Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 580 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 Verband der Deutschen Juden Auszug aus dem Geschäfts-Bericht I. Vorgeschichte des Verbandes Der Verband der Deutschen Juden ist in seiner jetzigen Gestalt nicht das einheitliche We•*־ eines einzigen schöpfensehen Geistes, sondern er ist entstanden durch Verschmelzung verschiedener Ideen und trägt die Spuren der Kompromisse, denen er seine Entstehung verdankt, in seiner Satzung zur Schau. Nicht, dass die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses aller Deutschen .Inden verkannt oder uulcrschätzt worden wäre, nicht, dass über die Einigungsprojekte eine wes;nt'ichc Verschiedenheit bestand, soll hiermit gesagt sein. Nur die h’orii! des Zusammenschlusses bot Schwierigkeiten fast unüberwindlicher Natur. Die. Not der Zeit, welche auf der deutschen Jtidenheit lastet, hat den Gedanken geboren. Sic entstand nach der einmütigen Auffassung aller am Verbände mitarbeitenden Kreise in erster Linie aus der mangelnden Ernstlichkeit der meisten deutschen Landesregterung.n, welche sich nicht . entschlossen konnten, das Reichsgesetz vorn 3. Juli 1S69 über die Gleichberechtigung der Konfessionen auch den jüdischen Bürgern gegenüber rücklialtslos zur Anwendung zu bringen. Die bürgerliche Gesellschaft, welche die Juden hiernach amtlich und unverkennbar zu Bürgern zweiter Klasse gemacht sah. folgte erst zögernd, dann aber i!1 immer bedrohlicher werdendem Ernste der von aussen und oben kommenden Anregung: der Boykott, der von den Onizier-Korps und den höheren Beamtcnkreisen ausging, erstreckte sich nach und nach über die Studentenverbindungen und Vereine, die Freimaurer-Logen und bürgerlichen geselligen Vereine hinweg bis auf d e RiLger- und Schützenvcreine. Der Enthusiasmus der deutschen Juden über die Emanzipation hatte zur Zeit der grossen Einigungskriege In höchster Blüte gestanden. Er machte kaum ein Jahrzehnt später, nach Stöckers Auftreten, einer schweren Ernüchterung Platz, die in den 1SS0- und IS90er Jahren zu einer tiefgehenden Verbitterung oder Verzweiflung, je nach Weltanschauung und Temperament, anwiichs, aber auch im Zionismus eine bedcutende Gegen bewegung an fachte. Der in allen Glaubensbekenntnissen weit verbreitete, viel beklagte religiöse Indifferentismus hatte in den Jahren des deutsch-nationalen Aufschwungs und der Emanzipation gerade im Judentum sichtlieh um sich gegrifien. Und sicherlich hatten am meisten weitere Kreise der Gebildeten das Verständnis und damit auch die Liebe zum religiösen Inhalt des Judentums verloren. . So ־war denn die beklagenswerteste Folge, welche der Druck auf schwache Naturen ausübte, die gerade in den nach Bildung und Besitz zur Führung berufenen Schichten epidemieartig auftretende Neigung zur Taufe. Nicht aus religiösen Zweifeln, geschweige denn aus der vermeintlichen Erkenntnis oder jüdisch-religiösen Ethik oder des jüdischen Dogmas, nein aus brutal materiellen Erwägungen heraus wurden *Erwachsene und noch־ mehr Kinder zu hunderten und tausenden der jüdischen Glaubensgemeinschaft entzogen, oluie dass!pan es nur der Mühe für wert hielt, die Ucberzeugung zu heucheln, als ob in dem äusserlich angenommenen n.<uen Glauben geistiger und Gemüts-Besitz gewonnen sei. . ut Schon streckte der hierdurch kühner gemachte politischeAntisemit Ismus seine Harnl nach den Heiligtümern der jüdischen Tradition aus. Der fr.icn Rcügiousübung sollten Schranken gezogen, die auch vor der modernsten Wissenschaft röhmlichst bestehende Form der Tier-Schlachtung als barbarisch verboten werden. Eine ganze Literatur entstand um die RitualmordUige. Zu der schweren Embussc von Achtung und Schätzung der angestammten tausendjährigen Religion traten bedrohliche Zeichen ökonomischer Natur. Zu dem gesellsshaftlichen und amtlichen Boykott gesellte sich die Erschcinung, dass!n den preussi sehen Ost marken die jüdische Bevölkerung nach und nach ihren Nahrungsstand einzubüssen und zur Abwanderung fei grosse Handels- und Industrie-Centren gezwungen zu werden drohte. Der jüdische Kaufmann so gut wie der jüdische Arzt oder Anwalt kann ־sich nur schwer gegen den von deutsche« Behörden und machtvollen polnischen Vereinen oder Associa- ־tionen beförderten Wettbewerb behaupten. Die jüdischen Ge- ־mcinden in den kleinen und mittleren Orten, aus denen viele hervorragende Männer des Handels- und Gewerbestandes, aber auch führende Geister der Kunst und Wissenschaft, der •Literatur und Technik hervorgegangen s;nd, drohen zu veröden. Die Erkenntnis aller dieser eiten zu Tage liegenden bösen Zeichen der Zeit ist Gemeingut aller denkenden und Init ihren schwer ringenden Brüdern fühlen- •den deutschen Juden. Aber auch die Heilung der Gebrechen wurde von verschicdene» Seiten versucht. Zunächst muss der Tätigkeit des Abwchrverebs und des Abwehrkomitecs eine Anerkennung zugedacht werden. Grosses haben aber auch die heute im Verbände geeinigten Vereine geleistet. Der Deutsch-Israelitische Gemcinbund mit seinen emsigen Arbeiten auf dem Gebiete der jüdischen Statistik, mit seinem erfolgreichen Streben zur Hebung des jüdischen Religionsunterrichts und seiner weitsichtigen Förderung der historischen Forschung, mit seiner materiellen Aufbesserung des Lehrerstandes, bat vielen Tausenden erst die Augen über manche Judennot geöffnet. Die überall entstehenden Literaturvcreine erweckten das Interesse auch der modern gerichteten und künstle!tisch angeregten städtischen Bevölkerung an dem wertvollen Besitztum, das unsere Väter uns vererbten. Und der ״Zcntralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ legte seit seiner IS90 erfolgten Begriitidung unerschrocken in der Öffentlichkeit den Finger in die Wunde, verlangte unermüdlich Erfüllung der verheissenen Gleichberechtigung und zeigte auch denen ihre schon erlittene und bedenklich drohende Schmach utvt Einbussc, die bisher b$i!n Brande des Nachbarhauses sich mit der Zuversicht getröstet hatten, dass sie selbst ja in Sicherheit seien. Drei Anregungen sind es. welche schliesslich zu der wesentlich erreichten Krvstallisation all dieser chaotisch neben, zuweilen selbst gegen einander wirkenden geistigen Kräfte geführt haben. In der Zeit der Katholikenlind ähnlichen Tage lag der Gedanke eines allgemeinen d e u t s c h e n Judentages nicht fern. Eijie grosse allgemeine Versammlung der deutschen Juden sollte ihre gemeinsame Not festste!!•:!! und Mittel zur Abhilfe öffentlich beraten. Justizrat Breslauer in Berlin, dem Berlin die Zentralisation der jüdischen WohUäügkeitsvcreine verdankt, hat als erster diesen Gedanken mit Professor P h i 1 i p p s o n, dem langjährigen Leiter des D. J. G. B.. öffentlich erörtert. Die Leiter des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdsehen Glaubens. Dr. I* uchs und Dr. H o r w i t z, wurden zur. Verwirklichung mit herangezogen, denen sich Justizrat Dr. Edmund Friede mann, der langjährige Leiter des Abvehr-Komitees. anschloss. Sie stellten den Gedanken eines Judentages und die Schaffung einer dauernden Vertretung der Deutschen Juden durch Zusammenschluss der bestehenden jüdischen Organisationen in einer am 27. Dezember 1900 aus ganz Deutschland nach Berlin zusammenberufenen Versammlung zur Erörterung. Die Tagung lehnte indessen bei aller Anerkennung der Ziele den Weg des Judentages als ungangbar ab. Erachtet wurde aus dem Programm der Kommission der in ihrem Schosse zuerst von Dr. Fuchs angeregte und in der Tagung energisch befürwortete Gedanke einer ״Gesamt- Vertretung“ der Deutschen Juden. Es sollten vielmehr die bewährten Organisationen zur Entsendung auserlesener Mitarbeiter berufen werden: gleichberechtigt sollten־ die staatlich organisierten Gemeinden und Verbände zuverlässige Helfer abordnen. Das Jahr 1901 verging in stiller Arbeit für diesen Gedanken, dem es zunächst galt, überall einflussreiche Freunde zu erwerben. Diese Arbeit fiel einem zum Schluss der Dezember-Versammlung von 1900 gewählten Berliner Komitee zu. Ganz unabhängig hiervon trat 1902 in Frankfurt a. M. unter Leitung des jetzt verstorbenen Justizrats Plotkc ein grösseres Komitee zusammen, um dem gerade dort überhand nehmenden Abfall vom Judentum zu wehren. Als sehr geeignetes Mittel empfahl man neben andern Mitteln auch den Zusammenschluss zur nachdrücklichen Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte. Mit Notwendigkeit ergab sich daraus der Anschluss an das verwandte Ziele verfolgende Berlincr Dezember-Komitee. Letzteres trat dann atn 17. Mai 1903 mit vielen Delegierten aus Süddeutschland und vom Rhein unter der Frankfurter Führung ln Frankfurt zusammen, setzte am 28. Juni 1903 in Erfurt seine Beratungen fort und wuchs so zu dem Ausschüsse, der die heutigen Satzungen des Verbandes auszuarbeiten. seine Organisation vorzubercJten. die konstituicrende Versammlung zu berufen hatte. Dem Frankfurter Komitee entsprang der Gedanke, dass den Vertretern der Gemeinden, Korporationen und Verbände noch ein Element frei zugewählter Persönlichkeiten treten müsse. Aus dieser Überfülle der Ideen und Strömungen ein brauchbares Instrument der Einigung aller deutschen Juden zu gestalten, gelang in der konstituierenden Versammlung vom 29. April 190J, welche die heute geltendes Satzung des Verbandes in vierstündiger Arbeit geschaffen hat. Vertreter der deutschen Gemeinden, der oben aufgeführten jüdischen Korporationen und Verbände haben neben den vom Komitee ohne Engherzigkeit zur Mitarbeit herangezogenen Einzel*