Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43. Seite 561 JÜDISCHE RUNDSCHAU nur aui die Referate über ..Bezalel”. auf die Gründung des rationalvolfclichcn Verlages ..Sinai” und auf die sehr toteressauten Vorlesungen über Palästina hinzuweisen. um die Un- Stichhaltigkeit der Anklage ciuzuschen.” Das Zirkular zeichnet hierauf den Weg vor. welcher nun betreten werden muss, um das zionistische Ideal zum Siege zu führen. Diesen Weg erblickt das Zirkular in der mutigen Zurückweisung aller Angriffe anf das nationale Prinzip und in der schöpferischen Arbeit, welche nun in Angriff genommen werden muss. Gleichzeitig teilt das Zirkular mit. dass beschlossen wurde, die Gouvernements Cherson. Bcssarabieu. Podolien und Wo!- hynien zu vereinigen und aus ihnen einen Südw'estravon zu schäften. Das Zentrum dieses Ravons wird Odessa sein, 'vo demnächst ein zionistisches Aktionsluireau eingerichtet werden wird. Das Bureau wird in erster Reihe den vom Kongress angenommenen Antrag des Pr. Tschlenow über die irdw:lifce Wchnuugssteuer zugunsten des NatfonaÜonds praktisch durchjühreu und die zionistische Agitation unter den Juden im Rayon, deren Zahl eüie Million betrögt, in grossem Umfang eröffnen. Schliesslich widmet das Zirkular ehrende Worte dem Delegierten Hornstein aus Odessa, welcher hei seiner Rückkehr aus Basel an der russischen Grenze ermordet wurde und zählt einige zionistische Vereine auf. welche s:״i1 in letzter Zeit m Bessarabien neu gebildet haben. Ob Warnung I;tn gewisser Dr. R a b i n o w i t z. angeblich Rabbiner und Sohn des SciiriitstvIlers Schefer. brandschatzt sei: einiger Zeit die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten, nair.cntlich i:n Osten. Rabinowitz ist ein raffinierter Schwindler. Briefe, die er vorzeigt, z. B. von Sok o low. Warschau, sind gefälscht. Rabinowitz ist mittelgross. bat ein breites Gesicht, grosse Nase, kleinen schwarzen Schnurrbart, ist im übrigen glatt rasiert, schwarzes Haar, trägt ei״ goldenes Pincenez und 2 glänzende Ringe. Alter ca. 25 Jahre. Im Knopfloch hat er häufig Herzl’s Bild. Kr gibt an. wegen politischer Verbreche״ aus Russland geflohen zu sein. Alle seine Aussagen beruhen auf Unwahrheit. Schutzkomitee für durchreisende russische Juden ln Königsberg KP. Nachbemerkung der Redaktion. In Berlin wo der Renannte Schwindler sich ebenfalls in voriger Woche aufhielt und vergeblich versuchte, von uns etwas Schriftliches zu erhalten, scheint er sich nicht mehr unter dem Namen Rabbinowitsch aufzuhalten.' Da er augenblicklich die Zion'sien aufs Korn* genommen zu haben scheint, wobei er jeden Fraktionszwang beiseite lässt, so seien diese noch insbesondere gewarnt. מ Rundschau ■יי* Aus Russland Jüdische Studenten Die Beschlüsse des Meetings vom 19. September hinsichtlieh der unbeschränkten Aufnahme jüdischer Studeuten haben, wie die NOWOJt VVRKMJA erfährt, die Sanktionierung der zuständigen Obrigkeit erhalten, doch nur für dieses Semester. Demgemäss ist gestattet worden, sämtliche jüdische Studenten, die sich zur Aufnahme in die Moskauer und Petersburger Universität gemeldet haben, unbeanstandet aufzunehmen. ״Geschüffstaufcn"? Aus Petersburg berichtet das Wiener DEUTSCHE VOLKSBLATT: ״Nach Veröffentlichung des kaiserlichen Toleranzerlasses ereignete sich hier der unerhörte Fall, dass hundertdreissig Familien, welche seit J a h - ren sich zur christlichorthodoxen Religion bekannten, zum Juden tu me übertraten. Naturlieh waren das keine geborenen Christen, sondern ehemalige Juden, die sich nur aus Gcschäftsriicksichten taufen Hessen, um auf diese Weise das Gesetz zu umgehen, welches den Juden den Aufenthalt in Petersburg verbietet‘* Natürlich ist das eine saftige Niederträchtigkeit, die das Wiener Antisemitenblatt — bekanntlich eines der pöbelhaftesten seiner Art! — seinen Lesern da auftischt. Denn Väterchens «Toleranzerlass" enthielt lediglich die Gewährung einer gew issen Religionsfreiheit, die z. B. getauften Juden gestattet, zum Judentum zurückzukehren, was bislang verboten war. Mit dem Rücktritt verliert aber der ehemals Getaufte natürlich alle Rechte und verfällt in die noch immer ״zu Recht“ bcstehende Rechtlosigkeit seiner jüdischen Stammesgenossen. Wcim also die 139 Familien jetzt zum Judentum zurücktreten, obwohl sie dadurch alle Rechte verlieren, so ist das nur cui Beweis für die — werbende Kraft des Christentums. Des Christentums, wie cs in Russland und von unseren Antisemiten verstanden wird. Das dankbare Vaterland In M o s k a u . so erzählt die in Petersburg erscheinende russische Zeitung NOWOSTI. ist kürzlich ein Held aus dem russisch-japanischen Kriege eingetroffen. Er heisst Viktor Schwarz, ist zwar ״nur“ ei!! Jude. hat aber im 22. Ostsibirischen Schützen-Regiment fast alle Schlachten des Krieges mkgcmacht. J:r ist elimal verwundet worden und besitzt drei Ocorgskrcuze und die Lebensrettungsmedaille, die ihm für die Rettung seines Offiziers, der am Jaiu Gefahr lief zu*ertrinken, verliehen worden ist. Das goldene Georgskreuz erhielt Schwarz für die Sprengung einer Muiiitionsniederlage der Japaner. Wälir.üid der Schlacht bei Mukdett wurde er lebensgefährlich verwundet. In Moskau ist Schwarz zum Bestich seiner Verwandten eingetroffen. doch besteht die P 0 I i z e i darauf, dass er, der durch drei Orden ausgezeichnete Held und Vaterlands* Verteidiger, Moskau verlasse, weil er als Jude nicht das Recht hat, sich in Moskau a u 1 7. u h a 11 e 11. — Eine empörende Logik: das Recht und die Pflicht für das Vaterland zu sterben besitzt ein Staatsbürger, nicht aber das Recht überall in dem Vaterland, für das er Blut und Gut hingegeben hat. zu leben! Deutsche Treue *e In dem bereits in Nummer •40 erwähnten Prozess Lchtcitncr in Dresden ist das Urteil nach achttägiger Verhandlung gesprochen worden. Lehleitner wurde zu 1 Jahr S Monaten Gefängnis und den üblichen Nebenstrafen verurteilt. Die Verhandlung zeitigte ein interessantes Bild von der geradezu hypnotischen Macht eines skrupellosen Menschen, der die ״Sozialpolitik der Dummheit”, den Antisemit!s- 111 us benutzt, um im Geschäitsleben eine Rolle zu spielen und dabei auf unreellster Basis zu operieren. Nur als Antisemiten Häuptling, umgeben von einem aus Antisemiten bestehenden Aufsichtsrat, der dem Führer gegenüber auf jegliche geschäftliche Kontrolle verzichtete und sich gründlich nasführen Hess, war es Leb- Icitner möglich, sich eine Reihe von Jahren hindurch zu behaupten und seine zahlreichen Schwindeleien zu verschleiern. Lehleitner hat eine recht bewegte Vergangenheit hintrsich. doch gelang es ihm. als er Ende der 90er Jahre nach .Dresden kam. hier bald Oberwasser zu gewinnen. Das wurde ihm umso leichter, weil er sich als strammer Antisemit dem Dresdner Reiormvcrein anschloss uud in ihm — wenn er dies letzt auch in Abrede zu stellen suchte — bald eine iüiirende Rolle über* nahm. Eine Zeit lang wohnte der Direktor i;! Königsbrück, wo er eine prächtige Villa mit grossem Waldpark besass. Das Geld hierzu hat er. wie nunmehr feststeht, wenigstens zum Teil, aus der ihm anvertrauten Gcnossenschaitskasse entnom* men und dadurch eine ganze Anzahl kleiner Leute geschädigt. Dass die Veruntreuungen des Direktors einen derart i g e n U m f a n g — ca. 170 000 Mark — annehmen konnten, durfte zum grossen Teil Schuld des damaligen Auisichtsrates sein, dem der Stadtrat Dietz. Postsekretär Feycrherm. Stadtverordneter Handtke. Fabrikant Eichblatt, Rechtsanwalt Engert. Dr. Holst und Kaufmann Liessncr. samt-!Ich intime Parteigenossen des Angeklagten, angc* hörten. Der Angeklagte, der bis zuletzt eine zuversichtliche und überlegene Miene zur Schau trug, war um Ausreden nie verlegen. Fast stets versuchte er sich mit einem Irrtume. der der einen oder anderen Seite unterlaufen sein müsse, heraus- Zureden. Lehleitner hat. wie ferner festgestellt wurde, a n die Mitglieder des Direktoriums und des Aufsichtsrats Darlchnc gegeben, und zwar nicht nur aus eigenen, sondern auch aus Mitteln der Versicherungsanstalt. wodurch sich jene Herren natürlich von L. abhängig machten und nicht wagten, dessen Massnahmen entgegenzutreten. Andrerseits steht iest. dass die Sitzungsprotokollc des Aufsichtsrats nicht einwandirci geführt worden sind. Geradezu unglaublich ist die Art. wie der Angeklagte die Schuld von sich auf andere abzu wälzen suchte. Wenn längere Zeit seine Entlarvung unterblieb, so lag der Grund hierin In der Furcht der Beamten vor dem Hinausfliegen und der Unmöglichkeit, seine Machenschaften 2u durchschauen und somit Material für den Staatsanwalt zu