Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42• Seite 543 JÜDISCHE RUNDSCHAU Bereitwilligkeit?uni Ausdruck Kehracht, jeden wohlerwogenen Plan der neuen Tcrritorial-Organisation wohlwollend zu erwägen. Herr Zangwiü hat auch eine Reise nach Deutschland unternommen. um dts grosse jüd'rsclie Organisation in Deutschland für seine füäite zu interessieren. Der nachfolgende Briefwechsel beweist, dass er l)ci dem Hilfsverein <Jer deutschen Juden weit• gehende Sympathien gefunden hat. Eine ähnliche Sympath.okundgehung fiir die Bestrebungen ibs Herrn Zangwill ist auch von dem Presidenten der ürossloge für Deutschland, U. O. B. li. VIII, Herrn Justizrat Timcudoricr in Berlin, hi Form eines Schreibens an M'Stcr Zangwill erfolgt. Herr Dr. P. Nathan schrieb an Zangwill: Hochgeehrter Herr Zanewill! Der gcschaitsführendc Ausschuss des ״Hilfsvcreins der Deutschen Juden" war am 17. Oktober 1005 zu einer Sitzung zusammengetreten unter, dem Vorsitz des Herrn James Simon, feil legte dem Ausschuss gemäss unserer Verabredung Ihre Anschaumigen über die Frage der Beschaffung eines Territoriums zwecks Bisiedelung mit jüdischen Auswanderern aus dem östliehen Europa dar. Sie hoffen in erster Reihe von der britischen Regierung geendete Ländereien zy erhalten, ohne dass Sie Verhandlungen mit anderen Staaten fiir diesen Zweck aus$chliess?n. Sie wollen, dass das z.u erwerbende Territorium gesund gelegen sei ur.d sowohl die Möglichkeit fiir eine landw irtschaftliche w ie für eine industrielle Entwicklung gewährt: und Sie erstrebe״ für die nette Ansiedlung ein gewisses, der Individualität jüdischer Kolonisten angepasstes Mass freier Selbstverwaltung unter Staatlieber Aufsicht und Oberhoheit jenes Reich-.s. von dem das Gebiet überi.ommeii wurde. Die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung eines solchen Planes eiitgcgensteheu. sind zweifellos gross־ dass sie aber unüberwindlich sind, kann nach meinem Dafürhalten nicht erwiesen werden. Mit der gebotenen Vorsicht und Sachkunde in Angrii! genommen und ans kleineren Anfängen folgirichtig entwickelt, liegt ein Gelingen durchaus im Bereich der .Möglichkeit. Unter diesen Voraussetzungen aber verdien?» Ihre I3e- Strebungen, wie mir scheint, die aufrichtigen Svuitathieu aller jUncr. die helfen wollen, um die völlig unerträgliche Lage unserer Glaubensgenossen in Russland zu Indem. Millionen Juden sind in den westlichen Grenzgebieten d .s russische« Reiches durch gesetzgeberische Massregcln Zwangsweise zusammengepfercht. Diesen Massen ist fast!.gliche Möglichkeit genommen, sich wirtschaftlich aus dem tiefsten Elend empor zu arbeiten, und jede neue Kinderg.-juration steigert die allgemeine Armut, weil die karge Arbeitsgelegenheit, die den Erwachsenen kaum erlaubt, das Leben zu iristen. durch die licranwachsendcn Arbeitsfähigen «och weiter geschmälert wird. Auswanderung, Hunger. Krankheit und an einzelnen Orten Juden-Massakres. die seitens der nlanmüssig missleiteten Volksmasse stattfinden, schäften in gewissem Umfang immer wieder einigen Raum. Ein solcher grauererregender wirtschädlicher und politischer Notstand lähmt oder verlangsamt zugleich die intellektuelle Entwicklung der betroffenen Volksmassen. Es ist nicht meine Ansicht, dass durch Auswanderung diesen traurigen Zuständen endgiltig gesteuert wirden kann. Millionen eine neue Heimat zuzuweisen, wird eine Unmöglichkeit bleiben. Das Schicksal der Masse der russischen Juden ist uulösbar mit dem Schicksal des russ'schcii Volkes verknüpft. Das ist auejj jie Ansicht der vorausschauenden Jud«.11 in Russland. Nur gemeinsam mit allen russischen Untertanen, deren Leiden zum Teil ehe« so grosse und meist nur etwas mildere sind, kann auch für die Juden eine bessere Zukmi t heraufziehen. Allein, da en Bruchteil de׳• jüdischen Bevölkerung Russlands und anderer östlicher Länder alljährlich in jedem Fall auswandert, so ist es von hohejn Wert, dass die Möglichkeiten vervielfältigt werden, die diesen Elemente!: geboten werden können, um sich eine n.ue Heimat zu gründen. Ein Kolonie kann nur gedeihen, wenn das Klima und die Entwicklung darbieten; aber eine Kolonie, bei der diese Grundlagen gegeben sind, wird um so schneller cmporblühcn. wenn auch die Maischen, die bestimmt sind, sie zu bevölkern, mit gesteigerter Arbeitsfreudigkeit und mit einer gewissen idealen Hingabe sich ihrer neuen Aufgabe widmen. Bei dc:jj5tin1r11u»ge11 und Empfindung(.«! aber, die einen grossen Teil der Juden in Russland beherrschen, wird eine solche Arbeitsfreudigkeit und solche Hingabe vor allem dadurch geweckt werden können, dass die kolonialen Einrichtungen den religiösen Bedürfnissen der Bewohner besonders Rechnung tragen, wie es geschehen kann, wenn die Kolonie unter der Oberhoheit einer Grossmacht doch zugleich ein verständiges Mass freier Selbstverwaltung gciUesst. Bedrückungen, die sich aus religiösen Gegensätzen ergaben, haben häufig genug den Anlass zur Auswanderung und zu kolonisatorischer Tätigkeit gegeben, und starkes religiöses Empnuden befähigte die Kolonisten in der neuen Heimat, die Drangsale der ersten Zeiten standhaft zu überwinden und auszuharren. Die Geschichte der Vereinigten Staaten liefert nicht das einzige, aber das gewaltigste Beispiel hierfür. Dass Sic das ideale Streben unserer russischen GIaubensgenos$en_j12ch eitler gewissen Autonomie, wie sie auf jungfräulichem Boden zu erreichen ist. nicht unberücksichtigt Hessen, ist gewiss berechtigt, und es erscheint mir als Verdienst, dass Sie dieses aus den russischen Verhältnissen heraus zu erklärende Streben auf reale Ziele hinzulenkeii suchen. Nachdem Ich diese meine Gesichtspunkte dem geschäftsführenden Ausschuss des ..Hilfsvereins der Deutschen Juden" entwickelt hatte, wurde ich beauftragt. Ihnen, sehr geehrter Herr Zangwill. gegenüber das Folgende im Namen 'des ..Hilis- Vereins der Deutschen Juden" zum Ausdruck zu bringen. ..Ohne zu den Meinungsverschiedenheiten, welche den unmittelbaren Anlass zur Inangriffnahme Ihres Projektes gebildet haben Stellung zu nehmen, begrüsst der ..Hilfsverein der Deutsehen Juden" Ihre Bestrebungen, wie jedes gesunde im Dienste des russischen Hilfswerkcs stehende Unternehme« mit warmer Sympathie, und er ist bereit, in! Bereiche seines Leistungs- Vermögens Ihre Bestrebungen zu fördern." Ich erlaube mir. Ihnen diesen Beschluss zu übermitteln, und verbleibe in grösster Hochachtung Ihr ganz, ergebener D r. P. Nathan. ♦ Auf diesen Brief antwortete Zangwill: Verehrter Herr Doktor! Ihr freundlicher Brief, der sowohl Ihre wie des HiÜs- Vereins der Deutschen Juden Sympathie mit der Territorial- Idee ausdriickt. wird sicherlich unserer Idee die grössten Dienst?, leisten. Dass sulche Männer wie Sic. Herr James Simon und sez'ne Kollegen im Ausschuss Ihres Vereins bereit sind, mit uns vermittels Ihrer grossen Organisation züsamtuchzuwirken. wird in unseren Reihen neuen Mut entfachen. Obgleich Ihre Ansichten und die mciuige nicht in jeder Einzelheit übereinstimmen. so ist doch eine genügende Bas s der Uebereinstimmung vorhanden. die mich Ihre in Aussicht gestellte Mitwirkung an unserer schweren Aufgabe mit grösster Dankbarkeit begrüssen lässt. Ihr. aufrichtig ergebener Israel Zangwill. Der Orosspräsident der Loge U. O. B. B.. Justizrat Timendorier. richtete folgendes Schreiben an Zangwill: Sehr geehrter Herr! Leber den Inhalt der Beratung des g.schä.'tsführeiKkn Ausschusses des Hilfsvcreins der Deutschen Juden sind Sie durch Hern! Dr. Nathan informiert Nach dem Inhalt dieser Beratungen scheint es mir unzweifelhaft, dass der Hilfsverein der Deutschen Juden sich Ihrem Projekt zur Verfügung stefieu wird. Damit ist auch der Standpunkt der Grossloge für Deutschlaud des U. O. B. B. gegeben, dem! die Grosslage hat die eigenen Aktionen für die osteuropäischen Juden eingestellt und sich hierzu mit dem Hilfsverein der Deutschen Juden verbunden. Es ist auch nickt anzunchmen. dass die örosdoge in der vorliegenden Frage dem Hilfsverein nicht Folgschaft leisten sollte. Freilich ist das Verhältnis der ürossloge mit den Zionisten ein eigenes. Wir können uns genuiss unseren Tendenzen mit den Bestrebungen des Zionismus, soweit sie die Gründung eines national-jüdischen Staates herbeiführen wollen, nicht einverstanden erklären: sonst aber sympathisieren wir mit den f. 1• r i e e n Be- Strebungen, namentlich soweit sie k o I o n isatorische Bestrebungen zum Inhalt haben. Namentlich aber sind wir mit den Persönlichkeiten innerhalb des Zionismus sehr befreundet: wir haben Zionisten als besonders ciirige Logenmitglieder. und Führer der zionistischen ßewegunz sind zugleich Präsidenten einzelner Logen. Würde das. was Sie. sehr geehrter Herr, erstreben, v o 1! der Gesamtheit d e r Z i o 1! i s t c n erstrebt werden, ich hätte auch nicht jlen allergeringsten Zweifel, dass diese Be- Strebungen von dem gesamten Orden mit grosser Befriedigung auigeiiomme» und unterstützt werden würden. Das einzige Bedenken liegt nur darin, dass vielleicht in u 11seren Reihen die Ansicht vor walte 11 könnte, a 1 s o b w i r diejenigen Zionisten, welche sich Ihrer Bewegung nicht angeschlossen haben, verletzen. Ich denke aber, dass solch kleinliche Bedenken zuriiektreten werden vor der Bedeutung und dem Wert Ihrer