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Jüdische Rundschau · 1905-11-10 · Heft 45 (10.11.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 Seite 5$6 tätlichen Tonart vom Volke bisher nicht gewohnt waren. Furcht schleicht sich bei ihnen ein und treibt sie zu verzweifetter Rücksichtslosigkeit. Ständler haben sic den Finger am Drücker, bertit. auf jedes Ziel zu feuern, das sich an einem Fenster oder auf einem Balkon zeigt. Die Unsicherheit auf den Strassen ist infolge des untersehiedbsen Feuerns der Kos»* k. 11 grosser denn je. Der Korrespondent selbst wurde vormittags dreimal von ihnen ungehalten und grob nach Waffen untersucht. Die Infanterie-Patrouillen tun ihren Dienst sehr oberflächlich und weigern siel., zu feuern, falls sie nicht selbst ai'gcgrinei: werden. Diese Haltung der regluären Truppen hat die Ausständigen veranlasst, sie aufzufordern. sich der Revolution anztischli;sse n Die Zahl der Toten und V e rwund et en In den Strassenkämpfen am Mittwoch ist noch nicht genau fcsteeste: t. soll aber über 2000 betragen. Das Jüdische Viertel Im Westen tSer Stadt f*lic!1 am Abend einem Schlachtfeld. Haufen von Leichen lagen noch in den Strassen, auf den Fahrdäinmen tmJ am den Bürgersteigen umher. Ueberall waren die Mancrn mit Blut bespritzt, und die Leichen hingewürgter und zerhackter jüdischer Frauen und Kinder zeigten die Stellen an. wo der l. 1» y a 1 i s t e 11 ־ P ü b e I die Oberhand g c w 01111c!1 11 a 11 e. Hin Arzt vom Roten Kreuz, erklärte dem Korrespondeuten, dass die Vorgänge Im Judenvicrtcl von Odessa an Grässlichkeit nech das Trauerspiel von Kiseliinew übertraien. Die Studenlen und der jüdische *‘Band״ leisteten verzweifelten Widerstand, konntet sch aber nur stellenweise halten. Immerhin retteten sie die Stadt vor allgemeiner Plünderung und Schlächterei. Der Militärkommandant lässt jetzt gegen 1י״י Masckinetigeschütze 211 den wichtigsten Strassenpuukten aufstell.!:. Werden nicht die strengsten Vorsichtsniass:egcln getroffen, so w erden sielt gleiche Auftritte wiederholen. Bereits lebt der L c u e r k a in p f wieder i 11 d e r N ä l. e des .111 d c u v i c r t e I s. und der 11 e 11- I c n ü c Pöbel sch w ö r t. kein Jude soll tu i t d e m Leben da vonk״!nn1cu. Endlich ist heute. Donnerstag, nachmittag gegen 3 Uhr zur allg.meinen Beruhigung das K r i c g s ז e c!11 über die Stadt verhängt worden. Die Polizei greift wieder ein. die Standwaclicn und Streif- Patrouillen sind auf die doppelte Stärke gebracht worden und Max'tngeschütze beherrschen alle wichtig.« Punkte der Stadt. Die Bevölkerung ist ermahnt worden, nach Dunkelheit die Häuser nicht zu verlassen, und um 9 Uhr abends müssen alle Lichter atisgelösclu werden. Wer sich nach Eintritt der Dunkelheit. ohne sich unzweifelhaft answdsen zu können, auf der Strasse beiindet. wird verhaftet, wer sich an einem Fenster oder auf einem Balkon sehen lässt, kann ohne weiteres von den Wachen auf der Strasse erschossen werden. Der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ sind dr. 'Hatbriae eines sehr angesehenen Odessacr Einwohners, der die Panik cer fürchterlichen Mordtage durchgemacht hat. an seinen in Berlin lebenden Sohn zur Verfügung gestellt worden. Wir veröffentlichen diese aus dem Russ;sehcn übersetzten Briefe im Auszug.: Odessa, den 1. November. Gestern gingen den ganzen Tag durch die Stadt Volksmassen mit Fahnen: viele Redner. Studenten «״d Arbeiter hielten Ansprachen an dis Volk, das Hurra rief. Die Stadt war festlich gestimmt. Es gab weder einen Schutzmann, noch Soldaten, noch Kosaken. Obwohl wir keine städtische Miliz besitzen, war die Ordnung trotzdem hewuudcrimgswftrd'g. Denn die Studenten sorgten für di. Ordnung. So ging alles bis /.um späten Abend, als plötzlich in der Vorstadt Moldawanka eine Juden hetze ausbracii. Schon gibt cs Tote und Verwundete. Der Pol.zeihauptn-aun und der Po izclrreister wollen nichts . tun. Sie haben weder Kosaken noch Soldaten geschickt, de Exzesse im Keime zu ersticken. Nur Smdonten und die Selbstwehr arbeit.11. vermögen jedoch Ic'der nicht viel a:!s:׳u richten. Jetzt, am läge, hat mau begonnen, die L ä d e n z, 7 ״ e •־- t r ii rn m c r r. .Man sagt, dass die Polizei d e Plünderung selbst angestiftet hat. Ich sitze hier in der Bank, die Türei haben wir geschlossen und den Militärkommar.diercndcn telephonisch 11m Entsendung einer Militärpatrouille zur Bescliiitziiiig der Bank gebet. 11. Er hat /!!gesagt, aber wer weiss, oh er Wort hält. Ich hin gliiekbch. dass ihr fern vn»! dem unheimlichen thi seid. Seid um memetxvUleu uicht besorgt. Sollte die Sache bis zum Abend so fortduuern. so gebe ich gar nicht nach Hause, sondern bh* be in der Bank. * Odessa, den 2. N o v e m b c r. Gestern habe ich euch geschrieben und heute telegraphiert. Aus den Zcitungsuepeseben wisst ihr sicherlich schon, was hei uns yoreeht. Diese Mitteilungen si״d jedoch unzweifelhaft nichts im Vergleich mit der Wirklichkeit. 'Gestern wüteten den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch die Exzedenteu. Es war ein fürchterliches Massacrc, wie cs die Juden noch nicht erlebt haben. Mau raubte und plünderte in allen Strasse:•- Es gibt eine Menge von Getöteten und Verwundeten. Polizei gibt es nicht, nicht e'n Schutzmann zeigt sich. Das Militär ist passiv. Der Stadtliauptmaim hat erklärt, dass ihn die Sache nichts aiigche, dass er seine Macht der Stadtverwaltung abgetreten habe. Es güit zwar eine starke jüdische Scibstwehr und die studentische Mihz arbeitet heldenhaft, aber was vermögen sic auszurichten gegen fiinfzlgtaiisend Plünderer aus dem Lumpencesindcl unter Leitung der Pol zel. Unter den verwundeten Barfüsslcm wurden verkle'dctc Schutzleute erkannt. Die Panik Ist unbeschreiblich. Jetzt, da ich cs euch schreibe, um 3 Uhr Nachmittags, vernichtet man alle Läden auf der Peribarsowskaja (Hauptstrasse mit den schönsten europäischen Gebäuden). Von ׳Jeu Dächern und ans den Fenstern vieler Häuser wird auf die Studenten geschossen, werden Bomben geworfen. Ich habe diese Nacht im Klub der Schittsgesellscliaft zugcbracht. Dort waren mehr als 100 Mcnscl.cn. Christen und Juden. Niemand schlief auch mir eine Minute.״ * Odessa, J. November. Gestern war ich uicht imstande, euch zu schreiben oder zu telegraphiere״. Denn cs war unmöglich auf die Strasse h : 11 a u s z 11 - gehen. Die Haare stehen mir zu Berge, schluchzend muss ich die Feder wieder weglcgcii. Dem! es ist unmöglich, darüber zu schreiben . . . ־ ־ Das Blut floss buchstäblich in Stro. ,.en. Attch jetzt ist die Strasse mit Blutlachen und Leichnamen der Geläuten bedeckt, ich begreife rt chl. dass ich den Verstand nicht verloren habe, als ich aus den! Fenster die bestialischen Szenen beobachtete. Unaufhörlich wurden Frauen und Kine'cr getötet, in den fernergelegenen Stadtteilen aber geschahen Barbareien, wie sie die Welt kaum gesehen hat. Man sagt. dass über 2* ,J Mutschen /etö;et und 15 000 verwundet worden sind. Die ü'rcrw ältigeuUt Majorität bestellt aus Juden, aber tnan zählt auch sehr [viel־׳ getötete und verwundete Christen, da die jüdische S c 11111 z w c 11 r (zu der auch Christen g.hören) na mentlieb die Studenten sich voll Verzweiflung verteidigen. Mehr a'׳s die halbe Stadt ist ausgeraubt. Klschlnew und alle anderen Massakres. die bis jetzt stattgifenden haben, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu dem. was hier vorgcfalien ist. * Folgender Privatbrief aus Odessa wird uns von einem hiesigen Gesinnungsgenossen zur Verfügung gestellt: Odessa, den 5. November 1905. Mein lieber Solml Du wirst wohl begreifen, w ic schwer cs mir fällt, in diesem Atigcr.b! ck itlver das Morden und Rauben, das seit 4 Tagen b.i uns herrscht, viel zu schreiben. Wahrscheinlich werdet Ihr im Auslände melir.davou wissen als wir. weil wir in diesen 3 linst, reu Tagen hinter verammcltcn Türen sassen und nichts sahen; nur das Geknatter der Gewehre hörten wir. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist noch nicht genau bekannt jedenfalls aber beträgt ihre Zahl mehr als 10•0 ״ auf beiden Seiten. Unser einziger Triest in diesem grossen Unglück ist der. dass unseie Volksgenossen, nicht wie in Kischincw, dun Schlachtvieh gl.ich niedergcmetzelt wurden, sondern dass sic mit bcwuuderr.wcrtem Mute für die Ehre tmd das Leben ihres Volkes kämpften, wie es der Nachkommen der Makkabäer würdig ist. Es unterliegt keinem Zweifel, dass, wenn man gegen sie kein .Militär gesandt hätte, sie ihren Feinden ei.ג.׳־ vollständige Niederlage bereitet hätten. Aber der Artillerie der Regierung waren sie nicht gewachsen. Ehre den gefallenen jüdischen Helden! Die Unsrigeu sind wohl. Es grösst Dich Dein Vater. Drei Städte niedergebrannt Odessa, 8. November. Die im Süden Russlands befindlichen Städte Pol t a und OI v i 0 p o 1 sind von den Mitgliedern der ״Schwärzet] Bande" vollständig niedergebrannt und ausgeplündert worden. In den Flammen ist eine bedeutende Anzahl Menschen umgckomm.11. Die Pobzei verhielt sich während der Unruhen vollständig passiv. London. 8. November. Der STANDARD InkJet ans Bukarcst. die russische Stadt Calaraschi in Bessarabien soi vollständig niedergebrannt. Hunderte jüdischer ELtwolmer der Stadt kamen ln den Flammen um. ,

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