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Jüdische Rundschau · 1905-11-10 · Heft 45 (10.11.1905) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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iv)C|CAC?1p rpo 1 00 i 11 m A 1 r l ÜiV•' 1 »»>׳׳] J— */1 l t Jj / vJ LL/£J u \Ju u \JL Abonnementsprets (Zusendung Inbegriffen) *UrlsljtkrScb: t. durch die Expedition: •) In Berlin —,90 Mark, b) nach auswlrts!,— Mark, c) für das Ausland 1,50 Mark. S. |0 Peitebonnement 1,25 Mark. lasertionsprels 41• Tiergespaltene Petit-Zelle oder deren Raum 25 Pfennig. Organ . dei Zionistischen Vereinigung für Deutschland Adresse IQr Geldsendungen and Bestellungen: Vertag IQdlteh• Ruodnha«, E. Q.m.b.H, Berfia M.S4, Asauttxfr. 43a. ' aeacblfUatundea der Expcditloal täglich (ausserSabbat und Sonnt**) tot* mittags 10—1, nachmltugs 3-1 Ube, Adresse der Redaktion: Barfla HW. R IfalaaeltkaaatraMC 4 Alle Rechte rorbehalten. Abdruck aus der JUEDISCHEM RUNDSCHAU nur bd?Otter Quellenangabe gestattat. Nummer 45;! Berlin, 12. Cheschwan 5666 10. November 1905 i X. Jahrgang Wehrt Euch! Blutrot leuchtet über dem weiten Ostreiche der Mi .imel. D as Morgen rot der Freiheit erwartet man, und das 13115t unschuldig gewürgter Menschen gibt statt dessen die Farbe. Das christliche Russland das erst \or gar nicht so langer Zeit unsere blühende jüdische Jugend auf die Schlachtfelder üstasiens geschleppt hat, uni sie dort nach Zelintausenden in einem ungcrechten Kriege den Ted für ihre eigenen Unterdrücker sterben zu lassen, wu de gezwungen, den Krieg, den es vom Zaune gebrocher., einzustellen. Das kleine Kuluirvolk des fernen Ostens hatte den Sieg über das grosse Baiuareiivölk davongetragen, das die in: eigenen Lande unterdrückten Völkerschaften für siel! fechten liess. Aber che es noch dem Marschall Oyania gelang, durch hervorragende Feldherrenkünste und durch die unvergleichliche Tapferkeit seiner für Volk und Freiheit kämpfenden Soldaten den Feind völlig mau zu setzen, war bereits in Russland jene Revolution ausgebrochen, die den Riesenkörper durchzuckt und die ganz.: Wildheit und Barbarei zeigt, die der russischen Masse noch Innewohnt. Man hat sich gewöhnt, weil Russland ein christliches Land ist, es als ein zivilisiertes Reich anzusehen, und es ist kein Zweitel, dass es ein solches in hohem Crade sein muss; denn es ist nicht nur christlich, sondern es erhebt den Anspruch darauf, c.in besonders frommes, ja das rechtgläubige Christentum zu vertreten. Nur nimmt־ diese Zivilisation häufig Formen und Gestalten an, die uns an die Zeit erinnern, wo es auch in Westeuropa nur eine allein herrschende Macht gab. an das schlimmste Mittelalter. Aber nein, das Mittelalter wird ja von diesen Trägern modernster Kultur, die mit Maxim- Kanonen auf friedliche Bürger schiessen, weit übertroffen. Ihre Kultur steht turmhoch über den Mördern aus der Zeit des schwarzen Todes. Sie haben ganz andere Mittel zu morden und zu brennen, sie bedienen sich der modernsten Technik und des organisierten Militärs, um das schwache Volk niederzumetzeln, das das Unrecht getan hat, vor zwei Jahrtausenden im Kampfe um das Vaterland zu unterliegen. Mit einer Brutalität ohne Gleichen wüten diese Vertreter eines Volkes, das sich uns gegenüber zur Religion der Liebe bekennen möchte, gegen Greise und Kinder und Frauen. Wie hallte der einmütige Entrüstungsscluei durch ganz Europa, als die mordgierigen Scharen von der Beborde der christlichen Stadt Kischinew auf die Juden losgelassen wurden und hunderte von Toten und Verwimdeten, Millionen vernichteten Eigentums das Zviignis ablegun von der hohen und reinen Zivilisation, die das russische Reich vor den uiclr.chrisilichen türkischen und chinesischen Reichen atiszeiclmet. Nur eine gewisse Richtung deutschnationaler Zeitmigslielden wagte es damals, die Wahrheit in das Gegenteil zu verkehren und lügenhaft Namen von erschlagenen Russen zu erfinden, die von den Juden ermerdet waren. Sie stellten damit dem Volke ein böses Armutszeugnis aus, dem sie ztimuteten, dass cs diese Schand- und Schmachlügen glauben sollte. Einmütig war ganz Europa in der Verurteilung dieser Schande der Menschheit, und man sJiickte nur deshalb keine Kriegsschiffe und keine diplomatischen Noten, weil es ja nicht die Türkei war, in der jeder Ettrepäer tun und schalten darf, wie es ihm wohlgefällt, sondern das christliche Russland. Es war eben kein heidnischer Staat und kein Staat, der sich zum Islam bekennt. Die jüdische Wohltätigkeit tat sich zusammen. Sie Listete Grosses, wenn auch bei früheren ähnli.hen Ausbrüchen russischer Zivilisationsbetätigung sie Grösseres geleistet hatte. Aber sie stand ja auch beinahe allein. Denn die Zahl der Nichtjuden, die sich an der Hilfe beteiligten, war minimal. Das Wesentliche aber schien es zu sein, dass trotz der falschen und gradezu ründhaften Beschwichtigungsversuche, die von manchen Blättern ausgingen, das Jüdische Volk aufgerüttelt zu werden schien. Man erinnerte sich, dass zu allen Zeiten im nie 1 nur dem kleinsten Teile des Jüdischen Volkes, der grade in freieren Ländern wohnte, eine gewisse Schonzeit zuteil wurde, während die grosse Masse unseres Vo'kes immer verfolgt blieb. Das war zu allen Zeiten so, und hat sich nur örtlich verschoben. Denn seit der Zerstörung unsercs eigenen Staates gibt es keine bleibende Ruhestatt iiir das Jüdische Volk, und es muss in allen Ländern erfahren, was einem Volke geschieht, das kein: nationale Heimat hat. Man hatte cs während der K'sehinower Judenverfolgung erfahren, dass das Jüdische Volk seine Wohnsitze aut einem Vulkan errichtet hat, der wie der Mont Pelee in einem plötzlichen Ausbruch alles Leben vernichtet, das seit Jahrhunderten glaubte, auf festem Boden zu bauen. Trugland war der Boden, auf dem sie standen, ein feuerbergendes Grab, ein Tod mit Schrecken. Aber der Mensch hat eine merkwürdige Natur. Wie der Anwohner des Vesuv oder des Mont Felde der

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