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Jüdische Rundschau · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 42 % Seite 539 J ü DISCIiE RUNDSCHAU stellt, dass sie sich cvetl. gezwungen schai würden, sich ins Privatleben zurückzuzlclun. Wer in einem Lande lebt, wo die abnormen Verhältnisse sozusagen die Norm darstclien, hat bei einer derartigen Handlungsweise wenigstens die Entschuldigung für sich, dass ihm das Verständnis für d׳c Bedeutung der DiszipPn fehle. Der in Deutschland geborene und erzogene Zionist sollte aber wohl die Notwendigkeit der eisernen Disziplin — der Disziplin bis zur Sinnlosigkeit — begriffen haben; zu erfahren, dass es in Deutschland verbürgte Ausnahmen gebe, war uns keine angenehme Bereicherung unseres Wissens. Cs kann wohl dem nächsten Delegiertentag auf Grund der Bodenhe',morschen Resoluten — vielleicht in modifizierter Gestalt — gelingen, die Gegensätze zu mildern; doch wird es, um zu einem Resultat zu gelangen, auf beiden Seiten nicht an« guten Willen fehle« dürfen. Ich habe heute den sogenannten ,.politischen" Zionisten drei Wünsche zu unterbreiten. Der erste scheint mir am wichtigsten und soll etwas ausführlicher begründet werden. Ich bitte die Herren, die für die Ideen׳ der sogenannten politischen Zionist.m agitieren, das Argument von der furchtbaren materiellen Judennot in ihren agitatorischen Ausfiihrungen fallen zu lassen. Nicht alle Herren, die für diese Ideen seit dem Kongress geschrieben haben, haben überhaupt oder in so deutlicher Form dieses Argument herangezogen, wie es z. ‘B. Herr Dr. Jeremias in seinem ״im Aufträge" geschriebeiten Artikel getan hat. Wenn es dem Delegicrtentag nicht gelingen sollte, den Verband zu begraben, so wird es sicher späterhin nicht an Agitatoren fehlen, die allenthalben das rührende Lied vom Jude!:c!end singen und mit diesen die Tat- Sachen durchaus richtig darstellenden Predigten grosse Massen für den Verband gewinnen werden. Ich weiss nicht, ob das theoretische Land nicht theoretisch bleiben wird. Führen jedoch die Bemühungen zum Ziele, so wäre — um hier int Schema zwei Extreme zu konstruieren — der wahrscheinlichere Fall möglich, dass eine Siedelung von mehreren Zchntausenden Juden entsteht, und der unwahrscheinlicherc, dass sie riesengrossc Dimensionen annimmt, so riesengrosse, dass tatsächlich die gewaltige materielle Judennot durch sie in merklicher Weise beeinflusst wird. Nur itt diesem letzteren Falle hatte man ein Recht, mit dem Argument zu agitieren, dass man mit diesen Hilfsaktionen dem Judenelend zu Steuer» beabsichtige. Aber wo irgend auf der Welt so riesengrosse Territorien dem jüdischen Volk zur Verfügung gestellt würden, könnten sic, was in der Natur der Sache liegt, nur unkultiviertes Land darstellen, dessen Besiedelung einen so Immensen Aufwand an Arbeitskraft erforderte, dass sich daran de Volkskräfte unbedingt erschöpfen müssten. Und nicht nur die Volkskräftc, sondern auch die Volksintcrcssen. Es wäre ein Unding, diese erschöpfende Riesenarbeit in Palästina wiederholen zu wolle!:. Das bedeutete also nicht eine vorübergehend־.* Ablenkung vorn zionistischen Endziele, sottder!! seine dauernde Beseitigung. Eine solche Aktion liegt demnach in der Richtung des radikal territorialistischen Gedankciiganges. Aus welchen Gründen wir es ablehnen, nach dieser Richtung hinzusteuern, kann hi.r nicht auseinandergesetzt werden, weil wir sonst in eine Erörterung des territorialistischcn Prinzips cintreten müssten. Nun hat Zangwill in seiner Londoner Rede anerkannt, dass der entscheidende politische Moment, der uns plötzlich tfe Möglichkeit bieten könnte, in Palästina diplomatische Erfolge zu erzielen, uns bei Vernachlässigung der Gegenwartsarbeit in Palästina leicht ausserstande finden könnte, d!c erreichbaren Erfolge tatsächlieh zu erreichen oder sie ausz'unutzcn. Aber nicht nur diese notwendigen Vorbereitungsarbeiten in Palästina würden durch ein solches Hilfswerk hintangehaben werden, sondern es würde •- notabene, wenn es jene Riesendimensioncn aunähme. die wirklich dem Judenclenj zu steuern vermöchten -- die Zionsidec üfr alle Zeiten im Hintergrund verschwinden lassen. Detin zweimal kann diese radikale Riesenarbeit, wie sie vielleicht einzig in der Weltgeschichte dastehen würde, von einem Volke nicht geleistet werden. Handelt es sich aber um den wahrscheinlicheren Fall, dass e ne Hilfsaktion für mehrere Zehntausende von Juden in Angriff genommen wird, so kam von einer Linderung der Judennot, die in d:n letzte» Jahren an IW MO russische Juden alljährlich veranlasst hat, ihre Heimat zu verlassen, auch nicht im entferntesten die Rede sein. Wer wollte es nun vor seinem zionistischen Gewissen verantworten, die kostbaren Kräfte der zionistischen Bewegung für eine Hilfsaktion in Anspruch zu nehmen, die — ״ein Tropfen im Eimer” — das grosse Elend kaum in Spure» zu lindern vermag, und die sehr wohl von nicht-zionistischen Vereinigungen evtl, mit Unterstützung zionistischer Kreise ausgeführt werJen könnte. Hat man aber ein Recht, die Gegenwartsarbeit in Palästina zu stören und die zionistisch.n Massen für diese angchPch zionistische Aktion durch eine Darstellung der Verhältnisse zu interessieren, die den Anschein erwecken muss, als seien diese neuen Männ.r imstande, dem Judcnelcnd tatsächfch wirksam entgegenzutreten— im Gcgenatz zu jenen Palästinensern, die dazu nicht imstande sind, weil s:.* die Massen auf das nebelhafte Palästina verweisen? Nein, meine Herren Agitatoren, dem Judenelend können Sie durch temporäre, durch transitorische Siedeiungen nicht abhclien; denn das vermag nur jene Aktion, die langsam einen Boden *— Palästina (Zionisten) oder ein beliebiges anderes Land (Territorialisten) ־—!für eine Riesensledeiung vorbereitet, die öffentlich-rechtlichen Sicherungen schafft und alsdann in beschleunigtem Tempo die Massen auf diesem wohl präparierten Boden in solchem Umfange ansiedclt, dass tatsächlich die gesamte materielle Judenfrage liier ihre Lösung iindet. Die Herbeiführung dieser Lösung setzt voraus, dass man sich in den Vorbereitungsarbeiten durch die gegenwärtigen Zustände rieht beirren lässt, da uns die Rücksicht auf die gesicherte Zukunft höher steht als die auf die traurige Gegenwart, — schon deshalb, weil uns das zukünftige Ziel eine wirkliche Lösung der Judenfrage verhasst, während wir (wcder wir noch sie) für die Gegenwart ein solches Mittel tatsächlich nicht kennen. Ich gehöre nun nicht zu jenen neunmal Weisen, die mit ihrem erleuchteten Geiste den einzig gangbaren Weg gefunden zu haben glauben. Wir können also bei Entscheidung der Frage, ob es ratsam ist, eine grössere autonome Siedelung ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer zu schaffen, sehr wohl irren. Besteht aber tatsächlich eine solche Notwcndigkeit so ist mir zweierlei klar. Erstens, dass diese Arbeit ausserhalb der Partei zu geschahen hat, ausserhalb jener Partei, die sich nur mit der Verfolgung eines ungeheuer gewattigen Zukunfts:dea!s zu befassen hat, das ihr die I-ösung jener Fragen bringen soll, für die sie in der Gegenwart keine Lösung weiss. Es ist ein Verdienst des 7. Kongresses, diese Tatsache konstatiert zu haben. Und es ist zweitens klar, dass eine solche Siedelung, wen» ihre Ausführungsarbeiten den Palästinagedanken nicht in seiner Kraft lähmen oder gar ersticken werden, zum mindesten die Judennot n*cht merklich lindern wird. Sollten also weiterhin die Agitatoren nach dem Beispiel des Herrn Dr. Jeremias mit diesem Argument arbeiten, so werden wir ihnen allenthalben erwidern müssen, dass sic zu dem, was sie zu leisten versprechen, nimmermehr imstande sein werden, sondern dass das, was sie hierbei leisten k ö nneu, ebenso sicher und zudem ohne Geiährdung des Zionismus von philanthropischen Gesellschaften geleistet werden kann. loh hoffe, dass, wenn Herr Dr. Gronemann seine aufklürendc Broschüre schreibe» wird, er sich dieses wohlfeilen, aber haltlosen Arguments nicht bedienen wird. , Mein zweiter Wunsch.ist kurzer zu besprechen. Man bat kein Recht, uns für die Anschauungen und das Vorleben einzelner Männer, die auf dem Kongress eine K;cutende Rolle gespielt haben, verantwortlich zu machen. Wir deutschen Pa-

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