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Jüdische Rundschau · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 556 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 43 Masse Esra-Tencleazen bemerkbar machen, also ebenfalls Tendenzen, die denen der Koneressmajorität widersprächen, so wäre cs nicht wünschenswert, dass sich im Zionismus ein Verband der Esra-Anfcänger, sondern im Esra eine zionistische Gruppe organisiert, die dann Imstande wäre, die Arbeiten des Esra in zionistischem Sinne zu beeinflussen, und die dem Zionismus, den sie durch die Spaltung geschädigt hätte, durch Verstärkung des zionistischen Einflusses in fremden Gesellschäften sogar bis zu einem gewissen Grade annehmbare Dienste leistet. Mit Vergnügen hat man konstatieren können, dass Herr Dr. Gronemann die Begründung einer autonomen jüdischen Siedelung ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer nur als ein politisches Mittel zur Erlangung Palästinas, nicht als ein Mittel zur Linderung der bestehenden Judennot empfiehl*. Dieses zur Agitation so willkommene, aber gänzlich windschiefe Argument bleibt demnach geistiges.Eigentum des Herrn Dr. Jeremias. Mit Unwillen muss es uns erfüllen, wenn Herr Dr. Gronemann wiederum von klcinkolonisatorisehen Tendenzen spricht. Das gehört wieder in das jüngst besprochene Kapitel ..Misstrauen”. Mit grosserem Recht könnten alsdann die Gegner befürchten, dass die Bestrebungen der ״politischen Zionisten" in den extremen TerritoriaÜsmus einmünden werden. Ussischkin, dessen frühere Tätigkeit den ״politischen Zionisten" als Grundlage für ihre Befürchtungen und Vermutungen dient, hat es wenigstens (in seiner Broschüre und durch die Erklärung, die Dr. Alexander Marmorek auf dem Kongress in Uissischkins Namen abgab) deutlich ausgesprochen, dass er von scinert chowcwc-zionistischen Tendenzen geheilt sei; zudem steht die grosse Majorität des zionistischen Judentums, stehen mehrere Männer des Siebener-Komitees als treue Wächter der politischen Zionsidee bereit, ledern Versuch einer Verwässerung der politischen Idee Widerstand zu bieten. Gegenüber diesem Schwinden der chowewe-zionistischen Tendenzen muss betont werden, dass die territorialistische Idee anscheinend im Erstarken begriffen ist, und dass der Mann, der die Begründüng der ausserpalästinensisch 2n Sitfdclung in die Hand nehmen will, sich nicht — etwa parallel dem Beispiel Ussischkins — gegen den Territorialismus ausgesprochen hat, sondern, wie aus dem Bericht über die Londoner Versammlung vom 7. ' Oktober hervorgeht, mit geblähten Segeln in das Lager der Territorialisten steuert. Auf welcher Seite also ist mehr Grund zu Befürchtungen und Vermutungen vorhanden, Die ״politischen Zionisten” von der Palästinatreue Dr. Gronemanns ,werden uns vielleicht antworten: Wir treten eben der JTO rächt bei, sondern vertreten nur unsere Ideen vor dem zionistischen Kongress. Nun, dieser Standpunkt wird von nicht eben vielen ״politischen Zionisten" geteilt und die Massen, ermuntert durch die Propaganda der ״politischen Zionisten”, werden den Zangwill und Genossen Zuströmen, und. da ihre PaJästinatreue nicht so erprobt ist wie die des Herrn Dr. Gronemann, dem Territorialismus anheimfallen, selbst wenn‘ . sie nicht der JTO beigetreten sind. Dass nicht nur die Massen diesen Weg nehmen werden, sondern dass auoh geistig hochstehende ״Menschen diese Wandlung durchmachen könnm, beweist das Beispiel des Führers Zangwill. Das wäre die Gegenrechnung, die wir aufmaclien, wenn man uns gegenüber von klcinkolonisatorisehen Tendenzen spricht. Zu den drei Wünschen, die ich den Herren Agitatoren in der vorigen Nummer der RUNDSCHAU vorgelegt habe, füge ioh den vierten: Meiden sie die Aufstellung solcher Vermutungen, denen der Gegner leicht andere gegenüberstellen kann. Herr Dr. Eriedemaiui befasst sich in wenigen Sätzen mit der Frage der Augenblicksarbeit in Palästina; sie sei ״nur so weit zu unternehmen, als die Erforschung des Landes und eine Unterstützung des eingeborenen Elements in Frage kommt. Eine Kolonisation im kleinen Massstab Ist für uns zwecklos und bringt uns aufs Niveau ‘der Kolonisationsverelne, eine Grosskolonisation ist unmöglich — ergo müssen wir die Hand davon lassen," Ich halte diese Sätze für ganz besonders gefährlich. weil sie sich in ihrer Kürze und Ucbcrsichtlichkeit dem Leser lejoht clnprägcn und durch die scheinbar vollständige Zusammenstellung aller Arbeitsmöglichkeiten den Anschein erwecken, als müssten diejenigen, die eine Gegenwartsarbeit in Palästina wünschen, auf eines der von Friedemann negierten Arbeitgebictc zurückgreifen. Tatsächlich haben sich aber die Gegenwartsarbeiter, abgesehen von der Erforschung des Laudes und der Unterstützung des eingeborenen Elements, mit einer grossen Anzahl von Arbeitsgebieten zu befassen, die nicht das geringste mit Kolonisation zu tun haben. Auch wir wissen wohl, dass eine Grosskolonisation unmöglich und eine Kleinkolonisation wertlos ist. Aber abgesehen von der eventuellen Schaffung von Modellkolonlcen — ein Kapitel, das man übrigens unter die Erforschungsarbeiten rubrizieren kann — haben wir. nie, wenn wir von Gegenwartsarbeit sprechen, an im Wesentlichen kolonisatorische Arbeit gedacht. Das Prinzip der Gegenwartsarbeit besteht darin, dass es unser Bestreben sein muss, Palästina wirtschaftlich zu erobern, nicht durch Ansiedelung jüdischer Bauern, sondern durch eine Stärkung des jüdischen Einflusses und der jüdischen Finanzen irn Lande, durch das Eindringen des jüdischen Kapitals in alle bestehenden und zukünftigen wirtschaftlichen Unternehmungen. damit wir im entscheidenden Moment nach dem auch von Friedemann gebilligten Grundsatz Do 11t des zu verfahren imstande^seien — damit wir am Tage der Entscheidung bereits eine ,finanzielle, eine wirtschaftliche Macht im Lande darstellen, bevor wir die rechtlichen Grundlagen für die Kolonisation geschaffen haben — damit wir vor dem Charter sozusagen die Aktien von Palästina in Händen haben. Es ist nicht einmal nötig, dass mit ausschliesslich zionistischem Kapital Gesellschaften gegründet, Konzessionen erworben, Industriccn ins Leben gerufen werden, ja cs ist nicht einmal nötig, dass mit ausschliesslich jüdischem Kapital gearbeitet werde; notwendig ist nur. dass sich alle diese Unternehmungen, von wein sie auch ausgegangen sein mögen, nach und nach mit jüdischen Kapitalien durchsetzen. Wir können uns so zu einer stattlichen faktischen Macht, zu einer Finanzmacht int Lande, die von der türkischen Regierung respektiert werden muss, entwickeln, ohne auch nur einen Kolonisten angesiedelt zu haben. Das ist meines Wissens auch der Standpunkt der Palästina-Konimission. Herr Dr. Friedemann hat bei der Aufzählung der Arbeitsniöglichkciten die hauptsächlichste, die von den Befürwortern der Gcgenw’artsarbeit geweifte Methode einfach ignoriert. Dass er da sehr leicht zu seinem ergo getaugen konnte, kann uns nicht Wunder nehmen. Wenn wir aber selbst nichts anderes leisten wollten, als was die Erforschung des Landes und die Hebung des in Palästitta ansässigen Elements erfordert, so stehen wir schon vor einer Ricsenaufgabc; gegen 60 000 zum grossen Teil halb existenzlose Existenzen zu organisieren und ökonomisch, sozial lind kulturell zu heben, erfordert so vid Geld, Zeit und Arbeit, dass ich nicht weiss, wie man sich noch nebenher den Luxus einer Besiedelung ausscrpalästinensischer Gcbjcte leisten soll. Wie man nun freilich diese Arbeiten der Hebung des palästinensischen Elements und der Erforschung des Landes zusammen mit den unbedingt zu leistenden Arbeiten, von denen ich oben gesprochen habe, und die die Wirtschaftliehe Eroberung des Landes vor Erlangung des Charters zum Ziele haben — wie mau diese kolossalen Gcg'cnw׳artsarbeitc1׳ leisten und die dazu erforderlichen Kapitalien aufbringen will wenn dieselbe zionistische Partei die Ausführung eines nichtpalästinensischen Bcsicdclungsplanes übernehmen soll — das

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