ Getötet haben sie nicht, das ist klar; aber sie stehen an der Spitze des Volkes und’ müssen Antwort geben, dass ihre Regicrungsart keinen durch Not oder sonstwie zum Tode getrieben. Antwort gebe nun ich! Ich klage an unsere Grossen! Sie haben kein Recht zu sagen, es träfe sie keine Schuld an den Morden in Russland! Seit 25 Jahren (Redner schlägt mit der geballten Faust mehrere Male stark auf den Tisch) und lauter seit 9 Jahren rufen wir ihnen zu, kommt helft, es gibt nur einen Ausw eg gegen die vorbereiteten Morde! Ihr tragt die Schuld! Sorgen Sie, dass unsere Bewegung erstarke, dass unser Volk zur Ruhe komme in seiner alten Heimat, im heiligen Erez JisrAel. (Gewaltiger, nicht endcnw0׳Uender Beifall.) * י** Was jetzt folgte, war widerlich. Ein Gegner, Albert Bier, suchte in geschmackloser Weise den Ernst und die Würde der Versammlung durch bekannte Assimiianten-Phrasen zu stören. Viele Schlussrufc aus der Versammlung machten Ihn au! den allgemeinen Unwillen deutlich aufmerksam und als ihm ein Referendar D r. Apfel, der sich auch als Nichtzionist vorsteilte, in wirkungsvollen jüdisch-patriotischen Worten eine Lektion über Jüdisches Gefühl erteilt hatte, dröhnte minutenlanger Beifall durch den Saal. Präsident W 01 f f s o h n nahm zur Antwort auch noch das Wort. Seine Festnagelung des widerspruchsvollen Verhaltens dieser Art Assimilanten klang so natürlich und kam so schlagfertig heraus, dass die gesamte Versammlung von Herzen den Ausführungen des Redners zustimmte. Ebenso wurden auch die Schlussausführungen des Vorsitzenden Dr. Bodenheimer mit Beifall aufgenommen. Unter grosser Befriedigung über die erhebend verlaufene Versammlung ging man gegen Mitternacht nach Hause, aw. Jargon oder Jüdische Sprache ln der letztwöchigen Ausgabe der JÜDISCHEN RUND- SCHAU findet sich eine Notiz über ״Jüdische Kultur"; darin wird von der Gründung eines Wiener akademischen Vereins berichtet und der Aufruf diese Vereins bekanntgegeben. In diesem Aufrufe wird nun die Behauptung aufgestellt, dass das Jfidischdcutschc in Wirklichkeit efne neue Sprache bilde, deren sich jedoch viele schämten, statt sie zu pflegen and auszubilden. Als angeblichen Beweis für diese Behauptung führen die ״Jargonisten“‘ an: 1. ״Jüdisch" wird von so und soviel Millionen Juden gesprochen. 2. Eine grosse Anzahl von Schriftstellern schreibt und dichtet ,Jüdisch". ... 3. In Jüdisch" erscheinen Bücher und Zeitschriften. Demgegenüber ist zu bemerken ad 1.) ״Jüdisch" Ist eine deutsche Mundart mit hebräischen und einigen slavisehen Ausdrücken gemischt. (Deutsch ca. 80, hebräisch 15, slavisch 5 Prozent.) Es ist sogar für den Deutschen leichter verständlich als.andere Dialekte, wie Plattdeutsch, Schwäbisch etc, die gleichfalls von Millionen gesprochen werden, ohn״ jedoch eine Sprache auszumachen. ad. 2). Auch In anderen Mundarten gibt es Dichtungen und Schriften, z. B. Im Plattdeutschen (Reuter), Steirischen, österreichischen (Rosegger, Anzengruber) etc.

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