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Jüdische Rundschau · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Volkes, gegen die •es keine europäische Demonstration gibt. weil cs sich um einen christlichen Kulturstaat hau- : vielt und — weil Juden j'a eben nur — Juden sind. Mit 1 Schmcrzgciiihlen steht das ganze Volk da,, das den j Brüdern nicht helfen kann, weil cs durch seine anor- ( male Lage dazu verurteilt ist, mit stiller Trauer und j lautem Proteste, aber sonst untätig das elementare Un-! glück mit anzuselien. das über unsere Brüder nächtlich j liereingebrochen ist. Kur wenige ganz reiche Juden,! die, um uns ■eines volkstümlichen Ausdruckes zu be- ן dienen, allzusehr in der Wolle sitzen und deshalb die | Leiden des Volkes so wenig mitfühlcji wie sein seej lisches Bedürfnis, dass für die angegriffene Ehre der Nation etwas geschehen - muss, mochten so leise auftreten, dass nur ja nicht die Gefühle einer hohen Politik und der allcrergebenstcn Leisetreterei tangiert werden. Von wenigen überreichen Angstmeiern abgesehen, ist sich die ganze jüdische Nation, sogar in ihrem krankhaften Assimilationstaumel, 'darüber einig, dass der Protest so gross, so flammend sein sollte, wie die Trauer gross und unermesslich ist. Wenn trotzdem jüdische Gemeinden, und nicht geradc die, kleinsten, cs bisher noch den kleinen Privatgemeinden überlassen, ihrer Trauer und ihrem Proteste in der Form Ausdruck zu verleiben, wie sie ihnen durch die Prcussische Judengcsetzgebimg vom Jahre 1M7 zubemessen ist, nämlich durch Veranstaltung von Trauergottesdiensten, so ist das nur begreiflich aus einer gewissen Greisenhaftigkeit, die in diese Verwaltungen eingedrungen ist und die auf das engste mit der liberalen Verwaltung ziisainmenhängt, die aus dem vorigen Jahrhundert sich noch erhalten aber längst überlebt hat. Dass die Jüdische Grossgemeinde Berlin hier- «III;u. TpÜ •Mi« d dass sie cs ist, die am längsten zögert, durch Veranstaltung von fraue.rgottesdiensten dem stillen Schmerze Ausdruck zu verleihen, ist in ihrem ״Liberalisimis“ begründet, der für die russisehen Brüder gern noch das Prinzip als Ethik gelten lassen möchte: Besser Unrecht leiden als Unrecht tun. Sie nennen sich ja auch nur liberal. Die grosse Protest- Versammlung, die von zionistischer Seite vor 7-Wei Wochen in der Viktoriabrauerei abgehalten wurde und sieb zu einer Riesenmanifestation allerersten Ranges ausgestaltete, ebenso wie die grosse Versammlung in der Brauerei Friedrichshain, die von Zionisten, Assimilationsjtiden aller Schattierungen und Anti-Zionisten gemcinsam Veranstaltet und am Dienstag Abend abgehalten wurde, war ein flammender Protest gegen die unmenschlichen Greuel, ־die sich jenseits unserer Ostgrenze abspielten. Diese grossartige Versammlung war ein Aufschrei der jüdischen Volksseele, ein Sich-Aufbäumen des gehetzten Volkes, — leider ejn ohnmächtiges Gescbr!ci, das ungchört bleibt, weil es nicht zugleich auf einer Macht beruht. Denn seitdem das Gesetz durch die Liebe abgclöst wurde, so dass das Gesetz nunmehr veraltet ist. vermag nur noch derjenige Gerechtigkeit im Rate der Völker zu erlangen, der sie mit dem Schwerte und der Macht zu heischen versteht. Inzwischen sin’d bereits die ersten Hungernden und Verfolgten auf ihrer wilden Flucht in Berlin angelangt. Denn während die Jünglinge und Männer kämpfen, Mährend die alte Jugendkraft des gehetzten Volkes zu neuem Leben erwacht, und für Vater und Mutter, für Schwestern und Kinder die Männer den Heldentod sterben, fliehen Witwen mit ihren unmündigen hungernden Waisen, so weit wie sie können, um ,den Foltern zu entgehen, wie. sic das Russische Volk zu erdenken verstellt, weil es einer Edelrasse entstammt, die sich besser weiss, als jenes zurückgebliebene Volk,, dessen Gott ein Gott der Rache sein .soll, und der Gerechtigkeit ist. Zwar wird an der Grenze auf der russischen Seite scharf geschossen, so scharf, dass die. Unverletzlichkeif der Grenze an dieser Ostseite Prcussens längst mir ein frommer Wunsch ist, und auf der andern Seite wird nach Geld gefragt und dfer Pass und die Schiffskarte verlangt und wird alles getan, tun zu zeigen, dass man hüben und drüben trotz der üblichen Grenzsehicsserci recht herzlich und innig befreundet ist; aber doch gelingt es zuweilen der erfinderisch machenden Not der unglücklichen Mutter mit den verzweifelnden Waisen dfe Grenze zu parieren und auf den Strassen Berlins henimzuwandern, um bei den Bureaus der Jüdischen Gemeinde nicht minder als bei den Hilfsvereinen die eine In ihren Augen jedenfalls unmenschliche Antwort zu vernehmen: ..Nach Russland zurück können wir euch die Billets bezahlen, sonst können wir euch nicht unterstützen.“ Kann man es efen Armen verdenken, wenn sic in guter Erinnerung an den russischen Kulturstaat antworten, dass sie es nicht nötig haben, nach Russland zurückzuwandern, da es ja auch

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