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Jüdische Rundschau · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 627 No. 48 ״Doch,“ versicherte d.r Diplomat. ״Ich brauche nur an die Wirren in China zu erinnern. Die Juho-kTien oder vaterländischen Friedensfäuste, die man unfein Boxer zu nennen pflegt, vergingen sich schwer an Europäern. Sie mordeten sogar einen Gesandten, dessm Person seihst Barbaren geheiligt ist, und metzelten eine Anzahl Missionäre und Schwestern nieder. Sic wissen, was dann geschah.’’ ״Ich weiss, xh weiss,** sagte ich rasch; ״aus erlauchtem Munde erging de gewaltige Mahnung: Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter! Ein schönes Bi» > versinnlichte diese Aufforderung. Ich habe mir cs über den Schreibtisch gehängt und blicke andächtig darauf, so oft ich in mein Arbeitszimmer trete. Gegen die vaterländischen Friedensfäustc erhob sich die gepanzerte Faust. Alle europäischen Staaten sandten Truppen nach China. Zu kriegerischen Taten fand sich zwar keine besondere Gelegenheit, aller die Waffen hatten gleichwohl ausreichende Biscliäftignng. Es wurde eine herrliche Anzahl meist unbewaffneter Chinesen erschossen und erstochen, wohl auch mit Kolben niedergeschlagen, ungerechnet die chinesischen Frauen und Mächen, die nebenher geschändet und verstümmelt oder getötet wuref.n. ״Hunnenbriefe.*‘ murmelte der Diplomat aclisclzuckend. ״Ich habe keine gelesen. Exzellenz. Aber ich Labe von einem heimgckeiirten Kricrer einen goldgestickten Scidenvnrliang gekauft, den er in einem clnacsisclien Hause gefunden hat. Er hängt jetzt in meinem Salon. Andere Funde, wie Silbcrgeld, Scimmcksachtn und Stoffe, hat er teils behalten, teils an andere Liebhaber abgegeben. Er hat mir versichert, dass alle seine Kameraden das gebildetste Interesse für chinesische kunstgewerbliche Gegenstände geringeren Umfanges gezeigt haben." ״Worauf wollen Sie hinauskommcu?“ ״Ich wollte fragen, Exzellenz, wie viel Europäer die vaterländischen Friedensfäuste ermordet haben?“ ״Abgesehen vom G;sandten, der nicht als Ziffer eiligeschätzt werden kann, werden cs wohl einige Dutzend gcwesen sein, nicht weit von hundert." ״Diese hundert Europäer waren meist Personen, die ungerufen nach China gegangen waren, um den Chinesen eine Religion zu predigen, von der sie nichts wissen wollen, und eine Gesittung zu bringen, die sie zurückweisen. Um Ihren Tod zu rächen, haben alle europäischen Grossmächte, abgegeben von den Vereinigten Staaten und Japan, Regimenter, ja Divisionen nach China geschickt, Arsenale ־niedergebrannt, Städte beschossen und zerstört, Provinzen mit Feuer und Schwert verwüstet und China gezwungen, einige hundert Millionen Strafe zu zahlen. Da war ich stolz, Europäer zu sein." ״Sic sehen, dass es ein europäisches Gewissen gibt und dass cs für Herausforderungen Sühne zu erzwingen weiss.“ ,♦,ln der Tat, Exzellenz. Nun möchte ich mir eine Frage gestatt.n. In Russland sind eben 25 000 Juden, grösstenteils wehrlose Reisende, Beter in Synagogen, versteckte Greise. Frauen und Kinder, ermordet und etwa 100 000 verstümmelt oder verwundet worden. Die Metzeleien waren von nicht anzudeutenden Schädlichkeiten und allgemeinen gründlichen Plünderungen begleitet. Die Verbrechen wurden von den rus&’schcn Behörden vorbereitet, vielfach ausgeführt, überall unterstützt oder begünstigt. Ich darf also wohl annchmen, dass das europäische Gewissen, da cs doch nach Ihrer Ver- Sicherung und nach dem Zeugnis des chinesischen Kri;gszuge-s eines gibt, jetzt laut sprechen, die gepanzerte Faust wuchtig niedersauscu wird, die Völker Europas ihre h.iligsten Gütei wahren werden —" Der Diplomat hatte mit wachsender Ungeduld zugehört. Hier fiel er mir stirnrunzclnd ins Wort: ״Ich sehe den Zusamm.nhang nicht — Europa kann doch nicht in die inneren Angelegenheiten e'nes unabhängigen Staates tingreiien "—־ ״Aber in China —" ״In China wurden Ausländer ermordet. Dafür durfte das Ausland Rechenschaft fordern. In Russland sind nur Inländer zu Schaden gekommen. Das geht das Ausland nichts au. Ja 1 wenn Fremde belästigt worden wären —" f! ״Würde das europäische Gewissen sich empören — j ״So :st’s.” i •Ich dankte und empfahl mich. Weiiergckommen war ich j aber eigentlich nicht. So viel wusste ich nun, dass das 1 europäische Gewissen, das jetzt 'in vieler Leute Munde ist, nicht dasselbe sein kann, wie dasjenige, das nach der Angabe meines Diplomaten seine Stätte im Bewusstsein der christlichen Regierungen, insbesondere der auswärtigen Ämter hat. Denn dieses amtliche Gewissen ist von der Abschlachtung der 25 000 Juden und der Folterung. Verwundung und Beraubung der vierfachen Zahl augenscheinlich nicht beunruhigt worden. Aber wo war das andere zu finden? Ich ging, mich bei einem Finanzmann zu erkundigen. Denn die Hochhank ist ein Mittelpunkt der Weltkultur. liier münden wie in einem Zentralorgan alle Nervenbahnen ein. Hier wird jede Störung als Schmerz empfunden und s'c löst proportioucllc Abwehrbewegungen aus. Wenn das europäische Gewissen keine blosse ״Schweige still, Nachtigall," rief Ben-Jekutiel, ״schweige, still oder singe ein fröhliches Lied, ein Lied vom Kampf und ein Lied vom Sieg, ein Lied, dass mir das Herz im Busen lacht, hnd mein Schwert von Kampfesfreude glänzt." Die Nachtigall jedoch schwieg nicht und sang: ״Nicht singen wir des Herren Lied, in fremdem, fremdem Land, nicht töne Zions Sicgcslied an fremden Stromes Strand." Und Ben-Jekutiel stand nacltsinnend da, was er beginnen sollte, und sah an den alten Eichen empor, die traurig ihren Wipfel schüttelten, als wollten sie sagen: ״’s ist nicht mehr alles wie sonst, — was schön und gut war, ist vergangen, und das Böse ist nicht ver- Schwunde»." Ben-JekuticJ wurde trübe zu Sinnen, er wollte der Nachtigall Schweigen gebieten, und dem Eichbaum erwidern, aber cs war ihm, als wäre ihm die Kehle vor Traurigkeit wie zugeschnürt, und ein unbekanntes Etwas lag auf ihm, wie eine schwerdrückende Last. Er setzte sich am Saume des Waldes unter einem Weidenbaume nieder, der traurig seine Zweige herabhängen licss, mid so sehr weinte, dass uie hellen lautropfen von seinen Blättern herabrannen und überall auf den grünen Grashalmen wie grüne Perlen funkelten. Da wurde Ben-Jekutiel noch trauriger und er stützte sein Haupt in die kräftige Hand und versank immer mehr in tiefes Sinnen. So kam es, dass er es garnicht merkte,־ wie ein Mann aus dem Walde auf ihn herzutrat und ihn zugleich teilnahmsvoll und neugierig betrachtete. Der neue Ankömmling war eine gar merkwürdige Person. Es war ein langer Mann, mit langem schneeweisscm Haar, das über die hochgewachsenen Schultern in mächtigen Locken herabwallte. Barfuss, mit kurzen Hosen und einem bis auf die Knie reichenden Rocke, stand er!da und schielte zu Ben-Jekutiel herüber, als ob er etwas sähe, was ihm Gefallen und Verwunderung zugleich erzeuge. Man konnte nicht erkennen, ob er jung oder alt w׳ar, und er schien zwar stille zu stehen und doch sich ewig zu bewegen. Nachdem er lange den Jüngling, der tieftraurig am Boden sass, betrachtet hatte, ging er endlich auf ihn zu und sprach ihn an: ״Von wannen, edler Fremdling, bist du; sehe ich nicht einen Landsmann aus Jerusalem?" Der Jüngling fuhr freudig erregt zusammen und gestand gern ein. dass Zion seine Vaterstadt sei. ״Ich bin auch dort daheim sagte der Fremdling, ״habe nun aber, ach, schon ein-

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