Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 646 __ JÜDISCHE Tuberkulose noch Zeit findet, kraftvoll einzutreten für die Ziele seines Volkes! Mr. Greenberg, der, was Völkerrechtliche Fragen betrifft, uns in erfolgreicher Weise bei der englischen Regierung vertreten. Und nun den Mann, der mit eiserner Faust den Kongress beherrscht hat; den Führer der Partei Erez JisrAil kat’ exochön, U s s I s c h k in! Wenige Tage ist cs her, da stand er am Grabe von 75 der jüdischen Selbst wehr! Lauter jungen Zionisten! Von Polizei und Militär erschlagen und niedergcknallt! Mit 1000 Mann jüdischer Selbstwehr, deren Organisation sein Werk, stand er am Grabe. (Bewegung, Beifall.) Mit einem Appell aq die Hörer, mitzuarbeiten am Eriolg des Zionismus und an die Männer des Aktionskomitees auszuharren in der Arbeit im Sinne des Dr. Th. H e r z I, schliesst der Redner unter lebhaftestem Beifall. Wolffsohn, mit Beifall empfaitgen, dankt zunächst dem Vorsitzenden und der Versammlung und dass man von Festesfeier Abstand genommen. Wir befinden uns in trüber Zeit. Nun wo ein grosses Volk, das russische, sich befreit, erwarteten wir auch fürs Jüdische Volk Befreiung. Gewiss. J־c Russen sind bedrückt, aber die 7 Millionen russischer Juden entbehren der primitivsten Menschenrechte. Von den II bis 12 Millionen Juden in der Welt, sind die in Russland am scheusslichstcn doch daran. Infolge der anstrengenden Vorarbeit, kann ich nicht so ausführlich sein. Drei volle Tage haben wir andauernd gearbeitet und die Herren Marmorck und Greenberg wollen auch zu Worte kommen und müssen in ־wenigen Minuten abreisen. Sic wissen, es sind weit mehr als 10000 Juden in Russland hingemordet worden, 100 000 sind verwundet oder an den Bettelstab gebracht. Einzelheiten wird Ihnen Freund.Ussischki n berichten. Wie man dort gehaust, wissen Sie aus Jekaterinoslaw. Die jüdische Selbstwehr, 75 junge Zionisten, sind sämtlich gefallen. Wenige Werst davon ist ein Ort, dort wohnten 15 jüdische Familien, alle, Eltern und Kinder, alle sind sie ermordet; nicht einer* ist übrig geblieben, die Trauernachricht zu bringen. Die Anderen Habens uns gebracht. Die Leichen haben sie von Hunden zerfleischen lassen. (Entrüstungsrufe; Pfui!) Von noch nicht 10 Prozent wissen wir die Vorgänge; wir Werdens auch wohl niemals erfahren. Die Toten schweigen. Das Russische Volk erhielt durch Manifest vom 30. Oktober eine Verfassung. Alles jubelte; auch unsere Juden. Einen Tag nur, dann waren 71*) jüdische Gemeinden vernichtet! Sie sind wie auf Kommando alle hervorgebrochen! Die Chuligans, Polizisten, verkleidet und in Uniform, und das Militär! Alle zur selben Zeit, alle in einer, Methode! Ich bin wirklich nicht imstande, es zu schildern. Von allen Seiten verbreiteten sie Verwüstung und Mord. Überall Metzeleien in derselben Weise. Wir haben!mutig! unsere Se!bstw׳ehr entgegengestellt, organisiert von U s s i s ch - kln; in Kiew organisiert von Mandelstamm. Aber auf so fürchterlichen Überfall war die zionistische Selbstwehr nicht vorbereitet. Die Juden glaubten bei dem Zarcn-Maniicst auch in Russland an eine Verbrüderung! Wie wurden sie getäuscht! Sträflinge, Plebs aus niederen und hohen Kreisen, Rowdies, Chuligans, Mordbuben überfielen Juden. Und diese Mörderbande wurde von Polizei und Militär geschützt! Es hat wirklich keinen Zweck, Einzelheiten des grausigen Mordens hier aufzuführen. (Es liegen Depeschenhaufen im Präsidialbureau.) Wolffsohn appelliert an die Hilfsbereitschaft und erwähnt, dass die Jüdische Kolonfalbank bereits 50 000 Mark gespendet. Allerdings ein Tropfen auf einen heissen Stein. (Beifall.) Alexander Marmorek (mit Beifall empfangen, sowie die folgenden Mitglieder des A.-K.) spricht mit flammender patriotischer Begeisterung, aber so schnell, dass man •) Aus den fetzigen Nachrichten sind letzt bereits Ober 140 solcher Gemeinden bekannt geworden. Red. RUNDSCHAU No. 49 schwierig folgen kann. Redner weist hin auf das Unglück des Jüdischen Volkes, seine Zerfahrenheit, betont den Idealismus in kurzen kernigen Worten und schliesst mit einem energischen Hinweis auf die unzerstörbare Liebe zur Freiheit im Jüdischen Volke, das aus seinem?(**)jährigen Schlummer erwacht, durch den Zionismus sein neues ewig altes und doch hc(ues Volkstum wieder aufhatien werde. Grosser Beifall lohnte den Redner. Mr. Grccnbergs Rede wurde von Marmorck aus dem Englischen verdeutscht. Wie schrecklich cs sei, dass Mensciicn nur deswegen, weil sie Juden seien, ermordet wurden. Sehr häufig verübe das russische Volk diese Schandtaten, trotzdem an 6 Millionen die Zahl der Juden in Russland sei. Würden die Russen den Amerikanern oder Engländern ebenso mitspiclen? Nein! Kein Haar hat man ihnen gekrümmt weil eine starke Regierung hinter ihnen stand. Wir müssen cs erreichen, dass wir unsere ni Volke denselben Schutz angedeihen lassen können. Die Juden im Westen müssen Einsehen, dass das Jüdische Volk einen eigenen Boden haben muss. Die starke Bewegung des Zionismus bringt es zustande, dass seine Verwirklichung deq Erwerb der höchsten und idealsten Güter für das Jüdische Volk bedeuten wird. (Beifall.) Professor W a r 1> u r g: Wem! Herr Dr. Boden heim er uns Dank weiss, dass wir hier hierhergekonimcn sind, um zmn Wolde des Jüdischen Volkes zu verhandeln, so sage ich: in dieser Zeit wäre uns keine Reise zu weit gewesen, und wären wir in Charbin oder Söd-Airika. jeder von uns hätte gern die Reise unternommen, wenn nur eine Chance vorhanden ist, die Leiden zu mildern. Wir sind uns bewusst, sonst nichts tun zu können. Herr Dr. Boden heim er hat die Hoffnung, dass wir im Sinne Dr. H e r z I s Weiterarbeiten werden. An Willen fehlt es nicht. Aber die Kraft!? Dr. HerzI war der unvergleichliche Mann, aus einem Chaos eine Partei zu formen, aus Träumern und gebückten Menschen aufrechte Männer zu machen. Leider können wir ihm nicht gleichkommen. Wir bilden nur ein Zwischenregiment; wenn wir Kleines mit Grossem vergleichen dürfen: ein Arbeitsministerium. Wir, die wir die schwere Arbeit übernommen, müssen arbeiten, unermüdlich, wenn wir die Bewegung auch nur allmählich vorwärts bringen wollen. Uber Russland zu sprechen, vermag ich nicht. Wohl sind wir einzelne in Berlin zu-1 sammengekonmien; aber ohne Plan und ohne Ziel wurde gesprochen. Man weiss nicht, was geschehen soll. Wir sind verwaist! Ich weiss nicht die Tränen zu trocknen. Nach einer gewissen Berechnung ist der Verlust an Vermögen und Werten, abgesehen von dem unerhörten moralischen Druck, in dem sich die Volksmasscn befinden, so dass Ungezählte seelisch Erkrankte in Irrenanstalten anlangen oder zu Idioten werden, also Ist dieser Verlust von einem Kenner im Hilfs1־ verein berechnet auf dOO000000 Mark. (Rufe des Mitgefühls.) Aüe Sammlungen der Welt können nur einen kleinen 'Teil der Summen aufbringen und jedem ist es klar, dass 8—10 lichstens 12 Millionen Zusammenkommen werden. Wir in Deutschland sammeln relativ gut. Wie ich hier aus den Zeitungen zu ersehen glaube, beteiligen sich sämtliche Konfessionen. Vor 5—600 Jahren ereigneten sich gerade hier am Rhein auch schreckliche Szenen; aber alles ist nichts gegen das, was jetzt in Russland geschehen! Da tritt die bange Frage vor: Musste es denn sein?! Herr Greenberg hat gesagt, es liegt in der menschlichen Natur, gegen den Schwachen grausam zu sein und darum allein schon mussten wir unserer Selbständigkeit zustreben. Übermächtig überkam unser Volk die Bestialität, überall Schrecken und Tod verbreitend. Wunder von Mut und Tapferkeit, würdig ihrer Vorfahren der Makkabäer, verrichtete die jüdische Selbstwehr. Sie hätte öfters genügt, wenn nicht Polizei und Militär die Selbstwehr zerstört und vernichtet hätte. Diese $elbst-