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Jüdische Rundschau · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 554 No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU so![. Feh kann daher wohl verstehen, dass man innerhalb der zionistischen Bewegung eine Agitation nach der Richtung entfaltet, eine Aendcrung der Kongressbeschlüsse zu erzielen. Eine ausserhalb der Bewegung stehende Organisation kann eine solche Unternehmung nicht als Mittel eines ihr selbst fremden Zweckes schaffen. Für diese Organisation ist daher die Schaffung einer solchen Autonomie ein selbständiges politi* sches Ziel. Die Divergenz dieser beiden politischen Strömungen muss zu unheilvollen Konflikten führen. Es ist demnach selbstverständlich, dass ich prinzipiell den Standpunkt vertrete! dass ein organisierter Zionist der JTO nicht eher beitrete ו darf, als bis unzweifelhaft feststeht dass die JTO lediglich ein phllantropisches Unternehmen ist oder dass sic zielbe• wusst Ihre Tätigkeit nur als Vorarbeit für die Erreichung des zionistischen »^eals betrachtet. Einen Zwang können wir jedoch In dieser Hinsicht nicht ausüben. und muss es jedem Oesin־ nungsgenossen überlassen bleiben, ob er trotzdem der JTO als Mitglied beitreten will. Anders verhält cs sich mit zionistischen Organisationen und deren offiziellen Vertretern. Ich würde cs als einen groben Vcrstoss gegen die Disziplin be trachten, wenn diese durch ihren Beitritt zur JTO eine Politik betreiben würden, welche den Kongressbeschlüssen widerspricht. Besten Dank für Ihren ircundiiclien Brief und Ihre Auseinandersetzungen, die ja viele schätzenswerte Gedanken ent• halten. Mit Zionsgruss* Ihr ergebenster Dr. Bodenheimer. ." * Posen, den 17. Oktober 1905. Hochgeehrter Herr Präsident! . ... Ich knüpfe hauptsächlich an einen Punkt Ihrer Erwiderung an, den Sie besonders betonen, während ich ihn in Ihrem Aufruf fast übersehen hatte. Sie meinen, dass der!Beitritt zur JTO nur dann statthaft wäre, wenn diese sich auf philanthropischer, nicht politischer Basis aufbaue. Wir müssten also verlangen, dass das neue Unternehmen alles politischen Beiwerks entkleidet werde und rein philanthropischen Charakter wahre. Und dies, nachdem von zionistischer Seite ein jahrclanger Kampf gegen das Unwesen und den Unwert der Philanthropie geführt worden, nachdem Jahr und Tag an die Wohltätigkeits- und Kolomalgesellschaften immer von neuem der Appell) gerichtet wurde, dass sie nationalpolitisches Salz in ihre breite Bettelsuppc tun sollten. Wir traten all diesen Vereinen bei, nicht um unser Geld los zu werden, sondern um Geist• von unserem Geist in sie zu verpflanzen, neuen Wein in die alten Schläuche zu füllen. Gottlob, es war nicht umsonst! Das geräuschvolle Drängen unserer Genossen und das stille Wirken unserer Idee hat es zu Wege gebracht, dass wohltätige Gesellschaften und Einpelpersönlichkcitcu sich zu einer imposanten Hilfsaktion zusammenfinden wollen, die offenkundig dem Bedürfnis nach mehr politischem Tun. nach grosszügigem Wirken für das Volksganze entspricht. Ja sogar von jener Seite wird auf de Mitarbeit der Zionisten der grösste Wert gelegt ־— vergl. den Briefwechsel Zangwill-Timendorfer — und kein Zweifel, gerade unsere Mitwirkung könnte die grosse Aktion vor dem Hinabgieiten ins Piiilantliropisclic bewahren. Und u״ sollen wir die Ausschaltung' aller Politik, die Beschränkung aus Philanthropie zur Bedingung des Mittuns machen! Und die Förderung aller politischen Ambitionen der JTO soll ein Vergehen gegen die Partcklisziplin bilden! Muss man nicht unwillkürlich an die Szene denken, da Josun, eifersüchtig um den grossen Lehrer besorgt. Moses aufforderte, Eldad und Medad die prophetische Gebärde zu verbieten; aber Moses antwortete: ״Was gäbe ich drum, wenn das ganze Volk Gottes prophetisch wäre, wenn der Ewige seine!! Geist über sic alle körnen licssc•!״ Welcher Segen, wenn unser Geist, der Geist weitausschauender Volkspolitik über sie alle, Ica und Alliance, Esra und Gculali. käme! Damit schliessc ich für heute. Ich würde bitten, mir auch hierauf freundlichst recht bald Bescheid zu geben. Vielen Dank im voraus. Mit ergebenstem Ziousgruss’ Ihr Sie hochschützcuJer D r. Jeremias. ♦ י־ Köln, den 20. Oktober 1905. Sehr geehrter Herr Doktor! In Beantwortung Ihrer Zuschrift vom 17. d. M. beehre ich mich zu erwidern, dass Sie vollkommen Recht haben, wenn Sie annehmen, dass die territorialistiscb.e Organisation auf philanthropischer Grundlage schwerlich lebensfähig sein würde. Sie würde dasselbe Schicksal erleben, welches die Organisation der Chowewe Zion betroffen hat. Es ist aber Werkchen seObst zu lesen, nicht vorenthalten möchte Sie sind nur wenige Proben! (S. 94 f) ״Die alte Periode (sc. der modernen hebräischen Dichterschule in Italien) möge geschlossen sei:! mit jenem Bande hebräischer Lobgedichte, welchen die Judenschaft zu Rom im vorigen Jahre (d. h. 1835) zu den Fussen des ״heiligen Vaters“1) niederlegte. Die Poesien waren meisterlich geschrieben, prunkvoll in weissen Atlas gebunden. Sie wurden zusamengehalter. durch zwei goldene Schlösser von künstlerischer Arbeit, und auf jedem Deckel war das pästliche Wappen in Gold gestickt. Die Schrift im Innern war auf jeder Seite variiert, und mit Gemälden und Federzeichnungen des christlichen venetianischen Künstlers Paoletti eingefasst, unter diesen das Bild des ״heiligen Vaters“ selbst und das Bild Salomo’s. Das Geschenk kostete 10 000 Francs Ich sehe darin das Symbol des jetzigen Zustandes der jüdischen Poesie, wie sie, mit oder ohne Ueherzeugung, eine Lobhudlerin des Abendlandes, in Rom der! Pantoffel des Papstes, In Deutschland die Tiara der Philosophie *) Die Hervorhebungen kn Druck entsprechen genau denen des Originals. devotest küsst. Der Kuhreigen ihrer Heimat erweck! nicht mehr in ihr jenes Heimweh, welches sonst in dem Exile der unversiegliche Born von Tranen und Liedern war; die Poesie ringt, wie ihre Sänger, nach Enianzi• pation, und die Emanziation der Nationalpoesie ist die Selbstvernichtiing derselben. Die mittelalterliche jüdischc Poesie ist das Dokument von der Freiheit des Volkes in der Sklaverei, die moderne von der Sklaverei des Volkes in 'der Freiheit, und die zukünftige möge sein das lebendige Lebensbild von der Freiheit des Volkes in der Freiheit." (S. 95 i. f.) ״Der heimatlichen Poesie (11. h. der jüdischen Poesie in Deutschland) raubte im Mittelalter die Manzipafion — Freiheit und Schönheit, in de! Neuzeit die Emanzipation — Charakter und Nati o n a li t ä t.“ (S. 166) ,,So ist die griechische Literatur das Bild eines tatkräftigen, frischen, gemeinheitlichen Volkslebens, un'd die deutsche ist das Bild gar keines Volkslebens, weil es bei uns in Deutschland kein Volksleben gibt, sondern die Einheit in tausend und abertausend Individualitäten zersplittert ist, weil auf dem Forum bei uns nur Kohl und Käse verkauft wird. Die jüdisch e Literatur aber ist das Bild einer Nationalität ebne Staat,

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