Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 Seite 573 Schrecken vergisst, die Millionen von Menschenleben «m grausigen Feuer- und Erstickungstode vernichtet haben, und sich wieder still und ruhig anbaut, als wäre die Gefahr für »»mr.er uud ewig vorüber, so reichte eine ganz kurze Spanne von Tagen hin, uni die Juden über Kischinew zu beruhigen und die bald iolgchdei: Vulkanausbriiehe christlicher Volkswut in Hornel und Snamja, und wie die Ort alle heissen, wurden von einer vorsorgenden Judenpresse nach Möglichkeit totgeschwiegen oder harmlos dargestellt, um die braven jüdischen 7eitungslescr in ihrem liberalen Fortschrittstramn und ihren sozialistischen Ycrbrüderungsduscleieu nicht unsanft zu stören. Von Zeit zu Zeit hörte man vui einem Zucken, von einem Ausbruch der Leidenschaften, aber ü^r Schal! war gedämpft und der brave Zcitungslescr wurde in seinem Mittagselrlätohen nicht gcsiöi־. Dann kam der Tag des Verrats vor, Petersburg, der Tag, wo die Kanonen ein waffenloses Arbeitervolk, das seinem Herrscher huldigen wollte, niederkartätschten; der Januarstag, der die Glocke läutete zmn Beginn der!nssisdicu Revolution. Und wer musste die Zeche bezahlen für die Umwälzung, die der Russische Staat rnd das Russische Volk selbst verschuldet hatten? Wer anders als die Juden, auf die man von beiden Seiten hetzte, von den Behörden, weil man in ihnen die Revolutionäre zu erblicken behauptetete, von den Revolutioruiren, weil die Juden nicht samt und sonder;, schon in ihren Reihen standen. Und es folgten die Schandtaten von Shitomir und Kcrtsch und all den vielen Städten, die nur deshalb nicht die Grosse des Kischincwcr Unglücks erreichten, weil die jüdische Jugend sich zur Selbstwehr organisiert hatte und mutvollen Widerstand der russischen Masse entgegen setzte, die mit bezeichnendeni Mute sich nur hinter den Bajonettes und Kanonen russischer Regimenter und unter der Führung der Polizei in seinem Räuberhandwerk als Helden fühlt. Die jüdische Selbstwehr, die freilich bei den reichen Juden kaum eine Beachtung, geschweige denn die retwendige Unterstützung fand, war der Damm, an dem sich die Uutigen Wogen des von der Polizei geführten und vom Militär geschützten Pöbels brachen. Mancher herrliche junge Mann hat den Schutz seiner Eltern und Geschwister mit seinem jungen Leben bezahlt und wir Zionisten haben Hunderte unserer besten und blühendsten Jünglinge zu beklagen, die mit dem Leben für die Ehre ihres Volkstums eingetreten sind. Dabei ist es wiederum sehr zu beachten, dass von den sozialdemokratischen Freiheitskämpfern kaum ein einziger den Finger rührte, um die Juden zu schützen, die man schlägt, weil sie der Freiheit dienen. In Kertscl! waren es nur zwei junge Leute allein, die sich von allen russischen Genossen auf der Seite uer von Militär und Polizei mit samt dem orthodoxen Pöbel überfallenen Juden einiandcu und mit so vielen jüdischen Genossen ein frühes Heldengrab fanden. Seit einer Woche aber wird alles übertroffen, was bisher sogar das christliche Russland erlebt und verübt hat. An allen Enden des weiten Russischen Reiches ist eine Hetze ausgebrochen, die von hochstehender Seite organisiert wurde und den Zweck hat, die Juden in dem ganzen Russischen Reiche zu vernichten. Nur in dem wenig judenfreundiiehen Polen, wo man sich die Juden der zu erringenden nationalen Autonomie wegen nicht zu Feinden machen will, haben die Hetzen nur geringen Umfang angenommen. Aber wras von langer Hand vorbereitet wurde und als Antwort bestimmt war auf da# Zaremnanifest, das man erwartete, und vielleicht unter Gutheissung derselben Regierung, die iede Mitschuld abstreitet, das ist eine der grössten Schandtaten der Weltgeschichte, die doch wahrlich seit neunzehnhundert Jahren ganz besonders reich an solchen Schandtaten ist. Ater mindestens eben so gross wie die Schmach und Feigheit der Russen, die unter dem Schutze des Militärs, unter der Führung der staatlichen Pölizei ihre Gewalttatcn besonders an Kindern verübten, ist der Mut und die Todesverachtung des um seine Freiheit und Existenz kämpfenden Judenstammes. Die wiedererwachende Volkskraft, die sich im Zionismus ääisert, hat diese Selbstwehren geschaffen, die sich zum grossen Teile erst organisieren, während der Feind vor •>en Türen und Toren seit! Zerstörungswerk und die Mordtaten beginnt, und die Wunder der Tapferkeit verrichten. Die Tätigkeit des russischen Militärs bestellt ausschliersheit daiin, diese jiidiche Biirgcrwehr zu entwaffnen und sie dann niedcrzuschiessei.. Es sind ja Ungläubige, die doch ke,11 Teil am ewigen Leben haben, Nachkommen jener, die den Heiland gekreuzigt haben. Und die hebe Regierung scheint ja einverstanden zu sein, und die holien Vorgesetzten beteiligen sich. Und wo sind die organisierten Arbeiter, 11111 deren Freiheit willen die Revolution begonnen hat? Ja, die sind, so weit sie als ehrliche Leute nicht beteiligt sind, recht tapier und mutig zu Hause geblieben und überlassen es den feigen Juden für die Freiheit und Sicherheit ‘der Stadt zu kämpf;!!. Die Sympathien für die unterdrückten Arbeiter, für das geknechtete russische Volk, das nach Freiheit lechzt, die in allen europäischen Kreisen so gross sind, sollten sich in Sympathien für die Juden verwandeln, die mit Todes- Verachtung gegen die ungeheure Uebermacht, gegen das Militär und die Staatsbehörden sich und ihre Kinder verteidigen müssen, während der russische Freihe;*skä!m»ier zu Hause bleibt. Aber sie werden diese Sympathien nicht erlangen, denn sic sind Juden, sie gehören zu jenem heimatlosen Volke, das überall und deshalb nirgends zu Hause ist. An Frauen und Kindern hat sich die Wut der russisch-christlichen Helden besonders ausgelassen. Mit Schaudern liest man von den vielen hundeiten ven Kindern, die mit Säbelhieben getötet oder schwer verwundet sind, also als Opfer der behördlichen Ruhe- Stifter und Sofdaten fielen. Viel mehr Kinder m;d Fra-u-n sind ermordet worden, als tapferer Helden gefallen sind, die im Kampfe für Haus und Herd ihrer Angehörigen den Heldentod starben. Ein Schandzeiignis für die Mörder und Soldaten für alle Zeiten! Aber wir haben keine Zeit, müssig zu klagen oder erst festzustellen, wer lebt und ver gefallen ist. He־ te muss jeder hinaus, der jetzt an Streit im eigenen Lager, und wäre cs mit den schönsten FriedensworUn, denkt und nicht an die Hilfe, die man unsern Brüdern zuteil werden lasen muss. Was kann geschehen? Was soll und muss geschehen? Es gibt keine andere Lösung der Judenfrage, als die Fortscbaiiung ihrer Ursachen, ,d. h. die Aufhebung der Zerstreuung in alle Länder ohne den staatlichen Halt in Palästina. Aber Augenblicks Hilfe muss geschaffen werden. Und wenn wir auch sehr wohl wissen, dass nur der Zionismus eine endgiKige Lösung der Judenfrage bringen wird, wenn wir auch sehr wohl erkennen, dass nur dann die Juden wirklich in Sicherheit wohnen werden, wenn ein grosser Teil von ihnen ausgewandert und in Palästina eine neue staatlich gesicherte Heimat gefunden haben wird, so müssen wir doch anerkennen, dass keine Auswanderung den Juden in Russland auch nur eine Augcnbiickshilie brirgen w:־׳d, und dass mit der Fortschaffung von einigen Zehntausenden sogar, die Judenfrage in Russland um kein Haar