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Jüdische Rundschau · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 603. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46׳, gesetzten! D. Red.) Oberliauptmann Neidhart aufgehaltcn werden. ln den Telegrammen wird gebeten, energische M a s s rp g c I n zu treffen. Es finden Haussuchungen und Verhaftungen wegen des Besitzes von Waffen statt. Viele Einwohncr flüchten. Eingeäscherte Stadt Wien. 11. November. U^bereinstimmendeii Meldungen zufolge ist die Stadt Calarasch in Bessarablen vollständig elngeäschert. Akcrmann, wo grosse Unruhen ausgebrochen sind, steht in Flammen. Ein in Jassy cingctroffcncr Kiselüncwer Kaufmann erzählt über Unruhen in Kisehincw: Am Tage der Ert.'ilu״£ der Verfassung begab sich eine jüdische Abordniiug zum Gouverneur, um angesichts der Unruhen in Odessa Schutz zu erbitten. Der Gouverneur schrie die Juden au: ״Ihr wollt Ereihcit? Ihr sollt jetzt frei sein!" Als die Abordnung auf die Strasse kam. ertönten plötzlich Schüsse, welche aus dem Verwaltungspalais (!) kamen. Vier Juden stürzten tot nieder, dies war das Zeichen zum Beginn der Revolution. Es tauchten sofort grosse Banden ven Chuligans. mit Gewehren bewaffnet, auf, welche das Zerstörungswerk und die Massakres begannen. Während der Gouverneur den Christen fünftägige Pässe gewährte, wurchn sie den Juden verweigert. Abgesetzte Gouverneure Petersburg, 13. November. Auf Antrag des Ministcrpräsideuten Grafen W i 11 e sind die G 0 u v e r 11 e u r e der Pr ־״ v i 11 /. c 11 E s 1111 a n d. Perm״ Tomsk. K a s a 11 u 11 d der Stadt Odessa a b b e rufen worden, weil sic k c i 11 e M a s s 11 c 1.111 e 1! z 11 r Verhinderung der j ii 11 g s t c n Unruhen ergriffen 11a h e 11. Odessa, 13. November. Au Stelle des seines Amtes entliobcneii Stadthauptmanns Neid har dt ist als Nachfolger General Grigorjcw bestellt. Grösste Ueberraschuiig hat hier die in Russland noch nie dagewesene Tatsache der Ber u i u 11 g eines Juden. A b r a h a m s 0!1 s. zum H aiipt• adniiuistrator der S ii d w c s t e i s e 11 b a 11 n an Stelle des zum Minister für Verkehrswege ernannten bisherigen Dircktors Nemcscl.ajefi I1erv0rgcruf.il. — Das macht die Toten nicht lebendig. Interventionen Eine jüdische Deputation unterbreitete dem Minister des Acusseren Grafen Ooluchowski die Erwägung, ob e» nicht die Mächte zu einer gemeinsamen Vorstellung bei der russischen Regierung veranlassen könnte, damit sic der passiven Teilnahme der Lokalbehördcn bei den Judenverfolgungen in Russland ernster entgegentrete. was auch wegen eines möglichen Uebergriffs der Bewegung nach Galizien wünschenswert sei. Go'.uchowski verwies aut die Schwierigkeiten einer Einmischung in eine fremde innere Angelcgenheit und darauf, dass ein solcher Schritt eher eine entgegengesetzte Wirkung haben könnte. Dia österreichischen Juden in Russland werden durch den Botschafter und die Konsulatc geschützt, für Galizien sei nichts zu befürchten. Washington, 6. November. Eine Versammlung von Juden hat in einem Telcgramip den Präsidenten R o 0 s e v c 11 gebeten, sich bei der russischen Regierung dafür zu verwenden, dass den Judemnctzelcicn in Russland ein Ende bereitet werde. Präsident R o o s e v c 11 hat sich dahin schlüssig gemacht, dass zur Zeit von der Regierung der Vereinigten Staaten kein Schritt u nte r noifi men werden könne, der von irgendwelchem Nutzen für die Juden in Russland sein würde. Ministerpräsident Graf Witte telegraphierte an den Bankier Jakob Schiff: ..Die russisch e _R e g i e r u n g verabscheut diese Atjsschreitt111c.il. Sie wissen, ich sympathisiere nicht mit solchen wilden Ausbrüchen. Alles, was ich tun kann, um den Ruhestörungen t’in Ende zu machen, ist getan worden, aber das Land ist in einem solchen unruhigen Zustande; die lokalen Behörden sind oft machtlos.“ Hilfsaktionen In fast allen grösseren Städten haben sich H i 1 f s k o m it c c s zu Gunsten der Opfer der brutalen russischen Judenverfolgungen gebildet. In Frankfurt a. M. haben sich hoehangesclienc christliche Männer dem Aufruf angcsohlosscn. der u. a. unterzeichnet ist von dem Oberbiirgermeister Ad icke s. den beiden Frankfurter Landtagsabgeordrieten. dem Pfarrer D. Rade, dem Obcrkonsistorialrat Karrer D. Ehlers und anderen .Geistlichen. Das einmütige Zusammenwirken von Männern verschiedener politischer Richtungen uirJ verschiedener Konfessionen im Dienste der Humanität verdient aller Orten Nachahmung. * Wie aus Paris gemeldet wird, hat dort die ..Alliance Israelite Universeile" allein aus der Hauptstadt schon 500 000 Fr. für die russischen Juden gesammelt. — In B c r I i n haben vor allem der ..Hilfsverein der Deutschen Juden", die ..Alliance." und die uZionistischc Vereinigung für Deutschland" eifrig mit den Sammlungen begonnen, die auch schon ansehnliche Beträge ergeben haben — freilich nur erst einen winzigen Teil des Nötigsten! Verschiedenes Petersburg. 10. November. Der Verband der Verbände veröffentlichte einen Aufruf an die Mitbürger, den Ausehrcitur.gen gegen die Juden und die Intelligenz energisch ciitgcg.uzutrcten. Warschau, 5. November. Hier wurden sieben Agitat ״ r e 11, die eine Juden hetze Iwrvorrufcu wollten, g c tötet. Paris. 5. November. Fs hat sich hier ein Komitee zum Protest gegen die Nieder mctzclu 11 g der i 111 e 11 e k - tu eilen Liberalen und Juden in Russland gebildet. Dieses Komitee, an dessen Spitze A ti a t o I c France steht, wird einen Appell an alle demokratischen Vereinigungen FiankreicLs richten uni Montag eine Versammlung veranstaltcu. — Sehr nett, aber mit papiernen Protesten ist wenig getan. Bern. 8. November. Eine au der hiesigen Universität studierende Russin aus Kisehincw hat aus ihrer Heimat- Stadt die Nachricht erhalten ..Alles zerstört“ und ist daraufhin!״׳ich Hause ahgereist. Wie es heisst, wollen auch andere russische Studenten aus Kisehincw nach Hause reisen, da sic i!1 Ungewissheit sine!, ob die Ihrigen getötet sind oder noch leben. ־ - Auch aus Berlin sind bereits olnc Reihe russisch-jüdischer Studierender auf trostlose Nachrichten hin. die sie von Hause erhielten, abgereist, um wahrscheinlich nie mehr zum Studium zuriickzukchrcu. Ncw-Ycrk. 10. November. Ncw-Yorker Israeliten setzten einen aus bekannten Bürgern bestehenden Ausschuss ein. um mindestens eine Million Dollar iiir die Opfer der russischen Judemnassakers aufzuhrincen. Zur Statistik der Juden Dass die Provinz Sachsen einer der an Juden ärmsten Bezirke im ganzen preussisch.cn Staate ist, dürfte wohl nur wenig bekannt sein: Unter der Bevölkerung des preusstsehen Oesamtstaates befanden sich bei der letzten Fest- Stellung 392322 Juden, oder 1,11־ Prozent der Gesamtbevölkcrung. Die Zunahme dieser Zahl hat mit derjenigen der übrigen Bevölkerung schon seit Jahren immer w׳ e n i g c r Schritt gehalten; 1SS0 hatte der prcussichc Staat noch 1.33 Prozent Juden in seiner Einwohnerzahl. 1890 nur noch 1.24 Prozent und 1900 nur noch 1,11־ Prozent. Der H a u p t s i t z der jüdischen Bevölkerung ist der Stadtkreis Berlin, wo bei der letzten Aufnahme 9220( Juden, oder •1.88 Prozent gezählt wurden. Dann kommen prozentualiter c?.c Regierungsbezirke Wiesbaden mit 3.01־ und Kassel mit 1,96 Prozent Juden innerhalb ihrer Bevölkerung. Die Anzahl der Juden in der Provinz Sachsen wurde zum letzten Male wie folgt fcstgcstellt, und zwar: Reg.-Bez. Magdeburg . . 3999. oder 0,3-1 Prozent, ״ Merseburg . . 2070. 0,17 ״ Erfurt .... 1978. 0,52 .. Unter den 36 prcussischcn Regierungsbezirken stehen mit fhrer Prozentualzahl an jüdischer Bevölkerung die RegicrungsbezTkc Erfurt an 28., Magdeburg an 31. und Merseburg an 3n.. also an vorletzter Stelle. Weniger Juden innerhalb seiner Einwolmcrschaft hat nur der Regierungsbezirk Stralsund aufzuweisen, nämlich 0,13 pCt. Von den im prcussischcn Staate verhamlcncn Juden hatten: deutsche Muttersprache 331 051־: deutsche und eine andere Muttersprache 3 20S (worunter 2065 rolnisch); n i c h׳ t deutsche Muttersprache 8 060 (worunter 2639 polnisch. 1739 russisch. 929 ungarisch, 857 holländisch und 637 englisch). Das Spiel und die Juden Ist das Spiel ein jüdisches oder ein g c r in a n isch cs Natioiiallastcr? Diese Frage beantwortet das IS RAF- LITISCHE FAMILIENBLATT so: ״Aber nicht nur psychologisch, auch historisch ist das Hasardspiel in seiner Verderblieben Gestalt in breiten jüdischen Kreisen nicht heim i s c h. Die Lotterie, welche heutzutage als gute Einnahmequelle der Staat unter seine Fittiche nimmt, ist doch wahrlich keine jüdische Einrichtung, die öffentliche Anerkennung des .,berechtigten Spicltriebes", welcher darin liegt, nicht jüdischen Ursprungs. Demi zwischen der Staatslottcrie und dem privateil Baccarat ist kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied. Die Historiker wissen nichts von jüdischer Spicllust zu erzählen, aber von den alten Germanen, dem Ideal unserer Antisemiten, berichtet uns Tacitus, dier

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