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Jüdische Rundschau · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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JÜDISCHfe RUNDSCHAU No, 48 — von einem Juden lässt ״man" sich z. B. nicht gern auf der Strasse grossen etc. etc. — wollen wir nicht weiter ausführen. Es müsste ein Meister erstehen, welcher eine Kulturgcschichte des Ostens ausschliesslich in Zahlen schriebe, ohne jedes Zusatzwort. Die Regierung würde sehen, wohin man es durch den Kampf gegen die Juden, die alten Träger und Vorkämpfer des Deutschtums, in der Provinz Posen schon gebracht hat und — wohin man es noch bringen wird. Ueberall, wo ein Jude verdrängt wird, setzt sich ein Pole hin! Ausgeharrt hat unser Volk hier auf ungastlicher Scholle, bis es nicht mehr ging. Abwanderung, Landflucht — man vertiefe sich in die Zahlen! Und unser Nachwuchs? Der vermeidet von vornherein den Osten, in dem wir Juden zwischen Polen und Deutsehen, die uns als solche ja nicht anerkennen, zerdrückt werden sollen .... Es ist nicht kicht für einen Juden, seinen Groll über die Undankbarkeit gegen sein Volk zu zahmen. Doch wir, die wir gelernt haben, auch der grössten Schmach des Jahrhunderts die besten Seiten abzugewinnen, die wir scheu, wie das Judentum gleich den Polen Kraft und Mut zu leben aus der Verfolgung gewonnen, wollen dieses Kapitel gleichsam zum Beweise für diese froh stimmende!Erscheinung mit einem froh stimmenden Bilde schlossen: ein Zahlcnblld. Juden und Schulbildung in der Stadt Posen nach der Eiligemcimlung der Vororte: es besuchten die städt. Zahlschulen städt. Volksschulen städt. Hilfsschulen höhere Privatschulen ev. kath.ljüd. ev. kath. Jüd. ev. ka!h. jüd. ev. 1 kath. j jüd. 00. 13531256 323 2642 8682 108 9 42 9 637 759 161 0! 15231338’302 2477 8769 116 9 50 10 575 790 180 02. 1658 1452; 302 2594 9343 103 10 51 7 608; 828 166 03. 1759| 1522-282 27169621 103 8 60 6 6661752 175 04. 1857115911265 280010318 99 10 69 5 7171713 169. Frequenz der Gymnasien; Es erlangten das der Reife: Zeugnis ev. kath. jüd. ev. kath. jüd. 00. 821 754 - 358 19 3a 7 01. 834 736 259 38 22 9 02. 570 670 266 38 34 7 03. 576 , 700 258 27 33 11 04. 889 846 315 29 31 22 Wie viele Opfe jüdischer armer Eltern iür die bessere Erziehung ihrer Kinder! Welches Streben d:r Juden nach höherer Bildung! Im letzten Berichtsjahre erreichten 2,3 Prozent Evangelische, 3,5 Prozent Katholiken und 7 Prozent Juden das Reifezeugnis! UikJ dies bei wachsender Abnahme der Zahl an schulpflichtigen Juden. Aui ein in der Menge der Zahlen vielleicht verschwindendes Bild möchte ich noch die Aufmerksamkeit des Lesers lenken: Die Abnahme der jiidischai Frequenz in der Hiltfschule für geistig ־־־ meist in Eolge ' schlechter sozialer Lage — zurückgebliebene Kinder! Eine Abnahme bei steigender Schfrlerfrequenz. Der Fürsorge durch jüdische Frauen der jüdischen Loge verdanken wir diese erfreuliehe Tatsache. Vielleicht berichtet eine eingeweihtere Krait einmal übfer die Wohlfahrtstätigkeit der Juden im Osten! — — Kein schöneres Bild konnte ich dem Leser von der allgemeinen Lage der Juden im Osten geben. Dass w־ir alle Kräite auspanneai müssen, um uns konkurrenzfähig zu erhalten, förctert das Erhaltungsprinzip im Judentum. Und für u׳>s alle Juden gibt es bei dem Kampfe zwischen Deutschtum und Polentunt nur eine Parole: Strengste Neutralität, denn beide Teile befolgen das Prinzip: Vernichtung der Juden. $ « * Seite 631 Zionistische Kaufleute Für und wider den Herzlbuml is in letzter Zeit viel geschrieben worden und es will mir scheinen, dass die Diskussion noch lange nicht beendet ist. Es herrscht noch viel Unklarheit nicht nur über seine Ziele. sondern auch über se'nen Zweck und seine Zweckmässigkeit. D'c Hauptschuld an dieser Unklarheit trifft, glaube Nh. die Verfasser des allerd.'ngs vom ״Zentral-Komittec gebilligten** ersten Aufrufes. Nach mtfner Meinung ist das Programm nicht nur zu w*eitschwcifig dargcstellt, sondern auch viel zu gross unternommen Ich stand der Gründung von Beamt an etw׳as skeptisch gegenübci. indes hauptsächlich aus ganz and: rem Grunde, als den bisher erwähnten. Ein Bund hat nur dann Zweck, wenn er sich zusammensetzt aus tincr Anzahl Vereinen mit gleichem Programm, denen infolge ihrer grossen Anzahl ein Zusammenschluss zwecks einheitlicher Ausführung ihrer Programme nottut. Voraussetzung ist also zunächst das Vorbau, densein von solchen Vereinen, eine zweite Frage ist es dann, ob das Bdiirfnis sich tatsächlich schon fühlbar gemacht, d. h. ob die Anzahl gleicher zionistischer Vereine schon so gross ist. Dies» Momente s:nd hei der Gründung des Hcrzlbundes gar nicht ü! Betracht gezogen worden; man ist vielmehr von ganz entgegengesetzter Anschauung ausg.gangen, indem man vor allem e neu Bund gründete und die Hornung aussprach, dass sich alsdann Em/.elverclnc organ:sierc!1 werden. Manchmal gelingt wohl solch *in umgekehrtes Experiment, indessen nur daun, wenn c'nc geeignete, erfahrene, energische Personlichkcit an der Spitze des Unternehmens steht. Das scheint indes beim ״Hcrzlhimd" nicht der Fall zu so'n. und daher ist er nach meinem Dafürhalten ein Experiment, das man nur mitmacht, weil die Möglichkeit des Ochngcns. wenn anoh in kle'nem Masse, vorhanden ist und weil sie in keiu.-m Falle Schaden bringt. Dies das eine Moment, das bisher keine Erwälimmg g1;t:unden hat. andere, zum Te l! icht falsche, haben jo 11׳ den früheren Artikeln bereits Ausdruck gefunden. Indessen möchte ich bei dieser Gelegenheit n<׳ch auf e'nen anderen Punkt zu sprechen kommen, der im Art'kd von Leopold Lesstr, Posen, in der RUNDSCHAU N'r. -15 im Zusammen hang nöt den« Hcrzlbur.d berührt wird, nämlich das Unrichtige und Unzweckmässige bei der Gründung des Vereins Zianistischer Kauileute ״Theodor Herzl". I׳:h bin vielmeJir ganz g:- genteilig-r Ansicht. Gerade den Zusammenschluss der zionistischcn Kaufleute halte ich für eine zwingende Notwendigkeit. Der Kaufmann beteiligt s:ch leider viel zu wenig an aktiver zionistischer Tätigkeit. Es ist dies eine Klag., die n'cht nur hier und heute nicht zum ersten Mal geiiiiirt wird. Mau sehe sch nur die Vorstände der Ortsgruppen, die Mitglieder der Landesorganlsat:onen, die des Aktionskomitees selbst, die des Bankkomitees an. Die Nichtakademiker s'nd zu zählen, und der Kaufmann kann h:ute bereits en nicht unbeträchtliches Kontngent von Zionisten stellen, sowohl was die Qualität anbetrifft, als auch inbezug auf seine qualitative Beihilfe. Warum ist nun diesem se't langem bestehenden Mangel keine Abhilfe geschaffen worden. b;zw. aus welchem Grunde verhält sich die grosse Masse der jungen Kauileute dem Zio:rsn:us gegenüber passiv? Und was hat zu geschehen, uni hierin Wandet zu schaffen? Es muss allerdings von vornherein zugegeben werden, dass die Propaganda unter d.n jüdischen Kaufmanns- Angestellten schwieriger ist als unter N chtkauilctiU n. Der Kaufmann, der von früh bis abends seinem anstreng.ndet! Berufe nachgeht. der von Jugend aui nur die materielle Seite des Lebens kcmi.it lernt, dessen Hauptzweck vorläufig mir auf Geldvcrd'eiien eer'chtet sein muss, der Kaufmann, sage ich. ist nach des Tages schwerer Arbeit froh, w.tm er seinen Körper ausrulieu kann und seinen Geist nicht anzustrengen braucht. Er st vielmehr g.neigt, solche Zerstreuungen attf/usuc.’ien. die ihm seine Tagcshes:häftigm1g für einige Stunden vergessen mack.n helfen. Natürlich kommt es hierbei oft vor. dass über d:c Stränge geschlagen wird, dass wirklich ganz vergessen wird, dass man ausser Kaufmemi auch noch Mensch und wir sogar Juden s'nd. Leider hat sich auch ein gewisser Typus unt.r uns jüd schen Kauileuten herausgebildct. der gerade nicht den besten Ruf geniesst. Zurückztiführcu ist das aber nur darauf, dass unter ihnen viel zu wcn'g für geist'ge ernste Zerstreuung anstatt der faden Vereidigungen, agitiert wurde. Sagte man doch eine Zeit lang, ein Kauimütm'scher Verein könne nur dann Bestand haben, wenn er recht viele Vergniiguitgeu arrangiert. Dass dies »des falsch ist. und dass der Kaufmann sehr wohl fäh'g ist. sich au ernsten Fragen zu beteiligen, bewj'seu ja die vielen heute bestehenden und als notwendig erkannten Kat1fma1msorgat1is-.itomm. Allerdings verfolgen diese Benifa'ntervsseu, doch behaupte'ich. dass die Judenfrage den jüdischen Kaufmann mindestens ebenso an•

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