Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 630. JÜDISCHE RUNDSCHAU - - ־־ ־ ־ » .... . -I —p. — .. - I. oder städtischen Besitz anzukauteu. Unbewiesen, aber allgemein geglaubt ist die Nachricht, dass unerschöpflich: Geldmittel katho’ischer Orden den Polen zur Verfügung stehe».. Reich versehen mit Waffen 7.utn wirtschaftlichen Kampfe trat Polen auf den Plan, durch die Begeisterung aller Stammesgenossen für ihre Sache, durch die Einigkeit und den Opfermut siegesgewiss gemacht. Es klingt hart, wenn ein deutscher Staatsbürger es ausspricht: nichts von alledem hat das Oeutschtum im Osten ir, die Wagschale zu werfen. Aber an dieser herben Wahrheit ändert keine noch so begeisterte Festrede etwas. Potetnkinsclic Dörfer! Während der Pole vorwärtskommt. wird dem schaffenden deutschen Gewerbetreibenden das Leben schwer gemacht: Boykott der uneinigen Deutsehen gegen Boykott des einigen Polentums. Boykott aber auch im Deutschtum selbst, wirtschaftlicher und gescllschafiliclicr Boykott, streng durchgctiihrt gegen die Juden. So ist in Kürze das Gesamtbild im Osten der preusslschcn Monarchie! Der einst in jeder Hinsicht unsolide Pole, früher das Gespött der Welt, ist durch unsere Schu’e zum nüchternen, tftehtiifcn Erwcrbsnnm! geworden. Ihm. dem Freien. Seibstbcwussteil, ernst Strebenden stellt die Reg:erung abhängige, meist aus ihrem Fonds genährte Kreatur.!! als Kämpfer für das Deutschtum entgegen: Kaufleute. Handwerker und Akademiker :!Ile Branchen. Was sind sie alle mitsamt den in Massen nach dem Osten versetzten Beamten gegenüber dein reiche Werte schaffendeu IV.entmn? Dem Zuwachs an Protestanten in den grösseren Städten, der sich nuist aus Beamten zusammensetzt, bittet das Wachstum der Polen auf dem Lande ein enormes Ucbcrgewicht. ~ Und wie steht es bei diesem Kampfe um die Juden? Da gibt es keine Täuschung: eine kleine Tabell; sagt alles. Man zählte in der Provinz Posen im Jahre: 1519־ *1092S6 Protestanten. 847 670 Katholiken, 76 757 Juden; 1900 571 776 Protestanten, 1250 172 Katholiken, 35 327 Juden. Im Regierungsbezirke Pos;n zählte man im Jahre: 1871 2S1 073 Protestanten, 695S97 Katholiken, -10 224 Juden; 1S95 213 05-1 Protestanten, 854 763 Katholiken, 25 379 Juden! Dieser Riic’• gang der Bevölkerungszahl der Juden lässt sich natürlich bis in die kleinsten Ortschaften hinein verfolgen. In Bojanowo gab es Im Jahre 1871 1623 Protestanten, 254 Katholiken, 140 Juden; 1895 16S4 Protestanten, 440 Katholiken, 54 Juden. Schrimm zählte: 1871 1322 Protestanten; 3597 Katholiken, 1127 Juden; 1895 975 Protestanten. 4217 Katholiken. 607 Juden.!tn Bezirke Posen nahmen in diesem Zeiträume die Juden um 41,4 Prozent ab!- Leo Wegencrs Buch: ״Der wirtschaftliche Kampf der Deutsehet! mit den Polen um die Provinz Posen.” dessen erste und, soviel mir bekannt ist. leider einzige Auflage im Jahre 1903 erschienen ist, hätte bei der. Regierung doch mehr Beachtung finden müssen, als es tatsächlich der Fall war. Wir können die Polentrage hier nur insoweit besprechen, als sie mit der Judenfrage im Osten der Monarchie in Beziehung steht. Gibt es da ein klassischeres Wort als das folgende der beiden scheinbar einflusslosen Führer des Ostmarkenvereins: ״Jene starke Abwanderung der Juden muss man sich nicht nur dann vor Augen!»alten, wenn man das D:utschtun1 in den Städten der Provinz Posen überhaupt, sondern auch, wenn man die einzelnen Berufe beurteilen will. Solange die Juden einen grossen Anteil der städtischen Bevölkerung austnachteu, solange waren sic nicht nur in den Zweigen des Handels, so״• dem auch sehr stark in denen des Handwerks zu finden und Hessen kein starkes polnisches Handwerk auikommen.” Erwächst dem jüdischen Kaufmann und Handwerker also steigende Gefahr in der polnischen Konkurrenz, welche durch immer neue Genossenschaften ihre Leistungsfähigkeit steigert, so wird er vollends ruiniert durch die Gewerbekreaturen, welche unter der Flagge ״Hebung des Deutschtums itn Osten” von dem offiziellen Deutschtum gehätschelt werden. Ein Kautmann, den» aus irgend einem Fond 2—3 Prozentige Gelder 7' Verfügung stehen, muss, •zumal die Beamten er ipso Ordre 4 No. 48 erhalten, nur bei dem betreffenden zu kaufen, ein gefährlicher Konkurrent der anderen meist jüdischen Keuflcutc werden. In der Provinz und Stadt Posen bekommen die polnischen natiirlieb, aber auch die jüdischen Apothckcnbcsitzcr evangelische Konzessionskonkurrenz, der jüdische Anwalt bekommt einen evangelischen att die Seite, und diesem wird'.natürlich sofort das Notariat als Mitgabc bescheert. Im Acrztciaohc soll cs freilich am schlimmsten zügelten: da wird nicht einmal der jüdische Kreisarzt geschont. Auch von seinem nicht gerade fetten Brote wird oin Stück abgerissen — er bekommt durch die evangelische Organisation seine Konkurrenz. Der evungc• lische Arzt bekommt sofort bei seiner Niederlassung alle die Kasscnstellen zugeschanzt, über welche die Regierung direkt oder durch ihren Einfluss aui die subalternen Kassenorgane verfügen kann. Ein Taschengeld aus dem Fond des Ober- Präsidenten oder des Ostmarkenvereins stützt die Existenzfühigkeit. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass die deutschen Genossenschaften, welche ja mit dem Ostmarkcuveru'n in F'tihlung stehen, durch ihre Beamten die werbenden Agenten f 1ir die evangelischen akademischen Gewerbetreibenden sinJ. Wir könnten die protestantischen Organisationen noch weiter beleuchten, wie durch sic Werbung und Bekämpfung g. - Schicht: der deutsche Jude wird zerdrückt zwischen den! antisemitischen Protestanten und dem freilich nicht minder antisemitischen Polen. Vor einiger. Monaten lasen wir in der JÜDISCHEN RUND- SCHAU einen Brief der Ortsgruppe Posen, in den! es u. a. heisst: ״Die Erwerbsverhälütisse für jüdische Mediziner, Juristen usw. in den Ostproviuzcn sind nicht gerade rosige, aber zweifellos viel bessere als die so vieler jüdischer Akademiker in den Grosstädten. Wie mancher votf ihnen siukt in Berlin zum gelehrten Proletarier herab, dem nur noch eine reiche Heirat aut die Beine helfen kann. Wie viele andere reiben sich in d.m harten Daseinskampf und der Unsicherheit der Gross* stadtexistenz vorzeitig auf, statt in der Provinz einen gesichcrteil und stetigen, wenn auch enger gezogenen Wirkungskreis zu suchen. Denn einen solchen bieten die Städte und Stadtdien, in denen früher jüdische Akademiker praktizierten, auch heute roch fast ausnahmslos. Die Solidität und Tüchtigkeit, der Scharfsinn und die Menschenfreundlichkeit jüdischer Aerzte, Anwälte usw. lebt noch überall in arischem Gedenken und alle nationalen, konfessionellen und politischen Schranken werden auch heute noch von dieser Hochschätzung der jiidisehen Akademiker durchbrochen — so oft hört matt das Landvolk nach dem ״Jüdischen Doktor” zunächst fragen, wenn es mit seinen kleinen Nöten in die Stadt kommt. Die anscheinend gefährlichste Konkurrenz, die akademischen Heber des Deutschtutns, werden in der freien Praxis sehr leicht aus* dem Felde geschlagen, weil sie von Polen und Juden mit Recht als personliehe Feinde angesehen, von den protestantischen Volksgeiiosseii aber als Wokitateirmpfiing'cr mit den Gefühlen beul!- achtet werden, mit denen der Begriff des Vertrauens und der Hocliächtung nicht zu vereinbaren ist." — *jז ו Trotzdem nun von leitender Stelle aus stets und immer geleugnet wird, dass sie den Kampf gegen die Konfession.״ ,iührt, zeigt der ganze Verlauf, dass mit den Polen auch die Juden vernichtet werden sollen. Lohnt cs sieh wirklich, diese Tatsache noch durch die Pilcgc des gesellschaftlichen Boykotts der Juden zu beweisen? Mohr oder weniger finden wir diesen überall: nirgends aber in so abstechend hässlicher Form als in Posen. Der Herr Major kommt mit seinem Batailhm in die neue Garnison: er macht allen Honoratioren, auch den Polen (1), in Begleitung seiner Gattin seine Visite; bei dem jüdischen verheirateten Kreisarzt und ebenso bei dem Stadtverordnete!!Vorsteher erscheint er — allein! Dieses Thema, welches gar zu leicht den Ernst der Judenfrage im Osten schädigen könnte, weil die einzelnen Vorgänge, die man berücksichtigen müsste, das Gebiet des Läc'uerliclicn streifen