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Jüdische Rundschau · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 644 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 49 so leider die besten Geschichtsqucllen, die für das mittelalterliche Judentum in Deutschland existieren, soweit sie nicht mit den Gemeinden seltst zusammen verbrannt wurden. Die grossen Gemeinden konnten protestieren, konnten versuchen, was sie helfen und schaffen könntcn. Die Meinen und Schwachen waren gezwungen ihre Herzen auszuschmtcn in stiller Trauer im Hause der Gemeinde. Wie ganz anders heute? — Die Welt ist fortgeschritten, ist literal geworden, und die Zentren der Judenverfolgung haben sich ein wenig verschoben, wenn auch der alte Zustand seit mindestens tausend oder zweitausend Jahren unverändert geblieben ist. Die fortgeschrittene Welt hat nicht mehr das Bedürfnis, die Ehre der Gesamtheit zu wahren; ihr genügt es, wenn die Einzelnen ihre Ehre recht hoch einschätzen, und um so höher, je schlechter die Ehre der Gesamtheit dabei wegkomnu. In der Zeit, wo es ein Zeichen von Bildung für jeden Juden ist, vom Judentum möglichst nichts zu wissen, wo es als ein Zeichen besonde.rs feiner und vornehmer Gesinnung gilt, sein Judentum möglichst zu verbergen, und um so mehr, je weniger äusseren Vorteil cs bringt, ist cs natürlich, dass nur noch kleine Gemeinden so dumm und in der Kultur zurückgeblieben sind, dass sie gegen die Gräuel, denen die jüdischen Brüder und Schwestern zum Opfer gefallen sind, protestieren. Grössere Gemeinden können es sich noch leisten, wenigstens Trauergottesdicustc abzuhalten, um so der äusseren Pflicht des Anstandes zu genügen, ganz grosse Gemeinden, die an der Spitze der Kultur die grosse Refomigeige spielen, dürfen natürlich so etwas nicht mitmachen und stellen still bei- Seite. Denn das könnte dem Liberalismus schaden, wenn man ^as jüdische Gefühl erregen wollte. ln Berlin wurde daran g׳edacht, zu protestieren — dank der niedrigen Kulturstufe, auf der nun einmal die Zionisten stehent kam es ׳sogar 2u zwei Protestver- Sammlungen, obwohl von liberaler Seite die Warnung kam, es möchte der Regierung des Grafen Witte unangenehm sein, wenn in Berlin die Juden Protestver- Sammlungen abhalten wollten. Die Unkultur siegte, und nur eine Versammlung sah sich vor verschlossenen Türen. Dann fand eine zweite grosse Protestversammlung statt, die der ersten rein-zionistischen gegenüber zwar matt, alter doch ebenfalls eine ganz grandiose Kundgebung der Volksseele war. Inzwischen verhandeln Vorstand und Repcäsentamenversammlung hinter geschlossenen Türen, ob man es zulassen darf, dass in den Synagogen der Gemeinde Trauergottesdienste abgehaUen werden.. Man geht dabei in diesen Beratungen mit solcher Langsamkeit und Behütsamkeit zu Werke, dass man annehmen darf, dass es sich um ״Jahrzeitgottesdienste“ handeln soll. Sind das doch die einzigen Gottesdienste, die ein echter literaler Mann ausser der Totenfeier am. Jomkippur zu besuchen pflegt. Aber nein, trotz aller Schwierigkeiten, die man sich selber macht, sollen wir so lange nicht warten. Noch in diesem Jahre, schon am nächsten Sonntage werden in der Neuen. Synagoge und in der Rykestrasse Trauergottesdienste staufinden und zwei Rabbiner liberaler Richtung werden die Feier zelebrieren. ,Damit ist gewiss auch das Bedenken gefallen, dass die Herren Rabbiner, dfe Predigten und Gebete erst dem oberliberalen Vorstande zur Präventivzensur vorlegen sollen. Denn um nichts Geringeres handelte es sich. Man hatte Bedenken, dass in den Predigten oder in den Gebeten etwas Vorkommen könnte, was der Regierung des Orafejt Witte unbequem sein, ״was politisch sein könnte.“ Dabei war man so vorsichtig, nur ln geheimen Sitzungen darüber zu beraten. Denn trotz des geistigen 'i icistanaes, der sich hierin zeigt, war man sten wenigstens darüber klar, dass man wohl durch AusüDung einer Präventivzensur zwar die önemhehe Meinung eine Zeit lang unterdrücken kann, dass man sich aoer dadurch nur das sicnere Zeugnis geist ger hellwache und völliger Umänigkeit aussielh. Uder weilte man nur solche Rabbiner zu Wort kommen lassen von denen mau nicht annimmt, dass sie ״politisch** reaen konnten, sollte nur aeshalb der Gottesdienst auf zwei Synagogen bcscltrankt worden sein, weil man sonst ment uie Möglichkeit umgehen kann, Leute predigen zu lassen, die ihre Gebete, und Predigten nicht vorhkr einem hochweisen Rate zur Zensur verlegen? Das kann und dar!' nicht sein! Aber das wird erst dadurch klar werden, dass die Gemeinde sich cntschlicsst, unmittelbar hinterher noch in sämtlichen andern Syttagogen gleiche (Jottesaieuste zu veranstalten, wenn sie auch nach weiter hinter den Ereignissen hcrhiiiKen, oenen sie gelten. Bei so langem Warten kann cs aut eine halbe Woche wahrlich nicht ankommen. Man hatte in der Gemeinde erwartet, dass die Gottesdienste an einem Montage statüinden sollten, weil am Sabbat nach utiserm Gesotz kein Trauergottesdienst stattiinden darf. Den Sonntag, glaubte man, würde ein liberaler Vorstand nicht wählen, weil er dadurch zu sehr a!1 jene ins Wasser gefallenen Be- Strebungen erinnern würde, die uns den Sonntag anstelle des Sabbats einschmuggeln wollten. Daher erwartete man einen Montag als solchen Tag. Da nun doch ein Sonntag gewählt wurde, so wollen wir ghich von vornherein gewissen liberalen Machenschaften gegenüber ieststelk-11, dass nicht der Sonntag es ist, der uns in die, Synagogen führt, sondern der stumme Protest gegen die Mordtaten, die man an unsere Stammesgenossen verübt hat. Trotz des. Sonntags werden wir die Synagogen füllen. Lange hat es gedauert, bis in der Jüdischen Gross- Gemeinde Berlins der Gedanke durchgedrungen ist, dass unsere Ehre es erfordert, in der Weise zu wotestieren, die allein durch das .Judengeseiz von 1S47 Jüdischen Gemeinden gestattet ist. Wir erwarten, dass der Vorstand nun auch in den andern Synagogen in der Kaiscrstrassc, der Lindenstrasse und der Lütz׳.:w- Strasse unverzüglich Trauergottes’di'enste nachMgen lässt und dass dort d i e Rabbiner sprechen, an denen das Herz eines grossen Teiles der Jüdischen Gemeind? hangt. Als die Juden in Deutschland Jahrhunderte des Elends und der Unterdrückung durchwachten, da waren es die Juden anderer Länder, an deren tätiger Mithilfe und brüderlicher Gesinnung sie sich aufrichte er. Es ist eine Pflicht der Dankbarkeit, dass die deuts.'he Judcnhcit ihre Brüder, die desselben Blutes sind, wie sie selber, nicht allein stehen lässt. Wir fühlen uns mit ihnen solidarisch. Wir wollen nicht Schuld haben an der Ermordung des Bruders, wir wollen nicht Untätig neben seiner Leiche stehen. Das Blut, das in Russland von Mörderhand vergossen wurde, an dem das Russische Volk teil hat, soll nicht vergeblich geflossen sein. Wenn auch jeder neue Ausbruch der uralten Judennot bei schwachen Herzen dazu angetan ist, vom Judentum wegzuiühren, wenn auch jeder neue Ausbruch des nimmermüden Vulkans, auf dem wir uns angesiedelt haben, uns am allerwenigsten unserm alten Heimatlandc näher zu bringen geeignet ist, so kann und darf das Blut von Tausenden und Zehntausenden nicht umsonst geflossen sejn. Die alte jüdische Volkskraft lebt wieder auf. Der ehemals deutsche, letzt russische Jude hat gelernt für eigene

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