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Jüdische Rundschau · 1905-11-03 · Heft 44 (3.11.1905) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 569 Mann, edel, gut und hilfreich, hatte offenes Herz und offene Hand, soweit es seine bescheidenen Mittel erlaubten, allen Fieunden und Akademikern gegenüber, die sieh an ihn nie vergeblich um Hilfe wendeten und denen er noch in seinem Testament ausdrücklich Schulderlass gewährte, in seinem Testamente, welches mit den Worten beginnt: ״Ich verzeihe allen denen, die mir im Leben unrecht getan, und bitte auch mir zu verzeihen, wenn ich jemand unbewusst gekränkt habe.“ An diesen Ausdruck echt jüdischer Sanftmut und Friedensliebe, die an den Tanaitcn Hillcl gemahnt, knüpfte er die Bitte, dass ihm, der, soviel er kennte, für die Befreiung des Unglückliehen jüdischen Volkes mitgearbeitet. in der Erinnerung %der Freunde ein bescheidenes Plätzchen erhalten bleiben möge. Nein, edler Freund, du hast zu wenig verlangt! Wir sind dir mehr, viel mehr schuldig, und im Namen des zionistische•! Aktionskomitees und unseres Freundes und Präsidenten der dir durch mich die letzten Griissc sendet, rufe ich dir aus gebrochencrn Freundesherzcn zu: Gleich deinen Schwestern bcweinen auch ־wir in dir einen Bruder, ein Vorbild der Gesinnungstreuc. Wir werden stets deiner gedenken und für unser gemeinsames Ideal .gleich dir kämpfen und ai beiten, und wenn <Iie Weltgeschichte das zweitausendjührige Unrecht an deinem, an unserem Volke gesühnt hat und unser Ideal erreicht sein wird, dann werden auch spätere glücklichere Generationen der Mühen gedenken, die du fiir sic geleistet, Friede deiner Asche• Heinrich Meyer-Cohn Am Sonntag starb liier in!Berlin Justizrat Br. Heinricii Meyer-Cohn, ein Mann, der für den jüdischen Gedanken in de,־ neuesten Zeit mehr geleistet hat, als andere, die dem Judenturne zu nützen glaubten. Es ist nicht hier der Ort. in einem ausführlichen Lebensbilde des teuren Toten zu gedenken. Seine fürstliche Wohltätigkeit, gepaart mit seinem schlichten, ehrlichen ujid geraden Wesen, seine Freundlichkeit und seine edle Gercchtigkeitslicbe, die ihn zum Heiter und Schützer der Armen und Unterdrückten machten, lassen eine uuausniilbarc Lücke zurück. Viele Tausende, denen er geholfen hat, weinen ihm nach. Mindestens ebenso viele wissen nicht einmal, wer der Mann war, von dem ihnen Hilfe kam. Sein feiner Geist* sein durchdringender Verstand, seine tiefe־ Bildung waren mit edrtm Enthusiasmus für al’cs Gute und Gerechte gepaart. Seines unterdrückten jüdischen Volkes nahm er sich an, und ihm war seine Liebe geweiht. Neben der schweren täglichen Berufsarbeit, der er sich nie entzog, arbeitete er mehr als ein Mann sonst leisten kann, für alle wahrhaft jüdischen Interessen. Für uns hat es besondere Bedeutung, dass er einer der allerersten Anhänger des neuen nationaljüdischen Gedankens war und dass er der Verfechtung dieser Idee seine schönsten Jahre widmete. Er war es, dem Theodor Hcrzl, mit dem er in der Auffassung der Politik des Zionismus immer differierte, zuerst seinen Judenstaat im Manuskripte vorlas. Wie sehr er mit dem Zionismus fühlte, mag man aus dein Umstande ersehen, dass er dem Schreiber dieser Zeilen während der Tagung des sechsten Kongresses täglich mindestens zwei Expressbriefe sandte, um mit ihm die Meinung über die Ereignissc und Verhandlungen des Kongresses auszutauscheu. Auch zu den Mitarbeitern der RUNDSCHAU gehörte der seltene Mann, der über eine g'änzende Feder vertilgte und eine reiche Literatur schuf, die ihn nur deshalb nicht so bckannt machte, wie es der feinsinnige Schriftsteller verdient hättei wfeil er in ftbergrosser Bescheidenheit entweder ganz anonym schrieb oder höchstens H. C. oder Dr. Cohn unterzeichnete. Eine Reihe unserer besten und vornehmsten Leitartikel entstamme» seiner Feder. Dabei war er uns jederzeit als kluger und einsichtiger Berater zur Seite, dem die Rcdaktion die wertvollsten Anregungen verdankt und bei dem sie ein offenes Ohr und willigen Rat fand. Seine Tätigkeit galt insbesondere der Alliance Israölite Universelle, in der er!es fhr seine besondere Aufgabe erachtete, für das jüdisch-nationale Wesen zu wirken. An anderer Stelle wird es uns vergönnt sein, ein Lebensbild des teuren Mannes zu geben, indem wir seine hohe Bedeutung als eines der führenden Oeistcr im erwachenden Nationaljudentum zeigen werden. Hier sei nur des Verlustes gedacht, den das Jüdische Volk erlitten. Bescheiden, wie er war, ist er gestorben. Sein letzter Wille war, dass niemand an seinem Grabe reden solle, er verbat sich jede Ovation und licss nur so viel für das Leichenbegängnis zu, als das Ritualgesetz unbedingt erfordert. Er will keine Trauer nach sich und kein Rühmen, aber er kann denen nicht verbieten, ihn zu lieben, deren Liebe er sich in so reichem Masse erworben hat. Dem Judentume und den Seimen ist er viel zu früh gestorbci׳. Er hatte soeben erst das 50. Lebensjahr vollendet. Im Ehrenbuche der Geschichte des Jüdischen Volkes steht mit goldenen Lettern für alle Zeiten der Name Heinrich Meyer- Cohn. H. L. Verband der deutschen Juden Erste Hauptversammlung am 30. Oktober 1905 Unter zahlreicher Beteiligung von Vertretern jüdischer Gemeindeii aus allen Teilen Deutschlands iandca im grossen Saale der ״Gesellschaft ■der Freunde“ die Verhandlungen der ersten Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden statt. Der Verband, der im -Mai J9CM gegründet wurde, bezweckt die Vertretung aller den Juden im Deutschen Reiche gemeinsamen Interessen. Die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus, sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden ist nur insoweit stattliait, als es sich um die Abwehr von Angriffen handelt. Der Vorsitzende des Verbandes. Justizrat Dr. Lachmann (Berlin), eröfincte die Versammlung mit der Mitteilung, dass 163 Gemeinden vertreten seien. Er schlug vor. als Beisitzer zu wählen: Rechtsanwalt Dr. B 1 a u - Frankfurt a." M.. Stadtrat Hamburg- Karlsruhe (Baden), Landgerichtsrat W o 11 - stein- Breslau, Kommerzie nrat G a 11 i n e r - Nürnberg. Prof. Dr. Lassar-Cohn -Königsberg (Pr.) und Kirchenrat Dr. Krön er-Stuttgart. Die Versammlung stimmte diesem Vorschlage zu. Alsdann beantragte der Vorsitzende Dr. Lachmann folgendes Telegramm an den Kaiser zu senden: ״Ew. Majestät bringen vierhundert Abgesandte deutscher jüdischer Gemeinden aus allen Teilen des Reiches, geeint im ״Verbände der deutschen Juden", welcher zur Zeit hier seine Hauptversammlung abhält, alleruntertänigste Huldigung und das Gelöbnis unwandelbarer Treue dar.“ Die Versammlung stimmte sogleich einstimmig diesem Vorschlage zu. Rabbiner Professor Dr. May bau m - Berlin begrüsstc die Versämmlung, worauf Justflzrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin über Entw!cklungu11<l Aufgaben desVerbandes der deutschen Juden sprach. Er suchte in einer historischen Rückschau darzulegcn. dass die Emanzipation den Juden mehr in den Schoss gefallen ist. als dass sie diese errungen haben. Die jüdische Geschichte nahm sich wie ein heldenhaftes Martyrium aus. Im Dezember 18S0 wurde der erste Abwehrverein organisiert. Zehn Jahre später trat der Verein zur Abwehr des Antisemitismus zusammen. Nach wiederum anderthalb Jahren entstand der Verein zur Abwehr antisemitischer Angriffe. Der Zentraivcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich dadurch, dass er den Geist des Zusammenschlusses der deutschen Juden hinausgetragen hat. ein grosses Verdienst erworben. (Bravo!) Und wenn auch uns Männer des Zentralvereins eine grosse Kluft von den Zionisten trennt, wenn wir auch zum Teil ganz andere Anschauungen über Volk, Nation und Staat haben, eines müssen wir vorbehaltlos anerkennen: die Zionisten haben tüchtig mitgearbeitet mit dem Zentralverein an der Wiedererweckung von Stolz und Selbstbewusstsein im deutsehen Judentum. (Bravo!) Aber nirgends gab es bisher einen logitimierten Vertreter des deutschen Judentums. Deshalb war ff I

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