Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651442--03015-2659925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 628 JÜDISCHE R UN D SC HAU No. 48 Stilblüte ist, musste ein hervorragender Banker mir darüber Auskunft geb,m können. Herr Direktor, verzeihen Sie, w enn ich störe. Wissen Sie etwas von einem europäischen Gewissen?“ ״Seltsame Frage: Wie sollte;cli nicht?“ ״Wo wohnt dieses europäische Gewissen?“ ״Wo? In federn guten Europäer. In Ihnen. In mir,“ ,.Und dieses europäische Gewissen handelt?“ ..Sie meinen, ob es Geschäfte macht?“ *Nein; ich meine, ob es sich in Taten äussert, wenn es hJcidigt wird." ״Sie scherzen, lieber Doktor. Die Beispiele sind Ihnen ganz so gegenwärtig wie mir. Als Griechenland unter der Wucht seiner allerdings etwas teiiern Anleihen zusammenbrach und seine allerdings etwas üppigen Zinsen nicht mehr bezahlen konnte, hat Europa da gezögert, seine Flotten mobil zu machen und das griechische Volk an der Gurgel zu würgen, bis ihm die Zunce hcraushing. Als die Türkei, sich sperrte, die Forderung der Ehrenmänner Tubini und Genossen zu begleiche״, ist da nicht ein französisches Geschwader nach Mytilcne gedankt? Als der Scliuklenmachcr Castro <M1 europäischen Gläubigem ein Schnippchen schlaef.n wollte, haben die Kriegsschiffe der Grossmäolue Europas nicht sofort die venezolanischen Haien blockiert? Wie körnt. 11 Sie da zweifeln, dass das europäische Gewissen beständig wacli ist und jede Beleidigung ahndet?" ״Sie haben recht, Herr Direktor. Das europäische Gcwiss-n der Bankleiter, der Diplomatie und aller guten Europuer ist gegen säumige Schuldner sehr empfindlich.” ״Es gibt nichts Unmoralischeres, nichts Empörenderes als schlechte Zahler.” ״Ich bhi ganz Ihrer Meinung, Nun $*:nd da neulich in Russland 25 000 Juden ״Ich weiss.” ״— abgeschlachtet und 100 000 verwundet worden —” ״Ich weiss. Ich weiss.” ״— und ich würde gern erfahren, was das europäische Gewissen der Bank und Börse dazu gesagt hat.“ ״Was geht das die Bank und Börse an?“ ״Ich dachte, in ihrer .Eigenschaft als Träger des europäischen Gewissens —" Der Bänker lächelte und drohte mit dem Finger. ״Immer paradoxal, lieber Doktor, immer paradoxal! Russlands Kredit ist gut, trotz des pessimistischen Geredes einiger Theoretiker.” ״Und die vorbereitete grosse Anleihe —" wird glänzend gelingen.״ ,gEs kann also ruhig weiter gemordet werden.” Der Direktor zuckte die Achsel. Die Unterhaltung wurde ihm peinlich. Da trat zum Glück ein Kommis mit ,inem Bogen ein und meldete ehrerbietig: ״Die Sammlung für die Juden in Russland.״ Im Abgehen sah ich noch, wie der Banker mit icstcr Hand eine mehrstellige Ziffer cinzeichnetc. Ich war so klug als wie zuvor. Einiges Nachdenken , brachte m'ch auf den Gedanken, mein Glück bei einem bcj kannten Klubnuuni zu versuchen, der in Ehrcnfragen für eine | Autorität gilt. Ich bat ihn, mich über das europäische Ge* 1 \v:ssen aufzuklären. Er verstaud mich anfangs nicht recht. | Ich suchte mich deutlicher auszudrücken, j Ihr Cercle, Herr Graf A . . ., nimmt nur völlig makellose i .Männer auf?” ״Diese Frage!” sagte der Graf verwunden. ״Und Sic alle verkehren gesellschaftlich mir mit Klub- J fähigen Personen?"; ״Das liegt au! der Hand.”. ״Würden Sie nun einen Mörder, sagen wir qiiten Mörder, , der stell mit politischen Bew oggrimden ausredet, in Ihre Kreise zulasseu?”; Der Graf schraubte sei.1 .Manuele ein und erwiderte leiebt verletzt: ,.Nichts rechtfertigt eine derartige Annahme.”; ״Endlich! Es gibt also bei Ihnen e'n europäisches Gei. wissen, das Verbrechen richtet —” ״Dazu genügt das Ehrgefühl.. Erinnern Sic sich daran, dass wir jeden Verkehr mit den serbischen KöirgsniürJeru abgebrochen haben, selbst den diplomat'sclieu. Kein Cercle wird sie aufnchnicn. Keiner von uns wird sich mit ihnen an einen Tisch setzen." ״Gewiss. Nun sind dieser Tage!'11 Russland auf Veranstaltuug der Behörden 25 000 Juden niedcrgcmetzelt, 100 000 verwundet worden —” ״Das wird wohl stark übertrieben sein,” wendete der Graf ein. ״Sie finden mich zu einem ansehnlichen Nachlass bereit. Herr Graf A. . . . Jedenfalls wurde massenhaft gemordet und geplündert, und zwar unter der Anleitung der Behörden.” ״Ist das bewiesen?” ״Graf Witte hat es amtlich־ zugegeben.” ״Dieser Herr Witte ist ein Parteimann." ״Se glauben es also nicht?" ״Ach Gott — das sage ich nicht — es ist nur schwer. srch au$ der Ferne ein Urteil zu bilden." tausendsiebenhundertundzwanzig Jahre meine liebe Stadt nicht wiedergesehen. Hast du, Jüngling, nie vom Ewigen Juden gehört? -ד- So wisse denn, als der Feind unsere heilige Stadt beraimte, da war icli ein Feldherr meines edlen jüdischen Volkes und vorn im vordersten Treffen habe ich die ruchlosen römischen Räuber niedergemäht. Meine Freunde fielen im Kampfe oder in die Hände des Feindes, nur ich, Elasar ben Simon, entging dem Verderben und Tode. O, dass ich doch zehnfachen Todes gestorben wäre, und nie all das Unheil mitangeschcn hätte, das seitdem meinem Volke zu teil ward. Als ich den heiligen Tempel iu Flammen gen Himmel emporlodern sah. als icli mitansehen musste, wie der Kaiser die Priester des Allmächtigen in die Flammen des Tempels werfen Uess, da stürzte ich mich mitten auf die Feinde, um ruhmvoll zu sterben und zugleich mit meinem Volke und seiner Herrlichkeit unterzugehen. Ich drang ein in das Lager der Feinde bis nahe zum kaiserlichen Zelt. Da wurde ich plötzlich von einem Stein an die Stirne getroffen, der vom brennenden Tempel herab in das Lager geschleudert wurde, und betäubt sank ich zu Boden. Wie lange ich da gelegen habe, weiss ich nicht. Als ich wieder zu mir kam, da war Jerusalem eine Triimmcrstätte, das Land verwüstet und menschenleer, und mein Volk in die Gefangenschaft geschleppt, von dannen es nie wieder zuriiekgekehrt ist. Ich aber lebe, muss leben, und kann nicht ruhen noch sterben, als bis entweder der letzte Jude von Gottes Erdboden vertilgt ist oder bis Juda wieder zurückkehrt in sein väterliches Erbteil und die alte Herrlichkeit erneuert. Man nennt mich Carlaphilus, Joscpluis oder Ahasverus, hat mir auch andere Namen gegeben, ich aber bin jener selbe Elasar Ben Simon, der bis zu allerletzt für Judas Ehre und Israels Freiheit gekämpft. Und heut ist wieder jener grausenhafte Tag im Monat Ab, an dem einst unser Glück sich zu Trümmern zerschlug. Aber komm, wir wollen zur Stadt gehen.‘‘ Und sie gingen zur Stadt. Unterwegs begegnete ihnen ein Mann, der sic •grösste und ihnen zu rief: ״Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Da seufzte der Greis: ״O, wie lange ist cs her, ׳dass ich nicht mehr mein Volk frei und gleich den anderen Völkern gesehen habe. Aber Brüderlichkeit, ja, die bleibt in Israel bis an das Ende der Tage.“ Dabei waren sie an das Stadttor gekommen, und Ben-Jekutic! erkannte die Stadt Frankfurt wieder, wenn auch ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.