Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 596 r JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46 Satzungen und Sitzungen meistern zu können glaubt. Mögen j viele aus Ji.scn Worten!erneu! Für das Judentum als Religionsgemeinschaft trat Dr. Werner in die Schranken, während Justizrat Breslauer uni Rechtsanwalt Auerbach über die staatliche Lage der Juden n. Deutschland referierten. Beide Herren schilderten ■die allge mein bekannten traurigen Verhältnisse und nahmen insbesondere unsere Deserteure scharf her. Sic erhoben Einspruch dagegen, dass der Staat in Gestalt von Anstellung und Beförderung eine Prämie auf die Charakterlosigkeit setzt. Schliesslich begriisste Dr. Klee als Vertreter der ziouistisehen Organisation den Verband als die schwer errungene Einheit der deutschen Jude!׳, a's den Jungbrunnen neuer Kraft im Kampfe für unser Judentum. Ein gemeinsames Mahl vereinte abends die Teilnehmer in gehobenster Stimmung. Es waren derer etwa *UW und das ist der einzige Punkt im harmonischen Ganzen, den wir kritisieren möchten. Die zehnfache Zahl von Juden hätte bei der Tagung versammelt sein sollen. Es ist so erfreulich, dass endlich, endlich die deutsche Judet'he.t sich auf sich selbst zu besinnen anfängt, dass wir den Verhandlungen die breiteste Oeiicntliclikeit wünschen. Sie können dabei nur gewinnen. Wir wünschten ein breites Wahlrecht, das nicht nur den Gcmcindclcitcrn und den Honoratimen Rechte verleiht — der Begriff ,.Hororatior" ist offenbar auch beim Komitee nicht feststehend und wurde manchmal sogar zu demokratisch gefasst! - sondern auch dem Volk gestattet, laut und vernehmlich seine Wunsche zu äussern. Wir haben ja so viel zu klagen und anzuklagen! Aber da .sich alles auf einmal nicht erreichen lässt und die jetzige Zusammen- Setzung ein Ergebnis vieler Kompromisse ist. so sollte man bis auf weiteres wenigstens Zuhörer in unbeschränkter Zahl zulassen. Weshalb weist man die von der Türe, über deren Wold und Wehe man Resolutionen fasst. Man braucht sich doch nicht vor Beifall und Begeisterung zu scheuen! Im Ganzen also: es war ein Erfolg. Keiner vorüuiig im Sinne der Praktischen, denn man wird den gefassten Be- Schlüssen und Protesten vorläufig wenig Beachtung schenken, in den höheren Sphären. Aber wir sind endlich einmal einig, haben endlich das Ducken und Kriechen überwunden, heginnen uns als freie Männer zu fühlen und fordern energisch unser gutes Recht statt darum zu bitten. Das ist ein ungeheurer Fortschritt und das allein schon stempelt die Tagung zu ein: Tat Und jedes rechte und pflichtbewusste Handeln trügt ir sich den Keim des Gelingens. Darum begrüssen wir den erster deutschen Judentag als den Anfang zu besseren Zeiten! D r. Adolf F r i e d e m a n n. Ein Dokument zur Judenfrage Russlands Die freilich noch recht fragwürdige Pressfreiheit, deren sieh Russland seit einigen Tagen erfreut wird in ihrer unausbleiblicheti Vervollkommnung neben anderem das eine Gute haben, dass auf die internen Partei Verhältnisse Russlands, die bisher dem an klare Zustände gewöhnten Westeuropäer vielfach ganz unverständlich bleiben mussten, ein grelles Licht fallen wird. Das wird denn * dem Kenner der Lage durchaus nicht überraschend! ־ - u. a. auch zeigen, in welcher ״splendid Isolation“ die Juden sich auch in Russland befinden; wie sie auch iu Russland, und hier fast mehr noch als anderswo, absolut 3uf ihre eigene Kraft angewiesen sind; wie sie, ohne sich auf Liberale oder Sozialdemokraten als die ״progressiven Elemente'׳ zu verlassen, nur in Iüd isehen, nationalen Organisationen ihr Heil suchen können. Ein überaus charakteristisches Symptom für diese Lage ist ein anlässlich der jüngsten Judenhetzen in der bekannten liberalen Zeitung NOWOSTI erschienener Artikel Polja ko w s. der deshalb eine dokumentarische Bedeutung hat, weil unseres Wissens hier zum ersten Male in einer russischen Zeitung auf die Isolierung der Juden und die völlige UnvcrUisslichkc t der anderen Fortschrittsparteien Russlands in der Judenfrage hingewiesen wird. — Wir geben den Artikel in seinem ganzen Wortlaut hier in deutscher Sprache wieder, indem wir den charakteristisch:!! Ton des russischen Originals möglichst bcizubehalteii suchen: Die Vernichtung der Juden Diese Zeilen schreibe ich nicht als ein Zeitungsschreiber, nicht als ein ״russischer Journalist" - - ich schreibe sie als ein Jude, der erschüttert ist von den Schrecken dieser Tage, ' in dem das Biut Hunderter gequälter Geschlechter sich empört, der ein elementares Bedürfnis fühlt, endlich einmal die ganze Wahrheit laut herauszusagen. Drausscu fliesst noch das Blut unserer Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Auf den Strassen unseres ״Vater- Inndes" werde» die warmen Körper kleiner, hilfloser Kinder zertreten, die mit tastenden Händchen ihre toten Mütter gesucht haben. Ueberal! Schrecken. Zerstörung, Brand - überall Blut. Blut. Blut. Es wäre Schande, angesichts dessen noch länger zu lügen oder es verschweigen zu wollen: Ihr, r u ssische Liberale, Radikale und Sozialisten, ihr tragt mit Schuld an diesen Gräueln! Ja, ihr, die ihr jetzt entrüstete Artikel schreibt, ihr, die ihr jetzt die ״schwarze Baude" und die (louvcrncuie verflucht, ihr, die ihr jetzt über die Toten weint und v o n den Lebenden schweigt! War es nicht eure graue Theorie, die behauptete, die Judenfrage sei nur ״ein Teil der ganzen russischen Frage”, und die euch den Vorwand gab, deshalb die spezifische Judenfrage totzuschweigen! Ihr wusstet wohl, dass die ganze russische Gesellschaft vom Antisemitismus durchseucht ist — vom brutal-offenen od.r vom kulturell-maskierten, vom intellektuellcn oder vom gd'ühlsmässigcn Judenhass •- ihr habt das wohl gewusst, ui d was habt ihr getan, um euer Volk von diesem todbringenden Uebel zu heilen? Wo sind die Artikef. aus denen man euren Schmerz über euer wildes Volk gehört hätte? Wo sah man eure Scham üb.r früher Geschehenes, wo die Versuche, der Wiederholung solcher Schreckensszenen vorzubeugen? Ihr habt euch stolz in das Heiligtum eures ״Programms" zurückgezogen, habt uns eure Doktrinen gepredigt, und das Volk üherlicssct ihr den Kruschcwans und Suworins!') Was habt ihr eurem Volke geantwortet auf die Broschüren: ״Nieder mit den Juden!" die man für eine Kopeke und sogar umsonst tu allen Städten verteilt hat? Habt ihr vielleicht gemeint, dass wir verpflichtet seien, euer Volk aufzukUiren? Oder habt ihr etwa gedacht, dass man uns mehr Glauben schenken wird als euch.? Ihr entrüstet euch ül>cr die ״schwarze Bande", und ich zweifle nicht an eurer Aufrichtigkeit. Aber hätte derm die Mehrzahl eurer Anhänger, ihren Gefühlen entsprechend, anders gehandelt, wenn sie auf dem kultu rolle» Niveau der ״schwarzen Bande" stunde? Was habt ihr nach den ersten JuJcnhetzen in den achtziger Jahren getan? Eure Volkskämpfer haben sich ganz aufrichtig ,mit den Hetzen abgehmdett als mit den ersten Anzeichen der Unzufriedenheit des Volkes! Eure RUSSKIA W.1EDOMOSTI ) haben zwanzig Jahre lang schmachvoll geschwiegen, und nur Kischincw hat sic auf einige Tage davon abgebracht.. ״Man kann ja nicht mit der NOWOJE WREMJA1) polemisieren" ') Kruschewan. der bekannte Anstifter der Kischinewcr Massakres vom April 1903; Suworin, Herausgeber der antisemitischcn Zeitung NOWOJE WREMJA in Petersburg; beides antisemitische Het'/apostel. (Anm. der Red.) *) Bedeutende liberale Zeitung.