Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 553 Ein Briefwechsel Der folgende Briefwechsel wird uns von Herrn Dr. Jeremias -Posen zur Veröffentlichung in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU übergeben: Posen, den 13. Oktober 1905. Hochgeehrter Herr Präsident! .... Schon jetzt fühle icli mich auch gedrungen, meiner Verwunderung über die 4. der %on Ihnen angekündigten Resolutionen Ausdruck zu verleihen. Ich gestehe offen, dass es mir. sowohl was die Sache selbst als was die Begründung betrifft, unbegreiflich ist, wie Sic Ihren Standpunkt halten ,.vollen, wenn mir auch erklärlich ist, wie Sic psychologisch dazu gelangt sein mögen. Einmal nimmt der Entstehung?־ modus der JTO viele aphoristisch gegen sie ein. und daun weckt vor allen! die Sorge, die JTO könnte, wenn erfolgreich, uns viel Wind aus den Segeln nehmen, den Wunsch der Abwehr und Hemmung. Aber selbst wenn man von solchen halb unbewussten Antipathien ausgeht, mus man doch tiuausweichlich zu dem Schluss kommen, dass solche Stimmunge.i I 1 und .Befürchtungen nicht die moralische und organisations-! rechtliche Handhabe geben, um den Zionisten die Mitarbe t an der JTO zu verbieten. Unsere Organisation ist kcn j l'olizeistaat, in dem von oben her die Parole ausgegeben j werden kann: ,.Die janzc Richtung pass! uns nicht.“ Das ' haben Sie besser hcrausgefühlt, als alle bisherigen JTÜ-Richter, j und deshalb geben Sie die Begründung, dass die JTO mit polij tischen, nicht mit philantropischen Mitteln der Judennot steuern j wolle und also uns von unserem Endziele ablenken könne. ן Aber ich bitte, was hat denn die JTO mit uns zu schaffen? Der Kongress hat in schärfster Eorm erklärt, dass alle extrapalästinischen Landprojekte nichts mit ihm zu schaffen haben, und die JTO hat beschlossen, dass sie zum Zionismus keine Stellung nimmt. Demnach laufen Zionismus und JTO nebeneinander her, ohne sich je berühren zu müssen. IX*r Zionismus betrachtet sein Ziel als die ״einzige!endgültige] politische Lösung“ der Judenfrage und die JTO das ihrige aB die ״einzige [temporäre] politische Lösung“ der Juden* frage. Sic haben im Grunde nichts miteinander gemein. Nur dass die politischen Zionisten cs für ihre heilige Pflicht halten, im Zionismus eine Kooperation mit der JTO anzubahnen, damit unsere Bewegung nicht bei der grosszügigsten nationalen Gegenwartsarbeit völlig ausgeschahct werde, und andererseits bei der JTO mitzuarbHten. damit diese stets nationales Gepräge bewahre und nicht im philantropischen Sande sich verlaufe. Von alledem abgesehen — Sie. werde 1 keinem Zionisten verwehren können, einer gutjfidischcn Bcwegung ausserhalb des Zionismus anzugehören, sofern diese die zionistische Bewegung nicht selbst angreift oder ihr End• ziel bekämpft. Daran könnte auch kein Beschluss 'eines L.C., des D.T. oder gar des A.K. etwas ändern; wir sind der Organisation nur für unser Tun und Lassen in der Bewegung verantwortlich. Und dieser Verantwortl'clikeit sinJ wir uns voll bewusst; denn wir sind fest entschlossen, der alten Fahne und der Pietät gegen Herzl unverbrüchliche Treue zu wahnen, komme, was da kommen mag, mag man in der Bewegung noch so schwer gegen den alten Geist sündigen und uns, die wir ihm ehrlich zu dienen glauben, noch so arg befehden. Wir bleiben fest bc! der Stange, aber werden nach aussen unsere Akt'onsfrcilicit zu wahren wissen. Verzeihen Sie die Freimütigkeit im Interesse der Sache. Ich bitte Sic jedenfalls um Antwort. Genehmigen Sie verehrter Herr Präsident den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochschützuug. Mit Zioiisgruss Ihr ergebenster D r. Jeremias. Köln, den 16. Oktober I9.'5. Hochgeehrter Herr Doktor! In Beantwortung Ihrer Zuschrift vom 13. will ich zur Aufkiärung der von mir vorgeschlagencu Resolutionen bemerken, dass ich Ihre Verwunderung über die vierte Resolution nicht recht verstehe. Diese Resolution ist eigentlich nichts anderes als die konsequente Schlussfolgerung aus der Resolution No. 1. Die einzelnen Organisationen und offiziellen Vertreter derselben sind streng genommen gar nicht in der Lage, in anderer Weise ihrer Unterwerfung unter die Kongressbeschlüsse Ausdruck zu verleihen, da ja die äussere Politik lediglich in der Hand des Engeren Aktions-Komitees ruht. Aber auch sachlich ist diese Stellungnahme allein konsequent. Wenn man auf dem Standpunkte steht, dass die Autonomie ausserhalb Palästinas ein politisches Mittel zur Erlangung unseres Zieles darstcllt dann muss dieses Mittel sich in den Händen unserer Organ!- sation befinden, wenn es irgendwelchen Zweck für uns haben und an einem beliebigen Ort wünschte, \vc Juden wohnten, legte ihm der heilige Prophet Elijjahu segnend die Hand auf das Haupt mit den Worten: ״Se: gesegnet für deine Reise und gesegnet für dein Leben!“ (Fortsetzung folgt.) Lesefrüchte Des öftern schon ist beklagt worden, wie grossen Verlust unsere national-jüdische Bewegung dadurch erlitten, dass der oder jener hervorragende Mai n — Jude oder Nichtjude — zu früh die Augen schloss, dess gerade er das Wiedererwachen des nationalen Judentums in Westeuropa nicht erleben durfte. Zu ihnen gehört Franz Delitzsch, der Vater Friedrich Delitzschs, des uns durch seine mehr gehässigen als Wissenschaftliehen Babel-Bibcl-Vorträgc nur allzu bekam:ten Assy riologen. Franz Delitzsch (1813—1890) war Philosemit; wer kennt nicht seine Streitschriften gegen den bcrfichtigten Blutliigner Rohling! Weniger bekannt aber dürfte sein, wie innig er Juden und Judentum, nationales Judentum liebte. Ich habe sein 1836 erschienenes Werk ״Zur Geschichte der jüdischen Poesie“ vor mir. Es ist ein grundgelehrtes Werk — nicht aber das Werk eines ,Gelehrten ", eines jener nüchternen, fischblütigen ״Ge lehrten“, wie sie leider die Judenzeit des 19. Jahrhunderts ln so erschreckender Fülle hervorgebracht hat. Es ist ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Poesie״ geschrieben von einem protestantischen Theologen, und doch mit solch einer Wanne, solch grosser Begeisterung für unsere nationaljüdische Poesie geschrieben, dass einen stellenweise das Gefühl überkommt: das kann kein Fremder, so kann nur ein echter Jude geschrieben haben! Mit grösserem Feuereifer hat selten einer von uns die Assimilation bekämpft, als I1i°r Delitzsch gegen die um die Wende des 19, Jahrhunderts ein- •setzende Entnationalisierung der jüdischen Poesie in Deutschland zu Felde zieht, und heisserc Wünsche ffi»׳ die nationale Zukunft unseres Volkes hegt keiner von uns, als sie Hier Delitzsch in einem wissenschaftlichen Werke zum Ausdruck bringt. Sollte Delitzsch doch wie ich in Leipzig, der Stätte seines Wirkens, öfters gehört, ein Sohn des alten Volkes gewesen sein? Diese Zeilen seien dem Abdruck einiger Stellen aus Delitzschs Buch vorausgescliickt, Stellen, die ich der. Lesern der RUNDSCHAU, die nicht in der Lage sind, das