Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 570. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 44 die Gründung eines Verbandes deutscher Juden notwendig, der spezie'.! die weltlichen Interessen des J u d c n t u in s vertritt. Wir wollen die geistigen Kräfte des Judentums, die in Hunderten von Vereinen zersplittert sind, zusammenfassen zu einer Einheit. Redner wendet sich weiter gegen die Gefahr des stillen Antisemitismus. Man habe die Juden aus dem Heer und Verwaltung gestrichen. In der Justiz habe man sie zur Not zugelasseii. doch werde hier prozentualiter nach der Elle gemessen. Schlimmer noch sei die Boykottierung der Juden, und die Zurücksetzung im gewerblichen Leben. (Sehr richtig!) Sollten die konfessionellen Schulen cingeiührt werden, so müssen wir auch Berücksichtigung der jüdischen Interessen fordern. (Sehr richtig!) Dann die Schäclufrage! Hier ist auch der Liberale in seinem religiösen Empfinden verletzt worden. (Sehr richtig!) Wir können nicht dulden, dass unserer Religion der Vorwurf gemacht wird, dass sie mit der modernen Etnik nicht ganz in! Einklang sei. Auftreten müssen wir auch gegen das ObskuranUnuim. das unter der Maske der Wissenschaft die jüdischen Schriften fälscht. (Grosser Beifall). Dem Vaterlande werden wir zeigen, dass wir gute deutsche Juden smd und gute deutsche Juden bleiben werden, r.nd dass unser Tun dem Vatcrlamle zum Segen gereiche:; wird! (Langanhaltcnder Beifall.) Der Redner schlug folgende Erklärung vor: ..Die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden sieht in dem Verbände die auf autonomer Grundlage geschaffene Vertretung der deutschen Juden. Zweck des V e r b a 1111 e s ist es. die geistigen Kräfte der deutschen Juden zu gemeinsanier, planim'iss^cr Arbeit zusammenzuschllesseii. um das Judentum selbst zu kräftigen und die Gleichberechtigung zur Wahrheit zu machen A u f g a b e d e s V e r b a n d e s ist es insbesondere: 1. Alle Deutschen jüdischen Glaubens im Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit zur Abwehr unbegründeter Angriffe und zur gemeinsamen Verteidigung ihrer staatsbi'.gerlicheri Pflichten entsprechenden staatsbürgerlichen Rechte zu vereinen. 2. Als berufenes r,rgan an. zuständiger Stelle die berechtigten Wünsche und Beschwerden da Deutschen jüdiseiten Glaubens vorzutragen und zur Anerkennung zu bringen. X Alle Angriffe gegen die religiöse Ehre des Judentums und gegen die Freiheit der Rcligioiisiibimg abzuwenden, insbesondere der Agitation gegen das rituelle Schlachtverfahren entgegenzutreteii und au! die Beseitigung der durch staatliche oder kommunale Anordnungen erlassenen Verbote hinzuarbeiten. ¬ו. Allen, welche die Bestrebungen des Verbandes zu fördem bereit sind, mit Nachwcistmgeii dienlichszu sein." Rabbiner Dr. Werner (München) sprach darauf über das Judentum im Lichte moderner Kritik. Er wies in längerer Rede darauf hin. dass die Bibel nicht aus Babel stamme. Wir machen nicht den Anspruch darauf, dass unsere Religion die alleinseligmachende ist. wir behaupten aber, dass unser Gott kein Nationalgott, sondern der einige Gott, der Schöpfer des Weltalls ist. Wir wollen uns durch. Schriften, wie die Harnackschen. nicht unsere Ehre antasten lassen. Man sagt, wir können nicht Deutsche sein, weil wir Juden sind; als ob in Deutschland nicht auch Kelten. Slaven usw. wohnen und gute Deutsche sein! Haben nicht die deutsehen Juden ihre Pflicht auf dem Schlachtfelde ebenso treu erfüllt wie die Christen? Hat mau danach gefragt, ob das auf «dun Scl.lachtfelde vergossene Blut arisch oder jüdisch war? Ist denn Christentum und Deutschtum identisch? Die Hauptsache ist doch, dass wir Deutsche sein und bleiben wollen, dass wir deutsches Empiinden haben. Oer Redner schlug folgende Erklärung vor: ״Die Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden weist aus tiefster Uebcrzetigung die gegen die Lauterkeit der jüdischen Religion gerichteten Angriffe zurück und wiederholt die längst bekannte Wahrheit, dass das Judentum, die Mutter der monotheistischen Religionen, auf der Grundlage eines reichen Gottesglatibens die alle Menschen umfassende Nächstenliebe lehrt, volle Hingebung an das Vaterland gebietet und die Betätigung sozialer Pflichten als religiöses Ideal .״:{stellt." Justizrat Breslauer- Berlin sprach hierauf über d i e staatliche Lage der Juden in D e u t s e h 1 a n d. Er wies darauf hin. dass die Juden von fast allen Siaatsämtcrn ausgesehloss.il seien. Der Jude könne noch so viel leisten, noch so viel zur Eörderuisg der Wissenschaft tun. er erhalte dennoch keine ordentliche Professur. Am Reichsgericht sei kein Jude. Kein Jude sei Präsident »der Oberlandesgcrichtsrat. Der einzige Ausiialtmcfall brauche in dieser Versäumtlung :ficht weiter erörtert zu werden. Vorsitzender einer Strafkammer werde kein Jude. Man ernenne die jüdischen Rechtsanwälte zu Justizräten, weil es schon aussehe, und nichts koste; vom Notariat suche man aber Juden auszuschliessen. Ja, cs gebe ganze deutsche Gebietsteile, in denen die Juden von dem Geschworenen* und Schöffenamt ausgeschlossen seien. Höchst bedauerlich sei cs. dass, wenn man einen Juden befördern wolle, man ihm uahel.ge. sich taufen zu lassen. Sieht man denn nicht ein. dass der Staat sich auf Leut e. die äusserer V o r t e i le w egen i 1. r c R c l i g i on wechseln, 11 i c!11 v e r La s s c n k a n 11? Hat der katholischt‘ Teil der Bevölkerung vergessen, dass es eine Zeit gab. in der sie nicht Hammer, sondern Ambos war? Haben die Protestanten vergessen, dass ihre Glaubensgenossen in mehrereu Ländern Europas zurückgesetzt wc :•den? Muss cs nie In jeden anständig.n deutschen Staatsbürger m;t Scham erfüllen, dass auf die christliche Taufe eine Prämie gesetzt wird? Der Redner wies weiter darauf hin. dass die Juden in der Armee zurückgesct/.t und von der Reser״coiii/.ier-l.nuibalm vollstendig ausgeschlossen werden, obwohl auf den SchiachtMdern von 1S13 der erste, der mit dem eisernen Kreuz geschmückt wurde, ein Jude, namens Giiusburg. war. Die Juden dürfen nicht atfi'liöreu zu kämpfen, bis ihnen ihr verfassungsmässiges Recht werde. Wenn die Juden sich weder ihr Deutschtum noch ihren Glauben verkümmern lassen wollen, dann werde dies dem Vaterlande und den! Judentum zum Segen gereichen. (Lebhafter Beifall.) Der Redner schlug folgende Erklärung vor: ״VeiJasstuig und Gesetz gewährleisten die Gleichberechtigung a"er Deutschen ohne Unterschied d.s religiösen Bekenntnissc.s. Gleichwohl findet bei der Besetzung öffentlicher Acmter fast überall eine Zurücksetzung od.r Ausschhesstmg von Personen jüdischen Glaubens statt. Die Zurücksetzung entfällt in der Regel, sobald der Lebertritt zum Christentum vollzogen ist. Dieses Verfahren enthält eine Verletzung des hestehenden Rechts. .Es versdisst gegen die Gerechtigkeit, denn es schafft Ungleichheit der Rechte hei gleichen Flüchten. Es bedeutet eine sittliche Geiahr, weil von Staats wegen der aus üusserliclien Gründen vorgenommene Religionswechsc! geiördert wird. Es Widerstreite! dem Staatsinteresse, weil Kräfte ausgeschaltet werden, die dem Staate Erspriessliches zu leisten gewillt und befähig; sind. Der Verband der deutschen Juden legt gegen diese fortgesetzte Rcchtsverkiimmerimg Verwahrung ein und beauftragt den Ausschuss, alle Massnahmen zu ergreiien, die zur Beseitigung dieses Zustandes geeignet sein können. Die deutschen Juden liegen zu ihren rechtlich denkenden .Mitbürgern das Vertrauen, dass sie ihnen im Kampf für ihr Recht die Unterstützung nicht versagen werden.” Rechtsanwalt Dr. Auerbach (Frankfurt a. M.) behaudelte die Verhältnisse in Siiddeiitschland. Hier seien die Dinge günstiger als in Preusseii, aber auch keineswegs ideal. Die volle Gleichberechtigung sei nirgends durchgesiihrt. Und der Einfluss der preussischcn Bureaukratie gewinne, in Süddeutschland immer mehr an Boden. In Siiddeutschlaifd können Juden zwar Offiziere werden, aber man schieb! sie an. bestimmte Truppenteile ab. Bekannt ist das Scherzwort eines Kommand.urs: Die Herren Katholiken gehen in die Michaelkirche, die Herren Evangelischen in die evangelische Kirche und die Herreu vom Train in die Synagoge. (Heiterkct.) Unser Bericht verdichtet sich zu einer Anklage. Redner kritisiert dann die Uebertritte von Juden als Fahnenflucht. Wir haben auf dem Geb ete des Kulturlebens Deutschlands mitgearbeitet. wir haben, als das deutsche Reich geschmiedet wurde, mitgewirkt. Genieinschaitliclt mit unseren christlichen Volksgenossen wollen wir weiter unsere Pflicht tun. Dem L'ebermtit. der die Gesetze nicht achtet, zollen wir keine Achtung. Wir betteln nicht um Gnade bei hocl.gesudte» Stellen, sondern wir erheben 1111־ seren Ruf nach Recht an diejenigen, welche die Veriassum־. heschworen haben. (Stürmischer Beifall.) Nachdem Dr. C o 1111 - Dessau die sofortige Annahme der Resolutionen empfohlen hat. werden alle drei Erklärungen in einer Gesamtabstinummg c i!1 s t i tu m i g a n g e 11 o m 111 e n. In der hierauf folgenden Besprechung betonte Rab-!)hier Dr. V o g c 1 s t c i 11 - Stettin die Notwendigkeit, die Jugend wieder in jüdischem Geiste zu erziehen. Fr gebe sich der Hoffnung hin, dass mit dem heutigen Tage eine Wendung zum besseren Eintreten werde. Dr. Klee- Berlin bezeichnete es als notwendig, dass die Juden ohne Unterschied der rcligiösen und politischen Parteirichtmig wie ein Manu zur Wahrung ihrer Rechte zusammen stellen. Rabbiner Dr. Jacob- Göttingen: Es sei erforderlich. Lehrkräfte für jüdische Apologetik zu schaffen. Dazu sei es allerdings notwendig. Scminarien zu gründen. Die apologetischen Kurse wären keineswegs bloss iiir Th'־'>logei1. sondern auch für Studierende alle•!' anderen Fa- I ktiltäteii, für Journalisten. Kauflüste usw. eiii/tiriclitcn. Es sei