Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 616 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. Al die sie übernonmi.n hat, nun zu linde Ist. Ein Darüberliimus iw Sinne der gerade bei den Juden vielfach vertretenen extre- Wen Bestrebungen kann zu Resultaten führen, die sich gegen die Juden richten. ־ Ten Rat. der zu anderer Zeit diskutabel wäre, halten wir im Augenblick für deplaziert und geschmacklas. Im Uebrigen aber verdient die Stellungnahme der PETERS- BURGER ZEITUNG gegenüber derjenigen ihrer deutschen Kolleginnen vom Schlage der DEUTSCHEN TAGESZEITUNG li. a. vornehmer Organe hervorgehobeu zu werden, nicht wc:l sie judenfreundlich wäre — das ist sie. wie man sieht, durchaus nicht —־ aber weil sie vernünftig und gerecht zu sein wenigstens den Versuch macht! Zwei Proklamationen Unter der Ueberschrift .,Gorkis Blatt begünstigt deu^Autisemitismus“ übermittelte der Londoner Vertreter einer Berliner Zeitung eine SensationJ.le Nachricht des Petersburger Korrcspondcuten des DAILY TELEGRAPH, wonach Gorkis neue Zeitung NOW AJA SHISX sich in den Dienst des Antisemitismus gesteht haben soll. Die Mitteilung des DAILY TELEGRAPH beruht natürlich aui einem sehr groben Missverständnis. Die erste Nummer der Gorkischcn Zeitung N'OWAJA SMiSN voröfl.ntliohte zur Charakteristik des gemeingefährlichen Trc'bens der reaktionären Partei z w e i P r o k I a m a t i (11 י e 11 der von dieser Partei und der Polizei .unterstützten Hooligans und wies ausdrückl eh da rat:-.' hin. dass diese Proklamationen in Petersbürg auf der N'arwskaja Zastawa von Polizisten an die LUsass- Säulen geklebt wurden. Diese Proklamationen, die mehr a*s die detai hortest.u Berichte darum, mit welch diabolischen Mitteln das ..schwarze Hundert" arbeitet, wurden übrigens in den letzten Tagen nicht nur in Petersburg, sondern auch in Moskau und in *vielen anderen russischen Städten massenhaft verteilt. Die erst. Proklamation ist mit folgenden ..V i gnetten“ geziert: Einem Kreuz, einem Messer, einem Schädel, einer Pistole, einer Sense, der russischen Ü ahne und mit K u g e 111. Sic lautet: ״T 0 d den Juden! Russisches Volk! Tod d׳:n Juden! Erwache von Deinem Schlai und betritt den AYeg der Wahrheit und Gerechtigkeit! Mau Kleid gt Diel, man verhöhnt Dich und Dein Väterchen Zar wird dessen nicht gewahr. Es umgeben ihn Juden-Minister, wie. Witte und ähnliche. Väterchen Zar kennt Deinen Schmerz nicht, mein Volk! Man gibt ihm keine russische Zeitung zu lesen. man berichtet ihm nichts über Dich. Witte ist jetzt so gestellt, dass er tun kann, was er will. Witte will überall die Juden durchsetzen, überall will er sie hijieinbringeu und dann erwartet Dich grosses Unglück, grosser Schmerz, russisches Volk! Du wirst nicht mehr russisch sprechen können, nicht rechtgläubig beten dürfen, überall wird cs nur Juden. Juden und Juden geben. Grosses russisches Volk, man muss Regen die Juden kämpfen! Lasst uns sie morden! Schlagt die Juden! Beginnen *w i r mit dem verfluchten Witte! Wir haben viele Männer, die sich für den Zaren, fürs Vaterland, für den orthodoxen Glauben opfern werden. Glaube uns. grosses russisches Volk! Wir werden nicht ruhen und rasten, bis "ir alle Juden, alle« bis aut den letzten totgeschlagen traben werden. Wir haben schon diesen Dieb Witte vnrgenicrki. Wir werden uns nicht sc]111״ :n. und Ihr. russ'sche Bürger, werdet selbst schon hören, dafs dieser Witte ermordet ist. ״Hu1uf:rt Männer (das ..schwarze Hundert”) •haben beschlossen, stell zu onfern. Wir werden einer mit dem andern in den Tod gehen! Den Witte werden wir wie einen Hund erschlagen. Wir werden alle verfluchten .lud .n und‘ alle Judenknechte töten. Tod Witte! (Dabei die Vignet'e eines Totcnschädcts.) Nieder‘ mit allen Juden! Russische Bürger: Wir werden uns nicht eher beruhigen, solange nicht alle Judcu und Judenknechte bis auf den letzt.11 Mann erschlagen sind. Erschlügt die Juden! -- Moskau: ..Die russisch-nationale Moskauer Liga". Die zweite Proklamation lautet: ..Rechtsgläubige! Warum verkauft Ihr Russland? Warum gebt Ihr den meuterischen Herren, die nur für sich sorgen und nicht uui's A’olk besorgt sind, Kraft und Macht? A 11 d i e A u s*l ä 11 d c r. all die Fremdländischen, die durch russisches Blut unterworfen wurden, soi'cn sich jetzt von Russland losrcLsscn. und die Juden haben sich bewaffnet und bereiten sich vor. in der allgemeinen Verwirrung sich in russischem Blute zu baden. Ml diese Meuterer unterstützt Witte, der eine J ii d in geh e i r a t c t h a t. Er hat sich des Vertrauens des Zaren bemächtigt, stellt sich ihm dar als treuer Untertan un׳J bestrebt sich indessen, Kaiser von Russland zu w׳erdl.n. (!!) Er hat selbst den Schatz des Landes gepliindort, er hat den staatlichen Schnapsverkauf (Monopol) eiligeführt, uni das russische Volk betrunken zu machen. Nun fiirolltet sich dieser Scluirkc vor dem Volkszorn und flüchtet sich in die Nähe des Zaren, Kamcno-Ostrowski Prospekt No. 5. in der Nähe des Kaiserlichen Wintcrpaiastcs. Lassen wir unser Vaterland nicht untergeben. Brüder!" Ein Brief aus Odessa E nein erschütternden Brief aus Odessa entnehmen wir üKr die Greuel der vergangenen Woche folgende Stellen: ״Von Schutzmännern, die in Frauenklcidung steckten, und auch von solchen, die nicht verkleidet waren, angeführt iuid Vo״ Soldaten beschützt, stürzten sldh die wilden Best en, d.c mau mit Revolv.m bewaffnet hatte, auf unschuldige und unbewaff-;,.etc Menschen und mordeten mit einer Wut, die auch das b’utdiirst gste Tier nicht keimt. Mit Beilen und Achten Wurde gearbeitet, um den Tag der Freiheit ZU feiern. Den voraugetiagcncn Heilig.nhitderu und dem Bilde des Kaisers ‘folgte eine Picbsbandc. die von einem Fric densrichter aus dem Gefängnis hefret worden war und in der man durk.11 Branntwein jedes menschliche Gefühl zu ertöten sucht.; Die Taktik K r u s c h c w a 11 s hatte grosse Ei folge zu verzeichnen. Säuglinge und ältere Kinder wurden vom zweiten Stock auf das Pilaster geschleudert. Einem Juden uud scimg. n.unjährigeti Tochter wurden beide Yurderanr.o Ki lebendigem Lebe durchgesägt. Studenten, die die Unglücklich-.!! in Schii'7. zu nehmen versuchten, wurden auf da;, grausamste niedergemetzelt. Frauen mul Mädchen wurden massenhaft eiit.lut und faktisch l:;ngtsehbic!mt, Das Resultat der tiiui Bartiadomäus-Tagc und *Nächte bildet die Zahl m n 1'MHio Ycrwtin־ detcu tmd ungefähr 2! ui! Toten. Die Einzelheiten zu schildern ist ganz mimöglch. Ich möchte nur noch lan/uüigcn. dass jüdische Passagiere aiij Pamj;!er11. die v<•11 Cherson nach Alexandrow si. iuhren. ii I« c r Bord ge w « r i c!1 w urJen und in den Wellen jänimeil*ch zugrunde gingen. Das Elend ist irrenzenlos. Tausende und Abertausende von Menschen sind tatsächlich bis aufs Hemd beraubt und dein Hunger und der Kälte preisgegeb.n. Ich selbst fühle nicht das Gluck, mein Haus durch besondere Protektion gerettet zu sehen, mich drückt vielmehr der Schmerz über das allgemeine Unglück. Finifund־ zwanzigtauseiid Familien sind ohne Unterkunft, ohne Kinder uud ohne jed; Mittel. Pie grt*sse Armee der Hungernden ist; .:r provisorisch unter׳gebracht in de!: zahlreichen Yerpilegungs* Stationen, wo man die Unglücklichen mit Nahrung und Kleidung notdürftig vei sieht. Doch reichen die. vorbmdend.i Mittel nicht im entferntesten hin. um die dringendste Not zu bannen. Deshalb ist eine rasche und ausgiebige Milte von aussen erforderlich. Ich erlaube mir daher, mich au Sie im eigenen xvic im Namen des hiesigen Wohltät'gkcitskomitces zu *wenden, ebenso im Namen all der tausende, d.c gestern noch wohlhabende Leute waren und die heute infolge der tMassakrcs gezwungen sind, die Hand nach sin cm Stücklcin Brot auszustrecken. Ich bitte Sie flehentlichst, itn Kreise Ihre־ Freunde und Bekannten eine Sammlung cmzuieiten. . Durch vier Tage und Nächte hat die Polizei allen L uten, die zu ihrer Selbstverteid;gu!!g Waffen besessen haben, letztere weggenomtnen und in Gemeinschaft mit Kosaken und mit dem Pöbel drei Viertel der Stadt uud das ganze Eigentum der Juden zerstört. Mail bat a't und jung g.mordet uirU’üebei Kinder, sowie Erwachsene, von den Balkons hinabgestürzt. Man zählt in Odessa mehr als dre:tause!1d Verwundet * und 1111gefälir tausend Tote. Die Zahl der Obdachlosen ist ungeheuer gross. Ganze Strassen und Plätze sind zerstört. Viel; Strs•׳״־! sind mit Blut bedeckt. Ucbcrall liegen Waren herum. Die CtuCigans und verkleidete Polizisten haben unter 111 ilit ä r i s c h e r Bedeckung Gegenstände aus Gold. Sdbcr und andere Wcrtsacli.u davongetrageu. Bloss die Uspcnsk uja- Strasse ist wie durch ein Wunder verschont geblieben. Die Häuser, aus welchen teils Provokateure geschossen haben, sind durch Maschinengewehre zerstört worden." Protest Kundgebungen London. M. N'ovcnib.r. In einer gestern in der Me- •noria! Hall abgehaltenen Versammlung von Juden, in der gegen die Ausschreitungen gegen d'c Juden in Russkmd Pro- :ist erhoben wurde, wurde folgendes Telegramm des P r em ie rm i niste rs Balfour verlesen: ..Di: Regierung Sr. Majestät hat mit Bedauern und Schrecken von den Jadenuiassakres gehört tmd bereits alle Massregelii ergrifim. welche geeignet erscheinen, das Ungemach y.u lindern.’' Ael.nhche 1 eleeramine waren von Lord Rosebcry. Chamberla in. A s q u i t h . Lord R *» t *11 schild, den E r z b i s c 11 ö- 1 e 11 von C a 111 e r h 11 r y und W e s t in i n s t e r und anderen angesehenen Persönlichkeiten eiiigegangen. Lcdon. M. November. Anläss'ieh der russischen Juden־ massakres wurd!: heute in London eine grösst■ Judenver- Sammlung ahgchalteu. in der der Briet Josef Chamberlains an Herrn Laugermaiin verlesen wurde.