Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 570 No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU ihrer Lösung näher gebracht wäre. Wenn wir dah%־r auch nicht ein Jota von unserer Ucberzcugung aufgeten können, ,dass nur der Zionismus und er altein die russische Judcjifrage lösen wird, so müssen wir jetzt nach Mitteln suchen, um wenigstens etwas zur Lind?- rung zu tun. Es ist nötig, ungeheure Summen aufzubringen, uni die Wunden wenigstens einigennassen zu verbinden, die geschlagen sind. Nicht im Entferntesten wirl man .,'e Millionen ersetzen können, die vernichtet wurden, niemals die ermordeten Eltern den Kindern, die erschlagenen Kinder de.n jammernden Eltern zurückgeben können aber man kann dazu beitragen, die ausg •brocke.»c Hungersnot zu lindern, die neue Opfer erfordern w'rd. Freilich hätte man mit einem Teile der jetzt von al’en Seiten zusammengebrachten Summen unerJHch v»•?! mehr tun können, zur Lösung der Judenfrage, wenn man dem Zionistnus nicht die Hände gebunden hä'te und in Palästina das schwere Werk mit unterstützt hätte, das die Zionistische Partei dort beginnt. Oder wenn man sich nicht von dem falschen Vorurteile hätte frei niachvti können, das alle Unkundigen gegen Palästina haben, so hätte man uns wenigstens nicht mit den Sammlungen iiir die jüdische Selbst- und Bürgerwehr allein stellen lassen sollen. Man nützt den russischen Juden viel mehr und handelt viel mehr im Sinne der Humanität und des Friedens, wenn man die Selbstwehr unterstützt, als we.1n man nachher die Verarmten und Waisen mit Gern Wenigen unterstützt, das von den Millionen gcsainnie.'.er Gelder doch nur aui jeden einzelnen der vielen Zehntausende Gcplündeter kommt. Aber auch jetzt ist es noch nicht zu spät. Auch fernerhin ist nur ein bew.-Jfneter Friede für die Juden in Russland möglich und jetzt mehr als je gilt es, noch mehr für die jüdische Selbst- und Bürgcrwehr zii spenden ais für die Linderung der Not unter den Kranken und Schwachen, den Verwundeten und Waisen, den Misshandelten und den zu Witwen gemachten. Hinweg mit der spiessb'irgcrlichen Angst, die Furcht hat, dem Bruder, der ermordet werden soll, die Waffen zu geben, um das Leben •und die Ehre seiner Söhne und Töchter zu verteidigen. Wie so oft, so wiederholen wir heute den lauten und vernehmlichen Ruf, Geld zu geben, grosse Summen auizubringen, um der zionistischen Jugend die Waffen zu geben, deren sie bedarf, um die russischen Mitbürger vor der Versuchung zu schützen, morden und plündern zu wollen. Wer nicht will, dass der Gebrauch von Waffen notwendig wird, möge spenden, dass Waffen vorhanden sind, die allein imstande sind, dem Militär und der Polizei begreiflich zu machen, dass es Unrecht ist, auf wehrlose Bürger zu schiessen. Nur zum Schutz, nicht 2 um Angriff! Nur so wird es gelingen, die Schandtaten zu verhiiten, die in einem nichteliristlichcn Staate, deshalb un-. möglich wären, weil dort die europäischen Mächte eingreifen könnten und würden, ohne zu fürchten mit dem allgemeinen Völkerrecht in Widerspruch zu geraten. Wir Zionisten leiten unsern Zionismus nicht aus der Judennot ab, sondern aus dem Judentum und aus dein jedem gesunden und ehrlichen Menschen innewohnenden Drang nach eigener Freiheit und eigener Ruhe. Aber wir haben darum nicht weniger als jeder andere ein warmes Herz für unsere unterdrückten Brüder, fühlen die Leiden und Wunden mit, die ihnen geschlagen werden, und wollen unsererseits gern hclien, sie zu lindern und der Judennot zu stcuein, so weit das auch ohne die Gründüng einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina nötig und schon jetzt möglich ist. Darum ־wenden wir uns an alle,, die ein Herz im Busen haben, das nicht nur dem Mammon schlägt, die ein Gefühl der Achtung haben für alles, was Menschenantlitz trägt, dass sie Hand ans Werk legen sollen, um in Russland selbst die Wunden heilen zu helfen, die ein Volk schlägt, das sich zur Religion der Liebe bekennt und unsern Gott einen Gott der Rache heisst. Jetzt gilt es, Geld zu sammein für die Kranken und Verwundeten, für die Verwitweten und Verwaisten aus dem ganzen weiten Landesglietto Russlands. Jetzt gilt es Hand anzulegen, damit die Mittel aufgebracht werden, Wunden zu heilen und Hunger zu stillen. Reich und Arm sind geplündert, Vermögen vernichtet und mehr Tote und Verwundete gemacht worden, als in einer grossen Feldschlacht, nur mit dem Unterschiede, dass in der offenen Feldschlacht Männer gegen Männer stehen, hier aber Militär Frauen und Kinder gemordet hat und dabei vor keine! Gemeinheit, vor keiner der entsetzlichsten Quälereien zurückgeschreckt, die das Blut in den Adern erstarren machen werden, wenn man nach Jahrhunderten davon lesen wird. Also, ihr Bruder und Schwestern, ihr Juden in allen Ländern und aus allen Ständen, legt Hand ans Werk! Helft die Hungernde;: speisen, die Verwundeten zu pilegen, die Kinder?u versorgen und die Ermordeten begraben. Aber helft auch durch reiche Spenden, den weiteren Schlächtereien einen Damm entgegenzusetzen von Eisen und Mauneskraft! W i r e r g r e i f e n damit 11 i c 111 Partei im russischen V 01k sk a!r« pi! Die Spenden, die ihr gebt, sollen nicht bloss Wunden heilen, sondern auch neue Wunden verhüten! Herbei Ihr Brüder und Schwestern, alle ihr Kinder des alten gehetzten und doch ingendkräftigen Volkes! Herbei und helft! Einst, wenn das jüdische Volk sich aus eigener Kraft sein Heimatland wieder errungen hat, wird sich Euer Tun belohnt finden, dann wird jede Gabe eingetragen sein im Ehrenbuche der Wiederherstellung eines unterdrückten Volkes, das nicht bloss um den Bissen Brot kämpft, den seine Aermsten essen wollen, sondern um seine Ehre und um seine Zukunft! Helft die Wunden zu verbinden, die Barbarentum unserm Kulturvolk schlug und weiter schlägt! Spendet und helft! E1 ja Qim % * * Gaben sind ausschliesslich zu richten an Herrn Max Wolisteiner, Berlin N.W. 23, Hol- Steiner Ufer 10. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1. Ein junger Mann aus England, der in Berlin sechs Monate jüdische Theologie studieren will, sucht freie Wohnung in einer streng jüdischen Familie. Die Eltern des jungen Mannes sind bereit, während dieser Zeit einen jungen Mann aus Berlin aufzunehmen unef in der englischen Sprache auszubilden. Zur gefl. Beachtung Berliner Zionistische Vereinigung. Am Mittwoch, dem 15. November 1905, abends 9 Uhr findet in dem grossen Saale der Victoria-Brauerei eine öffentliche Volksversammlung statt, in der Herr Dr. A. Klee über die russischen Freiheitskämpfer und jüdische Opfer sprechen wird.