Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 603 römische Geschichtsschreiber, dass sic im Würfelspiel häufig nicht nur Haus und Hof, sondern auch Weib und Kind, ia sogar die eigene Freiheit verloren und dann mit ihrer Familie in die Sklaverei des glücklichen Gewinners gingen. In den Landsknechtslagern des Mittelalters war das Würfelspiel heimisch und bis in dSe Neuzeit hinein haben gerade diejenigen Kreise, welche sich gegenüber den Juden hermetisch abschlicssen, dem Glücksspiel seinen ״kav aller massigen" Charakter aufgeprägt. Dem Fürsten von Monaco, in dessen Uindchen für die internationale Spielergesellschaft dem Gotte Zufall ein prunkvoller Tempel errichtet ist huldigt die Crfimc der Aristokratie. In den O!(fixierkasinos mancher Regimenter muss zuweilen auch recht stark gespielt worden sein, da es eines rücksichtslosen Einschreitens des Kaisers bedurfte, um diesem Unheil zu steuern. Erst in der letzten Zeit haben die Ordenburger Ruhstrat- Prozesse Zustände über Umfang und Höhe des Glücks- Spiels enthüllt, bei denen Juden in keinerlei Weise engagiert waren. In dem ״Harmloscn-Prozcss". der vor einigen Jahren grosses Aufsehen erregte, waren ״christliche Kavaliere" die Partner des ״ollen ehrlichen Seemann". Ja auch unter den Spiclerhabituds des ״Klub von 1900” nannte die Presse hochadelige Namen. Dagegen erzählt man sich von dem alten Meyer Amschet Rothschild, er habe seinen Söhnen das feierliehe Versprechen abgenommen. nie an einem Hasardspiel teilzunchmcn, denn solchem Laster könne auch Rothscfrildschcr Reichtum nicht Stand halte 11.“ Von der Galizischen Kultur In der SILESIA findet sich in einem ״Briefe aus Zakopane“, dem bekannten galizischen Höhenkurorte, folgende bezeichnende Mitteilung: ״Wenn man Zakopane den Rücken gekehrt und über Krakau hin gegen Europa sich gewendet hat. passiert man den weit und breit berühmten Wallfahrtsort Kal-׳ warya. Hierher pilgern fast das ganze Jahr hindurch Tausende, um durch Beten und Singu! den Heiligen neuen Segen abzuringen. In dem Seitenschiffe der KiKrche ist ein merkwürdiges altes Bild zu schauen, das anderswo kaum geduldet werden dürfte. Es stellt die Abschlachtuug eines christlichen Kindes durch Juden •in sehr drastischer Weise dar und wird seine Wirkung auf die ungebildeten Volksmassen sicherlich nicht verfehlen. In Kal warya holt sich auch der polnische Schul verein von Fall zu Fall den Segen, und seine Propaganda ist dann um so wirksamer.“ — Und solcher Kultur gegenüber haben die eingebildeten Juden noch den traurigen Mut. lieber ihre eigene Kultur wieder aufbaucn zu wollen, als diese anztmehmen. Man sollte sich wirklich länger keine Mühe geben, ein so Undankbares Volk der hohen galizischen Kultur ..assimilieren“ zu wollen. Gesellschaftsreise nach Palästina Die in der zionistischen Presse wiederholt angeregten Ge* scllschaftsreiseu nach Palästina sind endlich verwirklicht worden. Das Fahrkartenbureau der königl. ung. Staatsbahncn hat das Zcutralbureau für jüdische Gesellschaftsreisen einen auch durch seine äussere Ausstattung glänzenden und durch die Fülle vortrefflicher pohtographischcr Aufnahmen aus dem Orient sehenswerten Prospekt herausgegeben, in welchem eine Wiederholung der im April d. J. zum ersten Mal unternommenen Palästinareisc angekiindigt und das Programm entwickelt wird. Wir Zionisten können mst den Änderungen dieses Programmes sehr zufrieden sein. Während die Reise im heurigen Frühjahre nur sehr wenige, auf der gewöhnlichen Reiseroute gelegene Kolonien berührte und dieser Teil des Reiseprogrammes Zionisten Anlass zur Kritik gehen konnte, ist heuer auf die jüdischen Kolonien in ausgiebigster Weise Rücksicht genommen, wodurch der Wert dieser Gesellschaftsreise für zionistische Teilnehmer bedeutend erhöbt wird. Solche Reisen haben einen!lebt zu unterschätzenden agitatorischen und erzichcrischeii Einschlag. Wenn der Teilnehmer die Geschichte und Entwicklung des Landes kennt und auf Grund objektiver Prüfung dieser die Lage seiner Bewohner bedingenden Tat- Sachen die auf i|m Schritt für Schritt cinstürmenden Eindrücke aufuimmt. dann 'wird manches schiefe Urteil über das Land und seine Juden schwinden und manche irrige Meinung, die eine autizionistischc Haltung bis zur Reise hervorrief, revidiert werden. Auch der zionistische Reisende kann gegenüber viel •für sich und seinen zionistischen Kreis lernen. Die Reise zerstört manche Illusionen, raubt aber nicht Idealismus und Palästinatreue. Sie zeigt die kolossalen Schwierigkeiten der Landnahme, aber nicht die Umnöglichkeit. Wer freilich die ungeheure Grösse des zionistischen Befreiungswerkes nicht hegriffen hat und ein Zaghafter, von Augenblickserfolge» Fas/inierter ist, der mag durch solche Reise־ wankend werden in seiner Überzeugung und Hoffnung. Es ist ein blödsinniges Märchen, dass man aufhören müsse. Zionist zu sein, wenn man das Land kennen lernt und näher prüft. Im Gegenteile! Nach dem Prospekte zu schliess;n. ist die Organisation der Gesellschaftsreisen eine sehr gute. Da die Zahl der streiggläubigen Reisctclinehmer begreiflicherweise bei einer solchen Fal|־t nach dem heiligen Land überwiegt, ist die Vcrpflegung aut dem Schiffe und während der ganzen Dauer der Reise auf streng ritueller Grundlage durchgeführt. Der Osterreichischc Lolyd stellt für die zweite Reise, die im Februar 1906 stattfinden soll, einen seiner elegantesten, schnellsten und sichersten Dampfer zur Verfügung. Das Programm ist gemeinsam mit dem Rciseburcau ״Tabor“ aus Palästina durchberaten und aufgestellt worden, welches auch die nötigen Vorarbeiten im Lande selbst leitet. Die Reise geht am ■L Februar von Budapest mittJs Separatzuges nach Fiume, von da mittels Separatdainpfers nach Beirut. Von liier aus finden Ausflüge in die Libanongegend und ein Separatausflug nach Damaskus statt. Nach kurzer Seefahrt nach Haifa wird der Karmel besucht, dann die Kolonien Tantura, Sicliiron Jakob und zwei andere in der Nähe dieser gelegenen jüdische Dörfer. Die Fahrt nach Jaffa wird aui dem Schiffe zuriickgclegt. Der Aufenthalt iii Jerusalem dauert acht Tage, welcher zur Besichtigung der Stadt, zu einer Fahrt nach dem Jordan und Toten Meere benützt werden. Von Jerusalem aus geht es per Wagen zurück nach Jaffa, w obei die Kolonien Moza, Ekron, Recliobot und die anderen nächst Jaffa gelegenen jüdischen Ansied'ungeu passiert werden. Der Aufenthalt in Ägypten umfasst die Besichtigung von Alexandrien und Kairo. Auf der Rückfahrt wird Korfu besucht. Wir sehen, dass auf, die Kolonien diesniehr mehr Rücksicht genommen ist Galiläa kommt im Reiseprogramm allerdings zu kurz. Doch Ist die Bcrcisuug diese Teiles Palästinas für eine grosse Rciscgcsell- Schaft mit grossen Schwierigkeiten verbünde:׳, da die jüdischen Kolootiien abseits von den Hauptvcrk.l.rsstrassen — und an die hält sich natürlich die Reiseroute — gelegen sind. Mtmi kann den Gesellschaftsreisen stets wachsenden Erfolg und dauerndes Interesse jüdischer Kreise Voraussagen. Sic werden eine segensreiche, ständige Einrichtung werden und au;i die praktische Palästinaarbeit befruchtend wirken. Wie ein starker Magnet zieht das jüdische Ahnenland die volkstreuen Juden aller Länder an. Nicht als Touristen, die nur Vergnügen suchen und von einer wjten Reise erzählen wollen, gehen die Teilnehmer dieser Gesellschaftsreisen nach Palästina, sondern als voübewusste Juden wollen sic das Land der jüdischen Hoffnung und Zukunft betreten, mit jüdischen Augen seine Entwicklung und seine Bewohner schau.n. Ob sie Zionisten sind oder nicht, sie werden dann um so sicherer Treue bewahren dem Volk und seiner uralten Heimat. Fine Palästinareisc ist nicht nur eine unvergessliche Erinnerung fürs ganze Lebert, sie ist mehr noch Trostspenderin und Mutbringerin in dem Kampfe, der unserer in den Golusländeru harrt. 'Ver halbwegs kann und wahrhaft national ist. wird ohne langes Zaudern und Zweifeln die herrliche Reise mitzumachen bestrebt sein. Ivri. Marlborough—Vanderbilt 1 Von der schönen Herzogin von Marlkorough. der Tochter des amerikanischen Milliardärs Vanderlnlt geht gegenwärtig eine Geschichte durch die englische und die kontinentale Presse, aus der auch gewisse jüdische Kreise sich eine Lehre eiltnehmen könnten — wenn sie wollten. Es wird also erzählt: Die Herzogin von Marlborough, geborene Yanderbilt. will sich von ihrem Gatten scheiden lassen, und da sie eine streitbare Amerikanerin ist. die sich nicht leicht etwas bieten ,lässt, hat sie noch vor der Scheidung einen ..schriftlichen Feldzug“ gegen ihren Herrn und sogenannten Gebieter begonnen, um die ganze Schuld auf eine Schultern abzuwälzen. Sic sucht vor allem nachzuwciscn. dass die Marlborough alles, was sie sind und lialieu. ihren Frauen zu verdanken hatten. Eine Kreatur schöner Frauen sei schon der erste Herzog von Marlborough, der berühmte Sieger von Bletvhcim. gewesen, ohne die Frauen hätte er cs zu nichts gebracht, und unter seinen Nachkommen seien mehrere gewesen, die ohne weiblichen Schutz und Frauen- Kunst als vollkommene Kretins durchs Leben geschlichen wären. Die Porträts scheinen wirklich von frappanter Ähnlichkeit zu sem. und die schneidige Herzogin, die nichts sehnlicher wünscht, als ihren bürgerlichen Namen wieder annehmen zu können, hat die Lacher auf ihrer Seite. *־׳־ Wir meinen, dass die Moral in dieser anscheinend ein bischen unmoralischen Geschichte durchaus bc; der amerikanischen Milliardärin ist. Jüdische Banquierstöeliter. wem• sie einmal Gräfinnen oder gar Her- /«)ginnen geworden wären, w ürden me den plebejischen Wunsch• äussern. wieder Ralicl Colin oder Lea Goldsteiu heissen zu wollen, nur um den Mann, den sie als einen Wicht erkannt, wieder loszuwerde«. Was die schöne Tugend der Selbst-