Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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N48 .״ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 6.37 Russland zu übermitteln. Es ist tiei zu beklagen, dass i n e i 11 e ni L a 11 d e. d a s s i c 11 christlich nennt, solche Greuel Vorkommen können. Hoffentlich wird die jüngst dort auch für das religiöse Gebiet in Aussicht gestellte Freiheit solche traurigen Vorkommnisse in Zukunft Verbindern und die von der offiziellen Kirche abweichenden Staatsangehörigen sämtlich vor Vergewaltigungen schützen, w'e sie bisher leider mehrfach dort zu beklagen waren. A. Kardinal Fischer, Erzbischof von Köln.” Und der Erzbischof von Bamberg. Dt. Friedrich Philipp Albert hat an den Vorsitzenden des Nürnberger Hilfskontitees, Rechtsanwalt I)r. Karl Stander folgende Zuschrift gerichtet: ״Ew. Hochwohlg.baren! Wenn es mir auch bei dem späten Eintreffen des Schreibens nicht möglich war. an der auf vergangenen Domicistag. den Hi. November, ang.setzten Vorbesprechung in Nürnberg teilzunehmcn. so bin ich doch ganz mit 1L11 Bestrebungen des zu bildenden beziehungsweise gebildeten Komitees einverstanden und stelle gern meiner. Namen zu dem zu erlassenden Aufrufe zur Verfügung. Zu dieser öffentlichen Stellungnahme für die Familien der ermord.tcn und beraubten russischen Juden veranlasst mich nicht bloss ilas Gefühl allgunein menschlicher und christlicher Nächstenliebe, sondern ausserdem noch die PiTcht der Dankbarkeit für die. tatkräftige UnteiStützung, welche russische Juden d.n um die Mitte des vergangenen Juhriunderts um ihres Glaubens willen verfolgten katholischen Christen bei ihrem Transport nach S'biricu ungceleihcn lies*.11. Mit aller Verehrung und Hochachtung hin wl! Euer Hochwohlgebaren ergeh.ncr Dr. Friedrich Philipp Albert. Erzbischof von Bamberg, den 17. November 19■ •5." Hilfsaktion Sammlungen für die Opfer der Russischu^ .ludcmnet/.eleien sollen jetzt auf Anregung־׳ des 0 b c r b iTr'V e r 111 e i s t c r s K t r s c 1111 c r und des Herrn James S i!11 o!1 in B< rlin in die Wege geleitet werden. Auf Einladung dieser beiden Herreu traten gestern im Rathause verschiedene im Berliner Lehen hervorragende Persönliclik.iteu zusammen, so der Biirgermeister Relcke. Stadtrat Michele־. Stadtältester.. Kaempf. die Gche/mräte Herz. Riess.r. Rathenau, der Fürstbischöfliclie ^Delegat Kleineidam. Prof. Strack. Prof. Reiivcrs. General- Konsul Landau. Justizrat M«׳JIer u. a. m. Justizrat Modler und Probst Kleineidam sprachen zuerst vom katholischen Standpunkte ihren Abscheu über di. Russischen Zustände aus und betonten, dass die Bewegung zur Linderung dieser Not nichts mit der Konfession zu tun ,!1al>;. Denselben Standpunkt vertraten noch verschiedene andere Redner. Konimerzienrat Steinthal erklärte, dass di. Kassen der Deutschen Bank Beiträge entgegennehmen, auch soll die Firma Loeser & Woltf gebeten werden. Listen in ihren Läden auszulegen. Der versandte Aufruf hat fulgendeu Wortlaut: ״Zahlreiche Russische Städte und Ortschaften sind von euer furchtbaren Katastrophe heimgesucht word:!1. Irregeleitete Banden überfielen die Juden, massakrierten Männer. Frauen und Kinder, vernichteten oder raubten*ihnen die Habe, verbrannten ihre Häuser imd erschlugen auch zahlreiche Christen, die zur Verteidigung der Vcrfoletvn herbcigeolt waren. Die Not ist eine ungeheure und die Not wird wachsen mit dem Hereinbreehcii des Russischen Winters. Allen den Ho'mgcsuchtcn, Juden und Christen, zu helfen, ist Menschenpfliclit. So fordern wir dem! jeden eJelempfiiuleitd.11 Deutscheu auf. durch eine Gabe beizutragen. dass die Verwundeten gepflegt, die Hungernden mit Brot versehen., die Waisen erzogen und die niedergebrochenen wirtschaftlichen -־־.xistcnzcii vor dem völbgen Untergänge bewahrt werden." Wohltätigkeits-Matinße Für die auf den 10 Dezember vom Kapellmcis:e-r \ ictor H o 11 a e 11 d e r angesetzte W’ohtätigkcits-Matinee zu Gunsteil der Russischen Juden im Neuen! königlichen Opernhaus haben ausser den bereits genannten Künstlern noch Frau Professor Selina Nicklass-Kemoner. Herr Kammer- Sänger Werner Alberti. sowie Herr Carl Stabernak (Kunst- Harmonium) ihre Mitwrkur.g zugesagt. Der l)il!et-verkauf bei Bote & Bock und Wertheim ist bereits eröffnet. Protestversammlung in Berlin ln der für Dienstag Abend nach dem grossen Saale der Brau.rei Friedrielisfiaiu von Vertretern sämtlicher jiiJisclicn Organisationen einberufenea P r o t c s t v e r s a m m l u n g gegen de judenhetzen in Russland, in der unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Horwitz die Herren Rabbut.r Dr. E sc I. e 1 h ה c 11 c r, Justizrat F 11 c 11 s. Dr. Klee. Sowie ein evangelischer Geistlicher und Herr Dr. Hirse! Hildesh e i m c r Ansprachen hielten, wurde unter stürmischem Bei- I fall der von über fünftausend Personen besuchten Ver- Sammlung folgende Resolution angenommen: ..Die am 28. November stattgehabte, von •1000 Vertretern aller Schichten der Juden Berlins besuchte Versammlung gibt ihrem Mitgefühl und ihrer Trauer über die grauenhaften Heimsuchungen, von den;n die hartgeprüften Glaubensgeiiossc 11 in Russland abermals betroffen worden sind, t'efempfundenen Ausdruck. Voll Abscheu über die Vernichtung von Leben und Eigentum vieler Tausender erhebt die Versammlung gegen die alle! Menschlichkeit und Gesittung Hohn sprechenden Greuel und ihre ungehinderte Duldung lauten Widerspruch und ruit das öfftiitlclic Gewissen auf, durch einmütige Verurteilung jener Grausamkeiten ihr ג drohende Wiederkehr zu hindern. ״Indem die Versammlung den überall sich betätigenden Wetteifer, das unermesslich. Elend zu lindern, verzeichnet, sprich: sie die ziivcrschtiiche Erwartung aus. dass jeder ohne Unterschied des Glaubens aus Eig.nem opferwillig spenden und in den ihm zugänglichen Kreisen gleich werktätiges Erbarmen wachrufeit wird.” T rauerzug New-York, 2X November. Die Juden im Osten der Stadt veranstalteten heute wegen der Greuel in Russland ei!־.«!! eindrucksvollen Trauerzug. Etwa H>000 Personen!,ahmen daran teil. Jenenser Studenten!::!!.• ״Pratestversaiimilung■* der deutschen $ t u d e 11len an der Universität Jena fand im grossen Saale des Hotels zum ״Deutschen Haus” statt. Ein Teilnehmer berichtet über ihren Verlauf: Der Saal war schon um S Uhr von den wohl vollzählig erikhienenen Korporationen im Hauptraum besetzt. Der Vorsitzende Dr. Slotty führte aus. dass die deutsche Stu• d e 111 e n s c h a f t duich die bekannte Antwort der Russen in gröblichster Weise angerempclt worden sei. Zum \Vvrt meldete sich darauf cand. phil. F. Vetter, ein Student in älteren Semestern, und erklärte in kurzen Worten, der Resolution nicht beistiitmien zu können, da er die Kundgebung der Russen für durchaus massvoll halte und bis auf einen Satz auch inhaltlich billigen müsse. Der Rednex wurde mit Ruhe angehört und durch vereinzelte Zurufe aus der Versammlung unterstützt. Dann sprach Herr cand. jur. Ohm. Auch er betonte, es handele sich keineswegs um Ausscl.licssung der Ausländer von den deutschen Universitäten, nur die gefährlichen und missliebigen russisch -jüdischen Studenten (Zwischenruf: Also J u d e 11 h c t ze!) wolle man sich vom Halse sc 11 a iien. Besonders stark war der Referent in Gesinnungsmache. Das .Wort erh;elt nun Herr Geheimrat Professor Dr. Linek. Der Redner hatte sich als Mitglied des Scnats über die tatsächlichen Verhältnisse erkundigt und teilte unter anderem folgendes mit: In einem der chemischen Institute sind heute, am 9. November, noch fünfzehn Plätze irei, im mineralogisch:*! Institut ist kein einziger Russe, in einem anderen Institut kam ein russischer Student gleich zu Anfang des Semesters zu Herrn Professor Woltf und verzichtete freiwillig auf seinen Flat/, im Laboratorium, da er von der entstandenen Bewegung geeen die Russen gehört hatte. Herr j Professor Linck sagte ferner, auf die unbestimmten Anklagen über sttliche Vergehungen könne der Senat nicht eing.dten. [ man solle die einzelnen Fälle nennen: dann werde der Rcle- Ration in solchen schweren Füll.!!, wie es die angeführten wären, nichts im Wege stehen. Er warnte aber vor der Pharfsäerstimniung unter den deutschen Studenten, wie sic sich in der Verurteilung des sittlichen Lebens der Russen offenbar äussert, indem die Deutschen sich auf ihre höhere Sittlichkeit etwas zugute täten nach dem Wort: ,.Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht bin. wie jene Zöllner und Sünder!" Auch die Internationalitüt der Wissenschaft betonte der Redner und führte aus. wir Deutschen liüttcn doch nicht nötig, in dieser engherzigen und ängstlichen W'cise uns der fremden Studenten a!1 deutschen Universitäten zu erwehren. . wir sollten vielmehr in freiem Wettbewerb uns anstrengen, mehr als die Ausländer zu leisten und selber mehr ins Ausland gehen, nach französischen, englischen und anderen Universitäten. um unseren Ge sic 111 s kreis zu erweitern und von den Fremden zu lernen, was niemandem etwas schaden könne. Vielleicht werde man später einmal lachen über diese! nationale Engherzigkeit als einen überwundenen Standpunkt, so wie wir jetzt lachen über Ansichten aus der Zeit Friedrichs des Grossen, oder wie wie jetzt in Siiddcutschland über den antiprcussischen und undeutschen Partikularismus hinausge-