Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 563 JÜDISCHE RUNDSChAU No. 43 hicsse, den Zionismus zu morde.n. Und dazu wird kein einziger seine Hand bieten, der detn Zionismus treu ist. Aber dieser Einigkeit steht ein grosses Hindernis im Wege, das wir früher nicht gekannt haben. In unsere Reihen ist das Misstrauen eingekehrt und hat schwere Verheerungen angerichtet. Zwar ist die gewaltig-grossc Masse des Jüdischen Volkes von diesem Misstrauen nicht angekränkelt, sie hat ihr Vertrauen, das sie treu und aufrichtig dem grossen Führer des Zionismus wahrte, auf den Nachfolger übertragen; denn sie versteht, dass er zwiefültig des Vertrauens und de״ Gehorsams ,bedarf, weil er sich erst die Stellung bei un* und den Aussenstehenden erobern muss, die dem geborenen König zugefallen war, als etwas, was ihm ge• biihrte. In dieser schweren Zeit wäre es eir, doppelt schweres Verbrechen am Judentum, die Einigkeit zu ge fährdeti, die das Fundament ist, auf dem wir ambauen müssen. Aber ist denn Grund zu Misstrauen überhaupt vorhanden? So lange ehrlicher Sinn uns alle leitet, so lange die unauslöschliche Liebe zu Zion und zu uuscrni Volke das allein Massgebende bei unseren Handlungen ist, dürfen wir einander nicht mit Misstrauen betrachten. Gewiss, es gibt in jeder Bewegung -״ und warum nicht auch bei uns — immer Leute, die in der Sache, die sie vertreten, nicht die hohe, die himmlische Göttin sehen sondern die Leiter, zu äusseren Ehren und Auszcichfitmgcn. Aber um einiger weniger willen, die noch dazu selbst durch ihren von unreinen Absichten erfüllten Ehrgeiz das Vertrauen verlieren, das sie begierig suchen, darf nicht allgemeines Misstrauen in nnsern Reihen Platz greifen. Wir dürfen und können Vertrauen zu einander haben, denn wir sind von einander überzeugt dass die Differenzen über Mittel und Wege des Zionismus, die uns trennen, aus der;beiderseitigen Liebe zum zionistisehen Ideal hervorgehen. Deshalb kann es nicht schwer werden, die Einigkeit in vollem Masse hcrzustcllcn, wenn wir einander wieder vertrauen lernen. Wir haben uns doch gegenseitig vertraut, haben uns gegenseitig für ehrliche Leute und begeisterte Zionisten gehalten, ehe der unselige Streit über die Zweckmässigkeit einer afrikanischen Siedelung in unsere Reihen einen Riss zu machen begann. Wir wussten es ja gar nicht anders als dass wir alle Söhne eines Volkes und Glieder der* selben Nation seien und ein und dasselbe Ziel mit de! gleichen Liebe und dem gleichen Eifer zu erreichen suchten. Warum also das Misstrauen gegen einander, das dazu angetan ist, uns dauernd zu •entzweien und der Bewegung einen Teil ihrer Kräfte zu entziehen? Kein einziger von uns kann •es wollen und will cs, dass ein Teil unserer Partei abgespüttert wird, um andere Wege zu wandeln. Denn die Einheitspartei des Judentums, die der Zionismus darstellt, leitet doch ihre Existenzberechtigung in erster Linie aus ihrer eige neu Einigkeit und Einmütigkeit her. Also fort mit dem Misstrauen gegen einander! Nur wenn wir Vertrauen haben dürfen, wenn wir Vertrauen haben zu unsern Mit* kämpfern, können wir auf Erfolge im Sinne unseres Zieles rechnen. Und andere ,.Erfolge‘', als solche, sind keine Erfolge. Also fort mit dem Misstrauen aus tmserr, eigenen Reihen! Der Nebenmann, der mit uns in Reih’ und Glied steht, ist ein eben so ehrlicher Kämpfer des Zionismus, wie wir selber, wenn er auch andere Musil; liebt und andere Farben vorzieht. In dem Vertrauen zu einander, das uns die Einig* Leit der Partei verbürgt, ist das Vertrauen zu .unserer Führung mit einbegriffen. Wir fühlen uns als ein flee,״ auf dem Marsche, als eine Armee im Feldzuge, tmcl des halb leisten wir unserem Führer unbedingten Gehorsam. Dass wir uns diesen Führer selbst gesetzt haben, dass er indirekt aus der freien Volkswahl hervorgegangen ist, macht ihn uns noch lieber tmd diesen Gehorsam noch leichter, als wenn wir ihn himie.hmeii müssten als etwas vom Geschick Gegebenes, das wir eben nur nicht ändern können, weil die Wahl des Offiziers nicht von seinen Lhitergebcucn abhing. Wir können Vertrauen haben zu dem Manne, zu detn Herzl Vertrauen hatte Und die Treue, die wir Herz! geschworen haben, den Treuschw ur, den wir an seinem Grabe wiederholt!iahen, halten wir, wenn wir dem Manne seines Vertrauens folgen, der sein Nachfolger wurde. Und unser Misstrauen zu einander mindert sielt in dem Masse, als wi«־ dem Führer des Volkes Vertrauen entgegenb-ingen. In seine Hände legen wir vertrauensvoll das äeschick unserer Bew egung. Er wird seine Pflicht tun. Unsere Pflicht ist eine andere als ’die seinige. Er macht unser: Politik, er gibt uns die Wege an, die wir in der Partei zu wandeln haben, und w ir haben nichts weiter zu tun. Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjahu I. Es ist schon lange, lange her, zwar nicht so lange, dass es darum nicht wahr wäre, ater doch so »lange, dass viele Leute nicht mehr glauben wollen, dass es wahr ist, da waren die Juden noch streitbare Männer. Einstmals, da wollte ein böser, fremder König sie zwingen, ihren Gott zu verlassen, der ihnen immer ge* helfen hatte, und fremden Götzen zu dienen; da aber kamen ein alter Priester und seine fünf Söhne, und sie besiegten den König und befreiten das Volk, und die Enkelkinder des alten Priesters wurden die Könige der Juden. Und ihre Nachkommen sassen auf dem Throne Davids. Als nun aber einer dieser Könige, der Alexander hiess und den Beinamen Janai führte, auf den Thron gekommen war, da war er so grausam, dass ihn die Leute nicht liebten und sich gegen ihn empörten. Brise Ratgeber hatten ihm eingefüistert, dass er um so höher stünde, je niedriger das Volk bliebe. Er aber inieret.* fremde Söldner, und als viel Blut vergossen war und viele Menschen im Kriege umgekommen waren, da mussten sich die Leute in seinem Königreiche ihm doch l wieder unterwerfen. Und Janai war noch lauge König der Juden, obgleich viele ihm feind waren. Er hatte das Volk kleiner gemacht, sich selbst aber nicht grösser. Da geschah cs einmal, dass ein schöner, jüdischer Jung »ling, der sein Volk sehr liebte, in seinem Garten sas> und weinte, weil er an die Leiden seines Volkes dachte, die von Janai und seinen bösen Ratgebern herriihrten. Und der Weinstock, dc.m der Gärtner die Zweige beschnitten hatte, weinte mit und sagte: ״O, früher, als noch Janais Vater und (irossvater Könige waren, da war das ganze Volk glücklich uud da hat iiiemaiu1 geweint.‘ Und der Palmenbauiu, der im Garten blühte, fing an zu klagen: ״Ja, die guten schönen Zeiten, wo ich den alten Mattliittjahu sah und den tapferen Hekkn Jcliuda. sind längst vorüber, und besser w äre es, nie geboten zu sein.“ Und die Bäume und die Strüucher, alle weinten sic mit dem schönen Jüngling uud sprachen zu ihm. ״Besser wäre es, nie geboren zu sein.“ Da verhüllte ■er sei!! Gesicht und dachte an die frühcre. Zeit, die iängst vergangen und so schön gewesen war; und dann dachte er, wie schlecht es geworden, so schlecht, wie nie zuvor. Und doch wusste er, dass die Welt fortschrcitc: denn es war ihm bekannt, dass in Zukunft die ganze