Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651436--02889-2659793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 53S __ _JÜDISCHE fasscr, ihn zu lesen. Mir liest wie ihm an einer Verständigung, für die ich. wie ihm bekannt sein wird, in Basel Opfer zu bringen bereit war. Dass Misstrauen soll aufhören. aber wie kann das gesclichen? Zunächst einmal muss die Befehdung der ״Politi* sehen“ aufhören, was um so zweckmässiger wäre, als in Deutschland die Z:onc־Zion doch eine kleine Minderheit sind. Mit gutem Beispiel muss unser Parteiblatt vorangehen, das ja das Organ aller sein soll. Dann müssen die Konvcntikcl ein Ende nehmen. Herr Schachtel bedauert, dass ich nicht ir, Fteiburg war, wo man sich vielleicht hätte verständigen können. Nur konnte niemand von uns kommen, weil wir nicht cir.geladcn wurden und das Ganze so heimlich vor sich ging, dass ich z. B. erst in Base! von der Freiburger Besprechung erfahren habe. Wenn wir demzufolge misstrauisch wurden, so wird uns das bei gerechter Würdigung der Verhältnisse niemand verübeln können. Aber wir wollen uns gerne selbst überwinden, wenn wir sehen, dass unsere Befürchtungen ungerechtfertigt waren. Dazu gehört, dass d:e iriedcnswilligcn Zione-Zlon den Radikalismus im eigenen Lager niederkümpfen und mit Müssigung Vorgehen. Wir sind durchaus nicht Kämpfer um des Kampfes willen u :d ־wissen sehr gut. dass die Bewegung das nach üueni Kongress wie diesem nicht verträgt. Aber zur gegenseitigen Annäherung gehört Zeit, und deshalb wäre ein Pelegiertcntag jetzt so ziemlich das schlimmste aller Ucbcl. Glaubt jemand dass mit der Annähme von ein paar noch so gut gementen Resolutionen prinzipielle Streitpunkte beseitigt werden? Im besten Fal'c wird ein üusserlicher Frieden erzielt ־ - aber das ist ganz unwahrscheinlich. Viel eher ist anzunelunen, dass die Heiss• sporne vollzählig erscheinen und verseuhen werden, sich auf dem deutschen Delegiertentag die Mehrheit zu sickern. Und gelingt das, dann fahrt die Minderheit erst recht verbittert und verärgert heim. Und was dann? Dagegen wird die Zeit schon die Gemüter beruhigen, wenn keine besonderen Zwischenfälle eintreteii. Dann wi.ü auch die Einigung zwischen allen denen erfolgen können, die Palästina al» Endziel wollen. Und zwar nicht au! Grundlage der Ncbenläuder, denn über diese Frage sind wir ja schon ohne Kompromiss einig. Sondern auf Grund e:res Kompromisses, das den letzten Kongressbeschluss insoweit ändert, als andeie Länder ״lediglich als Mittel“ zur Erlangung Palästinas mit in den Kreis unserer Politik einbezogen werden. Das wird von der Gegenseite mit Leichtigkeit konzediert werden können, wenn das allseitig beklagte Misstrauen geschwunden sein wird. Dam lediglich diesem Misstrauen entspringt ja die Verdammung' andercrfLänder a!s Mittel unserer Politik. Wenigstens ist mir ke:n anderer Grund bekannt geworden! Dieser Kompromiss wird־ durch das Bestehen der jüdisch• territoria'istischcn Organisation sehr erleichtert. Wer neben Palästina noch Augenblicksliilfeii wünscht, kann der neimii Partei beitreten, wie den! Esra oder anderen Wohltätigkeit*• vereinen, und dort seine Ziele verfolgen. Im Zionismus wird er dann urn so leichter ausschliesslich Palästina als Endziel anerkennen. Im übrigen ist die Herzfsche Politik des do ut des die allein mögliche und eine Augcuhlieksarlieit in Palästina nur so weit zu unternehmen, als die Erforschung des Landes und eine Unterstützung d?s eingeborenen F.leircnts in Frage kommt. Eine Kolonisation im kleinen Massstab ist für u־׳s zwecklos und bringt uns aufs Niveau der Kolonisationsveneinc. eine Grosskolouisatioii ist unmöglich ergo müssen wir d:e Hand davon lassen. Der nächste Kongress wird, so hoffe ich bestimmt, diesen Standpunkt cjuiehmcn. Und wenn die Deutschen daun einig sind, wird ihnen der Einfluss von selbst wieder zufalleil. d‘.־ ihnen auf dem letzten Kongrc.'s :nf״lgc der äusseren Veiliältnisse verloren gegangen ist. RUNDSCHAU.. ___. _____־ •°אR Zum Schluss noch eine Bemerkung. Es ist zwar weder Verrat noch Meuterei, wenn mau gegenwärtig die Hände in den Schoss legt. Aber es ist die höchste Unklugheit. In׳ Leben und in der Politik s;cgt nur. wer kämpft. Wer beiseite steht, wird nicht herbeigerufen, sondern vergessen. Wollen wir unseren Anschauungen zum Siege verhelfen, so müssen wir dafür tätig sein und nicht das Gewehr hei Fuss stellen. Dazu ist umso weniger Anlass gegeben, als Auseinander- Setzungen über die innere Politik überhaupt nicht in öffent• liehe Versammlungen gehören. Nach aussen hin haben wir eine geschlossene Phalanx zu bilden, unseren Gegnern dürfen wir keine Lücken in der Schlachtreihe zeigen. Aber hüben wie drüben wird gelegentlich vergessen, dass ״Politische" um! ,Zionc-Zion“ noch hundertmal mehr gemeinsam haben, a's Ziomstcu und Assimilanten. Also: Fort mit den! Misstrauen! Dr. A d o I f F r i e d e m a n n. $ « * .... Drei Wünsche zur gefälligen Kenntnisnahme*) Urn einem dringenden Bedürfnis nach weiteren Spaltungen ahzuliehVn, hat sich innerhalb der zionistischen Partei ein :.euer Verband aufgetan. Wir werden uns zwar durch diese betrübende Erscheinung in unserer Ansicht und unserer I'reink darüber, dass der letzte Kongress zum Segen der Bewegung eine Klärung der höchst verworrenen Situation herbeigefiilirt hat, nicht beirren lassen; ist doch gerade diese Spaltung ein Ausdruck d.r erfolgten Klärung. Aber eine betrübende Erschelmmg ist cs jedenfalls — nicht dass sich die Kongressminorität zur Verfechtung ihrer Anschauungen organisiert hat (denn einen solchen Schritt mag man rieht billigen, die Bercchtigung dazu lässt sich aber nicht bestreiten), sondern dass einzelne Leiter des Verbandes in mehr oder minder deutlicher Form der gesamten Bewegung eine vorläufige Absage erteilt haben, und dass sich ferner die Mitglieder des Verbandes für die einzigen und wahren Vertreter des politischen Zionismus und der Herzischen Ideen halten. ״Wir von der Kavallerie, mit uns allein lässt sich reiten." Der Verband Lat *ür sich das Monopol der jüdisch-politischen Zionsbcwegtttig in An- Spruch genommen und sich einen Natnen beigelegt, der als ein Aushängeschild mit der Aufschrift: ,.Hier allein echt zu haben!“ dem Unkundigen andeuten soll, dass der Konkurrent nur Talmiwarc anzubieten habe. Das Objekt, um das sich die beiden Parteien streiten, Ist ein theoretisches Land, vn» dem die Politiker bislang rieht wissen, erstens, wo es liegen wird, und zweitens, ob cs überhaupt wo liegen wird. Auel, über die Wahl des Erdteils hestehen bisher nur Vermutungen. Es kann Surinam sein, aber wohl auch die Philippinen; auch Ostafrika wäre nicht aiisgeschlossen, 11.zw. die Mandschurei. ״Wer kann wissen?” Man studiert im wahrhaft zionistischen Lager eifrigdie Landkarte nicht der Türkei, sondern der beiden Hemisphären. Schon die ersten Kundgebungen forderten die ■tksinmmgsgenossen nicht zur Propagierung jener Ideen auf, sondern zum offenen Kampfe gegen die zionistischen Gegner. Aus Posen erscholl das Kommando: ״An die Gewehre!", und •11 Berlin stand man •bereits ״Gewehr bei Fuss". Ich würde zwar den Herren, die so fürchterlich mit Gewehren herumhantieren. raten. d׳ese gefährliche» Instrumente fortzustellcn, da sie in erregten Momenten leicht losgeh.n und - - wer vveiss, wen vielleicht ihre eigenen Träger treffen könnten. Mit drohender Gebärde haben ui’S einig•: Herren sogar in Aussicht gc- *) Diecer Artikel war bereits zur vorigen Nummer engegangen, hatte aller Raummangels halber Zurückbleiben müssen. Anm. der Red.