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Jüdische Rundschau · 1905-11-03 · Heft 44 (3.11.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 568 No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU zionistischen Agitation über Erfahrungen verfügt und Willen und Fähigkeit in sich fühlt, Propaganda zu treiben und ev. die Leitung einer Ortsgruppe zu übernehmen. Nähere Auskunft, speziell auch über die Chancen der Praxis, erteilt Dr. Sandler, Breslau, Nicolai- Strasse?. Dr. Oser Kokesch (1860—1905). Nach langen schweren Leiden ist er nun durch den Tod erlöst worden: unser treuer und lieber Fr’cunö, einer der treuesten und wackersten Vorkämpfer des nationalen Gedankens in Oesterreich, dem cs auch gegönnt war, nach Entwicklung unserer Bewegung zu ihrer politischen Bedeutung dieser bis zu seinem letzten Atemzuge in führender und leitender Stellung seine schätzbaieu Kräfte zu widmen. Noch vor dem Auftreten des unvc gesstichen Fiihiers Herzl stand Dr. Kokesch an der Spitze jeder zionistischen Arbeit in Oesterreich; vor mehr als 15 Jahren war er eines der tätigsten Mitglieder des ersten in Wien gegründeten Koloinsatiousvercms ,Admath Jeschurun" und als dieser Verein später (IS93) den Namen ״Zion“ anualmi und sich mit den übrigen zionistischen Vereinen der Monarchie zu einem ״Verbände“ vereinigte, trat Dr. Kokesch nebst seinem Freunde Dr. S c 11 n i r c r an die Spitze dieses Verbandes. Er füllte diesen Posten mit jugendlicher, nimmermüder Arbeitslust, «er widmete seiner zionistischen Arbeit die Morgenstunden und die Abende und manche kostbare Stunde seiner beruflichen Pflichten, er hing an ihr mit der ganzen Innigkeit seines Herzens. Er war ja ledig, hatte ja kein Haus, keine Familie begründet, und er fand nach de! Erledigung seiner täglichen Berufsarbeit seine einzige Erholung im Kreise seiner weiten zahlreichen ״Familie“, wie er sic nannte, im Kreise der Kadimahner, die ihn als *Alten Herrn“ aufgenommen hatten, oder in Gesellschaft derjenigen, die ihm halfen, zionistische Organisationsarbeit zu leisten. Seit der Entstehung des Verbandes bis zu den Köngressen wurde tatsächlich keine Arbeit geleistet, deren Initiative nicht von Dr. Kokesch ausgegangen war. Er leitete die Augelcgenheiten des Einzclvercines, trotzdem er nicht an dessen Spitze stand, er besorgte die Geschäfte des Verbandes und dessen Arbeiten zur Herbeiführung einer geeigneten und gefestigten Organisation in Oesterreich und stand in brieflichem Verkehr mit zahlreichen gewesenen Studiengenossen und Freunden in der Provinz, die er zur Gründung von Einzelvereinen anregte und mit allen nötigen Behelfen ausgiebig unterstützte. Die Arbeit nach dieser Richtung war eme überaus schwierige. Noch haben zu jener Zeit.unsere wackeren Gesinnungsgenossen in Galizien zum Beispiel, wo die meisten Vereine des Verbandes waren, den hohen Wert einer zentral;־ sierten Arbeit, die wir alle erst auf den Kongressen gelernt haben, nicht gebührend zu schätzen gewusst. Es herrschte ein gewisses Misstrauen gegen ״Wien", trotzdem sie doch wissen mussten, dass Dr. Kokesch kein Wiener, kein assimilierter Juda, sondern Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihnen! Blute war, ein Jude, der von nationalen Idealen Pänz wie sie erfüllt I war* der ihnen mit all seinem Empfinden und Denken nahe gestanden. Dr. Kokesch schreckte aber vor den Schwierigkeiten niemals zurück; er arbeitete unverdrossen, unermüdlich und I er erlebte die Freude, dass bei Her21s Auftreten eine ge- J schlossene Reihe von Vereinen und Gruppen dem Aufrufe des Verbandes Folge leisten und der stolz entrollten Fahne Herzls, die zunächst von der Leitung des Verbandes, dem Kokesch vor- I stand, getragen wurde, sich anschüessen konnte. An den Vorbereitungen zum ersten Kongresse halte Kokesch I den regsten Anteil genommen. Rastlos oblag er seinen über- I I hand!1eh!ncnde!1 Arbeiten, die er sich selbst freudig auferlegt hatte. Seine Freude über den herannahenden Kongress kannte I keine Grenzen. In Basel sollte das jüdische Volk zum!ersten I Male seit seiner unglücklichen Verbannung offen vor aller I Welt seine nationalen Rechte und Forderungen, seine bercchtigten Hoffnungen zum Ausdrucke bringen. Kokesch war da.* I Glück, dies mitanzuschcn und mitanzuhören, nicht gegönnt Ein unglücklicher Zufall, der Bruch eines Beines, warf ihn einige Tage vor dem Kongress aufs Krankenlager. Er durfte nicht nach Basel gehen; in banger Sehnsucht blieb er daheim und empfing mit kindlicher Rührung täglich die Nachrichten von dort die ihm heisse Tränen aus den Augen pressten. In absentia haben ihn die Vertreter des jüdischen Volkes auf dem ersten Kongress in die Reihe der Führer gestellt, die Herzl zur Seite standen. Wie er diesen Vertrauensposten ausgcfiillt darüber gibt uns die Trauerrede seines Kollegen im A.-K. der ihn täglich an der Arbeit sah, beredtes Zeugnis. (Aus DIE WELT). Die Trauerrede Dr. Leopold Kahns lautet: Leidgenossen! Zionisten! Freunde! Noch ist der alte Schmerz über den grossen Toten aus den Reihen unserer Gesinnungsgenossen nicht gestillt und schon wieder stehen wir vor einem frischen Grabe, und den wir da hinabsenken, unseren Freund und Gcsmnuugsbruder Dr. Oser Kokesch nicht lange ist es her. dass er noch kraftvoll gesundheitsstrotzend unter uns wandelte und im Kampfe für die Rcttungsldec des jüdischen Volkes als einer der ersten mit tat und mitfocht. Schon als Schüler der Mittelschule boten sich seinem eniplänglichen Gemüt in den achtziger Jahren in Brody die grausen Bilder der vor den Pogromen flüchtenden russischen Juden mit alt den Leiden des ewig wandernden, heimatlosen Ahasver. Und schon damals dämmerte in seinem jugendlichen Geiste der Gedanke auf, dass dieser schmachvolle Ausnahmezustand, in welchem sich das jüdische Volk befindet nur bei Erlangung einer gesicherten Heimat im alten Hebräerlande schwinden könnte. •Dieser Gedanke verdichtete sich in ihm zur Ueber- Zeugung, der er sein ganzes, leider nur zu jäh abgeschnittenes Leben hindurch treu geblieben war. Als Kadimahner pflegte er da rat auf der Hochschule das Zionsideal mit der ganzen Kraft und Wärme seines Herzens und als, nachdem er sich einen Beruf und Lebensstellung geschaffen, der ״Judenstaat“ erschienen war, war wieder er es, der in Gemeinschaft mit seinem Freunde, welcher ihm auch in den fetzten Stunden beigestanden, unseren verewigtet! Führer Dr. Herzl in die Bewegung hineinzog. Als nun dieser dem Zionismus die grossartige Weltorgauisation geschaffen, arbeitete Dr. Kokesch an dem Ausbau dieser Organisation und an allen Aufgaben, welche immer neu an die Bewegung herantraten und ihre Lösung forderten, emsig, rastlos und frohgemut durch acht Jahre, die schönste Zeit seines Lebens. Diese füllte ihn aber auch ganz aus. Sic wurde die einzige Quelle seiner winzigen Freuden, der einzige Gegenstand seiner Sorgen und seines Kummers. Und auch in den Hetzten Tagen seines Lebens, in seinem letzten Willen unterlass er es nicht, der Institutionen derselben zu gedenken und seine Ratschlüge für die Organisation noch über das Grab hinaus zu erteilen! Wir, die wir 4!n engeren Verkehr und brüderlicher Mitarfceit mit ihm waren, haben unausgesetzt Gelegenheit gehabt, seine unerschöpfliche Liebe, Umgebung, aber auch seine seltene' Arbeitsfreudigkeit und Ausdauer zu bewundern, die gleichwohl mit einer geradezu überwältigenden Bescheidenheit gepaart waren. In allen Stürmen und Schwankungen, die d;c Bewegung mitzumachen batte, blieb er immer stark, unentwegt und von strenger, folgerichtiger Gesetzlichkeit. Er war ein ganzer

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