Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651442--03011-2659921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 624 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 in Berlin Wasser genug gibt für sie und ihre Kin'der? Wir können es sehr wohl verstehen, wenn man sich nicht verantwortlich machen will für eine Auswandening, die man nun doch nicht aiifhalten kann, — weil es brennt. Leicht ist der Rat zu geben, dass der Eigentümer .im brennenden Hause abwarten soll, was die Löschmannschaften erreichen werden. Aber es gibt gar keine Feuerwehr ausser der eigenen freiwilligen, von der schon so viele der Besten dem Feuer selbst zum Opfer fielen. Gewiss müssen wir alles tun, um diese Foulerwehr bei Kräften zu halten, damit sie ihre Rettungsversuche fortsetzen kann, aber wenn wir auch keine Auswanderung unterstützen dürfen, so können und dürfen wir doch unter keinen Umständen Leute ins Feuer zurilckschickcn wollen, die glücklich/ aus dem brennenden Hause entronnen sind, zumal Frauen und Kinder. Wir dürfen nicht das Blut auf uns laden, indem wir ihnen die Hilfe versagen, zu der jede Jüdische Gemeinde verpflichtet sein sollte. Die grosse Protestversammlung in der Viktoriabrauerci und die noch grössere Veranstaltung im Friedrichshain haben klar und unzweideutig gezeigt, dass der deutsche Jude bei solchen Katastrophen, wie sic augenblicklich einmal wieder Zehntausend!.‘ von Juden in den Tod gesandt und Hunderttausende zu Bettlern gemacht haben, sich seines Nationalgcfiihls erinnert und sich eines Blutes weiss mit den Brüdern, deren Blut um des Judentumes willen vergossen wird. Zwar nicht eine Förderung unseres Zionismus, sondern seine allergrösste Schädigung müssen wir ln diesen Unglückstagbn •und Unglücksschlagen sehen, die über unser Volk herelngebroclieji sind. Aber sie zeigen doch wenigstens, dass nur wenige Leute ohne jedes Ehrgefühl achtlos beiseite stehen, wo das unschuldige Blut der Brüder von ruclilosen Händen vergossen wird, vergossen in einem Kampfe für Haus und Herd, in dem der Jude erkannt hat, dass es sich auch um seine n a t i o ־ nale Eh re'handelt. In dfcsem Zusammenhänge will auch die grosse Massenversammlung im Friedrichshain begriffen werden, zu der von zionistischer Seite die Anregung ausging, die dann aber von Juden aller Parteien gemeinsam einberufen wurde. * * Die Judenfrage wird nicht in Russland gelöst werden und nicht in New-York oder London, sie wiril ihre Lösung nicht finden in׳ Revolutionskampf noch in der feigen Angleichung, sondern nur in der Freiheit! Nur wenn' die Juden wieder eine Heimstätte in dem Laude errungen haben werden, das ihnen entrissen, in Palästina. wird die Judenfrage ihre Lösung gefunden haben. Bis dahin wird noch manche Proteslversammlung und mancher Trauergottesdienst atgehalten werden müssen. Freilich wird auch die Berliner Jüdische Gemeinde bis dahin lernen, ein rascheres, weniger ,.liberales“ Tempo einzuschlagen, wenn es der Hilfe der Brüder und wenn es der Trauer um die Wunden des Volkes gilt. Wir, das Volk des Optimismus, wir, das Volk, dem die schwersten Wunden geschlagen sind, die einem Volkskörpcr je zu teil wurden, geben trotz aller Not die Hoffnung nicht auf, dass das Jüdische Volk leben wird. Wir glauben an die Zukunft. Aber Hand muss man anlcgcn, damit dereinst wieder der jüdische Bauer in Palästina die Furchen durch die Acckcr zieht. Wir müssen schaffen und wirken, damit eine Zeit komme, in der Juden ihren Kindern erzählen können von der fernen Zeit, in der es Juden gab, die cs iiir eine Ehre hielten, dem eigenen Volkstumc den Rücken zu kehren lind die sich um so vornehmer diinkten, je weniger sie vom Judentum wüssten. In dieser schweren Zeit der Not wünschen wir von Herzen, dass bald die Zeit nahe, wo ein glückliches Jüdisches Volk im alten Judenlande wohnen möge, wo es keine Schande mehr sein wird, von einem jüdischen Vater gezeugt, kein Makel der Geburt sein kann, von einer jüdischen Mutter geboren zu sein. Das ist nur im alten Judcnlandc möglich, wenn cs das A 11 n e u I a n d der Juden geworden ist. Indem wir an die Augenbh'cksIiilL gehen, um den Brüdern den Mut zu stärken, im Kampfe für Weib und Kind ausztiharren, müssen wir zugleich für Die Zukunft arbeiten, die Hände nicht erlahmen lassen für das Werk in Palästina. Von Protest und Trauer zur Arbeit für die Zukunft des Jüdischen Volkes! Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjabu n. Als der junge Jekutiel seinem Ring drehte und hastig seinen Wunsch aussprach, wirbelte es ihm ein wenig wie kalter Wind um den Kopf. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einem hochgewölbten Raume auf einer Bank sitzend, und um ihn summte und brummte es wie bei einem Wasserfall. Er war plötzlich in einer Frankfurter Synagoge, wo gerade gebetet wurde. 1 ״Ein Fremder,“ sagte *die Bank, ״Aus fernem Lande,“ sagte der Teppich. (״Ob er wohl Gemhra versteht,“ fragte das Gebetbuch, denn in seinen Augen gab es nichts Gelehrteres als die Gcmara. Und der Synagogendiener kam und sagte in näselndem Tone: ״Der Parncs is sei, mechabbcd mit hagbe.“ Das sollte soviel heissen, als: ״Der Vorsteher erteilt die ehrenvolle Erlaubnis, das Gesetzbuch hochzuhebeii." Und Ben-Jckutiel verstand den Diener; denn der Ring des Propheten Elijahu hatte ihm auch die- Kraft gegeben, alle möglichen Sprachen zu verstehen und zu sprechen, solange er an seinem Finger den kostbaren Ring trug. Da stieg er hinauf auf den Almcmor und hob die Ge.sctzcsrollc hoch und Hess sie einrollen, küsste sie und begab sich wieder auf seinen Platz. Als nun der Gottesdienst beendet war, kam der Rabbiner an Ben-Jckutiel heran, um ihn zu fragen, von wannen er wäre. ״Ich bin aus ,dem Lande unserer Väter, aus der heiligen Stadt Jerusalem,“ sagte der Jüngling, und der Rabbi freute sich, denn er war ein frommer Mann und liebte Jerusalem. Und dann erzählte er ihm, dass er in Frankfurt sei, der schönen Stadt am Main, und dass es den Juden nirgends besser gehe, und sic nirgends glücklicher seien als eben in Frankfurt am Main. ״So habt Ihr wohl einen sehr mächtigen König der Juden, der viele von den anderen Völkern unterworfen hat,“ fragte Bcn-Jekutiel. — ״Nein.“ erwiderte ,der Rabbi, ״aber nirgends sind die Christen uns so freundlieh, als bei uns in Frankfurt.“ — Nun konnte doch aber Ben-Jekutiel garnicht wissen, was Christen seien, denn