Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651442--03013-2659923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 48 Seite 626_ JÜDISCHE Sie erioügen innerhalb der Ortsgruppen durch Stimmenabgabe in einer ordnungsgemäss eit/berufenen Sitzung. Werden mehrere Ortsgruppen zu einem Wahlbezirk zusammengelegt, so ist vom Zentralkomitee eine Ortsgruppe als leitende Ortsgruppe zu bezeichnen. Die vom Sitze dieser leitenden Ortsgruppe entfernten Mitglieder von Ortsgruppen und vereinzelte Schekelzahler können ihre Stimmen unter den Kautelen der geheimen Wahl schriftlich mit der Massgabe abgeben, dass die Stimmzettel am Wahltage bei der leitenden Ortsgruppe eintreffen. 4. Das Zentralkomitee wird ersucht, in den von Juden besuchten Badeorten planmässig zionistische Propaganda zu entfalten, insbesondere dafür zu sorgen, dass in den Lesehallen der Kurhäuser jüdische und besonders zionistische Zeitungen ausüegcn. Das europäische Gewissen Von Max Nor da 11. Paris, den 16. November. In der letzten Zeit ist viel vom europäischen Gewissen die Rede gewesen. Man hat in-Zeitungsartikeln daraui angespielt. Es cst in Aufrufen zu Geldspenden davon gesprochen worden. Führer von Abordnungen an Minister uikI Redner in Volksversammlungen haben es angerm'cn. Und immer wurde cs wie etwas Allbekanntes behand-dt, worüber man sich nicht weiter auszulassen braucht, und alle, die es im Milde führten, taten, wie wenn sie selbst, ihre Leser und Hörer ganz genau wüssten, was das für ein Ding sei, wie es sich damit verhalte, wo und wann man es treffen könne. Ich musste mir mit geheimer Beschämung bekennet!, dass ich mich über das europäische Gewissen in tiefster Uawissenheit befand, und um diesem demütigenden Zustande ein Ende zu macihen, beschloss ich, mir an den Stellen, die ich für de zuständigsten hielt, Belehrung zu hohn. Ich begab mich zu einem Diplomaten, der mir die Ehre erwies, mich zu empfangen. ״Exzellenz,“ sagte icli nach der Begrüssung mit etwas unsicherer Stimme, ,,es scheint, dass es ein europäisches Oewissen gibt —“ ״Zweifeln See n'cht daran!“ unterbrach mich der Diplomat mit Autorität. RUNDSCHAU “Ah!“ rief ich beruhigt und erfreut, ״ in diesem Falle darf ich mich vielleicht bei Ihnen erkundigen, Exzellenz, wo dieses europäische Gewissen seinen Sitz hat und durch welche Äusserungen es sich bemerkbar macht." Um die Lippen des Diplomaten spielte e:n etwas geringschätziges Lächeln, das seine Höflichkeit rasch unterdrückte. Er hob darauf mit liebenswürdigster Herablassung au: ״Das europäische Gewissen bat seine Stätte!itn Bewusstsein der christlichen Regierungen, insbesondere d:r auswärtigen Ämter. Es wacht über den Bestand des Völkerrechts und der sittliehen Ordnung, welche die Grundlage der Zivilisation sind. Es ist gewissermasse 11 ■die Ergänzung der Verträge, welche die Mächte positiv gegen .einander verpflichten.‘“ ״EOn erstes Gebot des Völkerrechts und der sittlichen Ordnung ist ja wohl die Achtung des!Menschenlebens und fremden Eigentums. Denn ob sie nun von Hammurabi oder von Moses sind, die alten zehn Gebote binden noch immer jeden gesitteten Menschen." ..Selbstverständlich,‘“ stimmte der Diplomat zu. ״Sofern ich also recht verstanden habe, regt sich das europäische Gewissen, wenn irgendwo die Gebote: ״Du sollst nicht töten!“ und ״Du sollst n'cht stehlen!" in grösserem Umfang übertreten werden und die berufene Obrigkeit nichts tu!, um die Missetaten zu verhindern oder doch zu bestrafen.“ ״Es regt sich, es r.gt sich," bestätigte der Diplomat. ״Welche Form nimmt diese Regung aber an? Wie tritt sic in die Erscheinung?" Die Stirne des Diplomaten umwölkte sich leicht. ״Es gab eine Zeit, an die ein guter Europäer nur mit Sehnsucht denken kann; da waren Ordnung und Friede, Gesetz und Recht von den Hauptmächten des Weltteils ausdrücklich wrbärgt. Erhob irgeoJwo der Unhold der Zticlitlosgkeit sein struppiges Haupt und d:!c eigene Regierung war nicht kräftig genug, um ihn sofort zu Unterwürfigkeit und Gehorsam zurück zuführen, so standen ihr ungesäumt die Verbündeten bei. Das war die Zeit der heiligen Allianz.“ Er seufzte. ״Der sogenannte Fortschritt, die berühmte Demokratie haben diesen selbstlosen Bund gesprengt, der nur zur Wahrung der höheren Sittlichkeit geschlossen war. Seitdem ist das europäische Oewissen nicht mehr so feinfühlig und zuverlässig. Aber wenn auch etwas abgestumpft und verwildert, ist cs glücklicher weise doch n«>ch immer lebendig.“ ״Aber es ist nicht mehr kräftig genug, um zu handeln.“ warf ich ein. ausgehen, einige Silberstiicke als Leibzoll geben; aber hier in Frankfurt,“ sagte der Rabbiner, ״sind wir frei imd werden nicht bedrückt, denn hier brauchen wir nur ein Silberstück fitr jeden •zu bezahlen.“ — ״Höre, Ehrwürdiger Herr," sagte der Jüngling, ״das will־ mir nicht gefallen, das Nt eine Sitte der Sklaven, und kein Jude seilte sich so erniedrigen, das zu zahlen. Wozu gibt es denn Schwerter?“ ״Das versteht Ihr nicht, junger Mann, wir sind hier glücklich. Uns Juden geziemt es nicht, das Schwert zu führen, und Edotn gebraucht seine Fäuste,“ und damit meinte er die Christen. — ״Wie," rief Ben-Jekutiel aus, ״vor Edom hast du Angst, und mein Vater war dabei, wie wir die Edomiter vor uns beringten in fünfzehn Schlachten. Haben wir sie nicht besiegt und unter- Worten?“ Die Sonne aber sagte: ״Recht so, Jüngling, sei tiuitig und brenne von Kampfesbegier!“ Und die Lerche stieg empor und sang: ״Singet dem Herrn, der erhaben und hehr die Rosse und Reiter geschleudert ins Meer.“ Der Hafer rauschte atu Wege und flüsterte: ״Ein schönes Jahr, ein fruchtbares Jahr.“ Der Bauernknecht der gerade vorüberging, aber brüllte in rohem Tone den Rabbiner an: ״Mach’ dein Kompliment, du verfluchter Jude!“ Da sprang der Rabbiner eiligst auf dm Fahrdatum und machte einen tiefen, tiefen Diener vor dem Bauernknecht. Denn das mussten die Juden tun, wenn die Christen es verlangten. Als das der junge Ben- Jekutiel sah, da merkte er, wie tief erniedrigt und unglücklich sein Volk sei, und er fasste an sein Schwert. Dann aber liess er es wieder sinken, drehte eiligst seinen Ring von rechts nach links und sagte: ״So wünsche ich sechzig Jahre später zu leben." III. Als Ben-Jekutiel hastig seinen Wunsch ausgesprachen und seinen Wunderring von rechts nach links gedreht Hatte, war er plötzlich an den Rand eines Wäldchens versetzt, und sechzig Jahre waren ihm im Augenblick entschwunden. Drüben ragten die holten Türme einer grossen Stadt empor, welche ihm so •feekannt schien, während eine Nachtigall im nahen Gehusche, tieftraurig ihr Lied flötete: ״An Babels Wassern sassen wir, beweinten Zions Fall, an die Weiden bängten wir die Harfen allzumal.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.