Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 629. ״Nehme» wir an, die Angaben über die Beteiligung der Behörden an den Verbrechen in Russland werden erw'esen. Wie wird sich das Ehrgefühl der guten Gesellschaft zu den hohen Würdenträgern, den Orossfiirsten, Exzellenzen, Generalri, Statthaltern, Metropoliten stellen, die das Blutbad angerichtet haben?” ״Ja — was wollen S'.c gegen die Herren tun?" ״Man kennt viele von ihnen ganz genau. Die Nan>:n Nddhardt, Kaulbars, Kl'ngenberg sind jedem geläufig. Diese Männer reisen. Sie zeigen sich im Auslände. Sie besuchen Kurorte, Sommeraufenthalte. S;e werden also mit ihnen in einem Hotel wohnen, in einem Kasino spi.lcn, in einem Botschaftssalon Zusammentreffen. Sie werden Griisse und Händedrücke mit ihnen austausclun, sich in Gespräche mit ihnen cinlassen?” Der Grat wurde ungeduldig. ״So lange die ordeiiü'clieu Gerichte einem Manne in hoher Stellung n׳cht rin regelmässigen Verfahren die Ehrenrechte aberkannt haben, darf 1>ien1;u!<! sich Unterlängen, sic ׳ihnen ah/.esprechen. ״Die Braiikncclitc von Barclay i» London waren anderer Meinung. Haynau ist nie vo» cinun ordentlichen Gerichte verurteilt worden. Aber als er beim Besuche der Brauerei erkannt wurde, schlugen die Arbeiter ihm sämtliche Knoche» im Leib entzwei und r'ssen ihm eine Hälfte seines berühmten Bartes aus." ״Das war zugleich pöbelhaft und feig." ..Die bekannt«.!! Orossfiirsten und Ex/eUcn/iu. die Neidlairdt, Kaulbars, Kliugenberg usw. haben also eine ähnliche Behandlung in den grossen Cercles. Botschaften, Kasings nicht zu befürchten?" Der Graf begann böse zu werden und ich zog vor, die zwecklos gewordene Unterredung abzubreehen. Mit dem berühmten europäischen Gewissen war cs also entschieden nichts. Da es weder bei den Regierungen noch bei ihr Hochbank noch bei der guten Gesellschaft anz.utreffen war, konnte cs nur eine Windbeutelei von Schönrednern de! Leder und des Wortes sein. In unseren Tagen kann also ein״ europäische *Verwaltung Massenmorde anordnen, ohne dass die Regierungen der Grossmächte sich einmischen, ohne dass die Börse den Kredit des Staates niedriger bewertet, ohne dass die Vornehmen und Gebildeten die Vorüber dei Schandtaten ächten. Während ich in diese Gedanken vertieft den Boulevard entlang ging, sticss plötzlich ein Entgegen kommender, der int Gelten seinen MATIN hs. heftig at. mich. Er blickte rasch auf und ich erkannte einen jungen Rechtsanwalt, der in Volksuniversitäten häufig Vorträge hielt. ״Was sagen Sie dazu?” schrie er leinahe, während er nur die Zeitung vors Gesicht hielt. ״Ist das nicht, um an der Welt und an sich zu verzweifeln? Diese Metzeleien sind eine unerträgliche Schmach für alle Zeitgenossen. Jeder ein• zcltte von uns ist mitschuldig, wenn er diese Greuel zulässt, ohne sie zu verhindern oder zu bestrafen. Ich war bisher nur Sozialist. Diese russ־schen Mörder machen mich zutn Anarchisten. Das Blut der Unschuldigen muss über das Haupt der Mörder kommen. Sie mögen noth so hoch stehen, sie sollen —” Ich hi.lt mir d'e Ohren zu. um kein Wort mehr zu hören, und lief davon. Ich laüfe noch. (Aus NEUE FREIE PRESSE.) Die Juden in den Ostmarken Preussens Die Ostmarkenfrage beschäftigt seit Jahrzehnten die preußische Regierung. In dem hetriibeiidstcn Punkte E4 marckscher innerer Politik, in den: Kulturkämpfe. war de polnische Seite der katholischen Sache nach seinen eigene Worten überwiegend massgebend für den Beginn des Kampfes. Und wir gehen kaum fehl in der Annahme, dass des Kanzlers scharfes Auge auf diesem Teile des Schlachtfeldes zu allererst ciusah, dass Rom unbesiegbar, dass Rom im Feuer gehärtet würde, dass der östlichen Klerus-Macht eine Blüte aufschoss vom Beginne des Kulturkampfes an. Alles Bedauern ändert an dieser Tatsache nichts: das Polentum repräsentiert heute eine Gewalt, die grösser ist, als sic je gewesen. Denn mögen auch in Obersch’.esieii Scharmützel zwischen dem katholischen Zentrum und dem katholischen Polenturn ausgefochtcn werden, das Katholikcntum der ganzen Welt sieht mit mehr als wohlwollender Neutralität dem Ringen der polnischen Katholiken gegen das protestantische Deutschtum zu. Und die stärkste Waffe in jedem Kriege, das Geld, wird den Polen merkwürdiger W'eisc von ihrem Feinde selbst geliefert. Die Millionen der Ansiedlungskommission gaben die erste Rate her, um die polnischen Waffen zu schmieden. Polnische Existenzen, welche dem Untergang!;׳ nahe waren, verkauften mit der steigenden Konjunktur ihren Landbesitz der preussisollen Regierung, um mit dem Gewinn besseres deutsche^ Land anderer Torschreiber den Leibzoll zahlen Hess. Sie gingen beide zu der Synagoge, und da sass die ganze Gemeinde bariuss auf dem Fussboden, klagte und v.einte: ״Führe uns zurück, Ewiger, ja, wir wollen zurtickkehreu. erneuere unsere Tage wie ehedem!“ Und sie weinten so sehr, dass sich Ben-Jekuticl und der Alte der Tränen ebenfalls nicht erwehren konnten, und cs war ein grosses Weinen. So blieben sie mit der Gcmeinde den ganzen lag über im Gotteshausc und weinten und beteten in Tränen, dass Gott sich Jcrusaletns erbarmen solle un’d sein Volk zurückfiibren aufrecht in unser Land. — Und abends lud ein jüdischer Herr,, der dem Vorstände der Gemeinde angehörte, beide Fremdlinge zu sich ein. Ben-Jekutiej nahm die Einladung dankend an. der Alte jedoch murmelte etwas, als habe er ein Gelübde getan, nie bei einem Anderen zu Gaste zu gehen, und entfernte sich, während Ben-Jekutiel seinem Wirte folgte. Nach dem Mahle sprach inan ein langes Gebet, dass Gott bald die Leiden des jüdischen Volkes lindern möge, und daun unterhielt sich der Wirt mit seinem Gaste. Im Laufe des Gespräches fragte der Jüngling seinen Wirt: ״Was tut Ihr, um Eure Freiheit wiederzugewinnen?“ ״Was wir tun? hast du es heute nicht gcsehen? Wir weinen und beten, dass Gott sich erbarmen möge und uns zurückiühreti.“ ״Ja,“ sagte Ben-JeRutiel. ״das habe ich gehört und gesehen, aber was tut ihr. dass es geschieht. Da antwortete der Wirt, die Juden könnten nichts tun. Denn Gott selbst verlange von ihnen, dass sie beten sollten, und um was man bete, das müsse man von Gott und nicht von sich selbst und von Menschenhand erwarten. ״Betest du nicht auch uni dein täglich ßr 't,“ sagte der Jüngling, ״und erwirbst cs doch mit deiner Hände Arbeit?“ ״Ja, das ist etwas ganz anderes" sagte der Wirt. Da merkte Ben-Jekutiel, dass es den | Juden so schlecht gehe mit ihrer eigenen Schuld, /.nd | er bedauerte, die Gastfreundschaft dieses Mannes angenommen und nicht wie sein Gefährte getan zu haben.! Als man ihn in das Zimmer führte, wo er übernachten! sollte, drehte er seinen wunderbaren Ring von links ( nach rechts und wünschte sich fern von dieser Stadt, die ihm so missfiel, und in eine mehr als ein Menschenalter jüngere Zeit. (Fortsetzung folgt.)