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Jüdische Rundschau · 1905-10-13 · Heft 41 (13.10.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 524 J ÜDISC H E RUNDSCHAU ___________ No. *41 Ein anderes kam hinzu: wer kennt nicht das alte Misstrauen des religiöse» östlichen Juden gegen die Religiosität des westlichen, gegen seine ״Jüdisch keit“? Sollten die Westler wirklich so ganz hei der Sache sein, die, wenn auch nicht gerade das Religiöse, so doch das Jüdische betraf? Das war die sch regende Frage. Herz! bewies durch seine Person das Unsinnige dieses überkommenen - Misstrauens für sich, ab.r nicht für alle anderen. Und mm roch ein drittes: Der moderne Zionismus trat ins Leben als ein politisch-diplomatischer. In der Diplomatie aber sind bekanntlich die Worte dazu da, um die Gedanken zu verbergen. Wenn das von der Diplomatie gilt, ob nicht bei den Diplomaten auch ausserhalb des Berufes vielleicht eben das Gleiche •st? Man begann gar zu vielfach in allem, was Zionisten sagten und taten. ,.Diplomatie״ zu sehen, man gewöhnte sich das Zweifeln (das ohnehin ja schon altes jüdisches Erbe ist) noch mehr an, man misstraute allem und allen. Wo man hinsah und — wo man noch hinsicht. Zweifel und Misstrauen. Das aber ist die Ursache der traurigen Situation, der wir Zionisten heute vor allem in den deutschen Landen hegeguen. Das ist das übel, an dem wir kranken. (Ich muss betonen: nicht etwa die Diplomatie ist dieses übel, aber das Misstrauen, das sie mit verschuldet hat.) if Das jetzige so gefährliche‘ Stadium beginnt mit dem VI. Kongress und mit Uganda. Schon während des Kongresses hörten wir die verschiedensten Begründungen für die Notwendigkeit, dass die zionistische Organisation sieh mit Uganda befasse, so verschieden, dass eigenlicb. eine die andere erschlug. Es ist gesagt worden, Herz! war es ganz ehrlich einzig und allein um die p o l i t! s c 'i e Wirkung des Angebotes selbst zu tun. So scheint es auch mir. Aber s.aic näheren Freunde, sozusagen seine Leibgarde — man wird mich hoffeiitlieh nicht missverstehen —• mussten natürlich herzTschet als Herz! selbst sein. Und so sel.cn wir sie zu einem Teil an die tatsächliche Besiedelung Luandas denken — mehr oder minder gross — andere wollten es ganz. Sür Palästina einsetzen, von diesen wieder sagen einige das offen heraus, andere handeln dementsprechend. Die Verwirrung, die Herz! sicher nicht itn entferntesten geahnt, war da. Adolf Friedemann erzählt ln No. 37 der JÜDISCHEN RUNDSCHAU, Hcrzl habe ihm nach der Abstimmung über Uganda gesagt: ״Ich werde niemals nach Uganda gehen. Ich habe die schwersten Tage meines Lebens hinter mir. denn ich war gezwungen für eine Sache aus pol tischen Rücksichten ei uzu treten, der ich innerlich ganz fernstehe. Es gibt Augenblicke, in denen man vor dem Mittel nicht zuriickschrcckcn darf. Eine Ablehnung des Anerbietens ist poetisch unmöglich. Aber die Expedition wird kein günstiges Resultat bringen. Und darn werden wir der englischen Regierung sagen: Zwei Mal brachten wir vergeblich grosse Opfer, jetzt verhelft uns zu dem, was wir erstreben.” (Die Unterstreichungen sind von mir.) Zunächst: Warum hat Dr. FrieJemann solche so wichtige Worte dem Kongress, bei dem er doch anwesend war, vorent- Lalten, und durch sie auf den Kongress nicht vorder Abstimmung über die Antwort au Britannien, wie Orcenbcrg und Martnorck, zu wirken gesucht? Mir will scheinen, dass dies eine schwere Unterlassungssünde war. Oder hatte er Gründe? und welche? Ich glaube Friedcmanns Worten, aber ein anderer widerspricht ihm. dem andere vielleicht mehr Glauben schenken: Israel Zangwill. In seinem Kongressbericht (WELT. No. 3S) stellt er es so dar, dass Herzl’s ausgesprochene Absicht war, nach Uganda zu geh.!!. Herz! soll ihm prophezeit haben, ״dass der VH. Kongress der letzte sein werde, weil er glaubte, dass der Schwerpunkt der jüdischen Welt dann nach Ostafrika verschoben werden müsste.‘• Wie verträgt sich dieses mit Friedeniaim’s Zitat? Wer spricht die Wahrheit? * Ich glaube FoeJemami's Worten, nicht nur deshalb, weil sie mir hcrzi'schcr scheinen, sondern weil Zangwill bereits den ersten Te:l d.eser angeblichen Prophezeiung auf dem Kongress missbraucht hat. Er sagte da: ihm habe Hcrzl schon gesagt, der VH. Kongress wurde der letzte sein. . . . Dies sagte Zangwill ohne den jetzt augefiigten begründenden Zusatz. Was wohl einen gewaltigen Untersclncd ausmacht. (Es sei übrigens hier hervorgehoben, wieviel gerechter andererseits Zangwill. Ussischkin und die Koiigressmaiorität beurteilt, als di־׳ deutschen Vcrbäudler, die sog. ״politischen Zionisten", es tun). Doch: Zweifel au dein, was Hcrzl mit Uganda wollte, sind nun einmal so hervorgerufeu. Sehen wir uns jetzt die in Deutschland gegen die Kongressheschlüssu gefassten Resolutionen an. Wie gehen da die Meinungen auseinander. Du einen wollen die Infragcsetzung eines Territoriums als politisches Mittel, die andern wollen die Besiedlung zum Zwecke der L'tidertmg der Not und die dritten als Ersatz i.r Palästina. — mehr oder weniger ausgesprochen. Jede Gruppe aber reklamiert Hcrzl für sich, und sie alle haben sich dem ..Verband politischer Zionisten" aiigeschlossen, der programmmüssig die Besiedlung eines Territoriums als polttisc’tes Mitte! wid. Wer sag! liier die Wahrheit, der Gesamtverband «der welcher Einzelne aus seiner Mitte? Da ist doch bei solche:: W idersprüchen grade genug Au- ' lass zu Zwcitvl und »־•och mehr zu Misstrauen. Hinzu kommt, dass nachgcn iesenerinasscn solche, die um die Zeit des VI. Kongreßes in der Öffentlichkeit Uganda nur als politisches Mittel wollten, im privaten Kreise damals bereits eine erheblich weniger Palästina treue G.siuming dokumentierten. Dem Verband geboren auch Männer an, die trüber itn Interesse des Zionismus jede Opposition mit allen Mitteln unterdrücken zu müssen, glaubten, mm aber es richtig finden, durch schärfste impol tische Opposition die Bewegung nachweislich zu schädigen. Oder was soll mau zu jenen sagen, die vor Jahren nicht g.mig sich freuen konnte!:, wenn ein Soziardemokrat (Landau. Syrkin etc.) aus der Bewegung hhrausgedräiigt wurde, und mm so entsetzt aiifschrcicu, dass die Bew egung den sozialdemokratisch-terroristischen Ast abgesagt ha! (mit eben demselben Syrien)? Das scheint doch eine Änderung in der Anschaumig zu sein, die nicht durch bessere Überzeugung herbei-! geiührt scheint, sondern zu Misstrauet allen Anlass gibt. ❖ Eine psychologische Erfahrung ist. dass der Mensch bei seinem Mitmenschen d i e Motive voraussetzt, die ihn selbst lenken. W ir sehen bei uns die Bestätigung: Die Zionc-Zion. oder richtiger gesagt, die, die sich den Beschlüssen des Kongresses :»nschlossen, erklären kbpp lind klar, was sie wollen, -י die anderen glauben ihnen nicht. Mau bekämpft nicht bloss das, was die Kongress-Zionisten wollen, sondern viel mehr wird, was diese von ihrem Wollen aussagen*. entstellt, man wittert dahinter Clmwcwe-Zionisnms. Warum? Weshalb? Weil Ussisclik-n vor Freiburg anderes wollte! Nun, Freiburg bat tut eben davon überzeugt, dass hir das. was er allein wollte, er im zionistischen Lager keine Anhängerschaft findet. Wenn Ussischkin und die Freiburger Chow.wc-Zionismus wollten, warum hätten sie es nicht sagen sollen? Dass sie die Majorität aut dem Kongress bilden würden, wussten sic in Freiburg hereits. Also was sollte die ״Unpolitischen", die ..Undiplomatischen", veranlassen, in Freiburg plötzlich so ״politisch-diplomatiscb" vorzugehen. dass sie anderes sagten als sic wolHen? Wer die Freiburger Verhandlungen keimt, weiss, dass Freibürg keine Verschwörung war. sondern eine Einigung derer, die tatsächlich nur Palästina als Endziel wollen, eine Einigung, um einer, etwaigen inneren Zwist auch unter ihnen für den Kongress zu verhüten. Es i>t bedauerlich, dass Männer wie Friedcmaim, der doch auch f a ästiua als einziges Ziel will, nicht in Freiburg w aren.

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