Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Se,ite 509 zu erörternden dritten Möglichkc't. Die westlichen Juden schlugen den zweiten Weg ein. Sie suchten der Zurücksetzung zu entgehen, durch das traurige Mittel der Assimilation. Die in ihrer Existenz bedrohten östlichen Juden behaupteten stolz und kühn ihre E getunt und schlossen sich den politischen (huppen ihres Vaterlandes an. welche die Aenderung der gescllschaftlichcn Ordnung und der Reg'erungsform sich zum Z'cl gesetzt hatten. Man dar! heute, nach bald hundertjährigen Assimilationsbcstrebungcn wohl behaupten, dass diese Art der Lösung der Judenfragc absolut bankrottgemacht hat. Abc» auch der andere Weg kann -- bei der heutigen Lage der Dinge - als in absehbarer Zc't ungangbar betrachtet werden. Seihst wenn die völlige soziale Emanzipation der Juden 1. Russland. Rumänien. Persien usw. erreicht wird, ist zu er* warten, dass die bislnrg gesctzl'-ch sanktionierte Bedrückung der Juden zu einer von den Volksinstinkten fortgeüihrten wird, und dass bestenfalls sich e'ne gesellschaftliche Judcrimt entwickeln wird, wie es im Westen der Pall war. Der beste Beweis für die Uumöglichke t eines Itarntomsclk-u Zusammengehens aller unzufriedcncii, nat'onal verschiedenen liietneme wild von der sozial stischen Organisation Russlands seil»*t geliefert. Die Verschiedenheit dir Interessen und der nat Onalcn Eigenart ' t׳ss aus der ursprünglich einheitlichen Mas'0 die lettische, pcluische. armcnisclic u;׳d jüdische Organ'satiou hervorgehen. Und diese Scheidung st nicht etwa c're rein äussci'iche, soiidem e'ne prinzipielle so dass schon mehrfach Schw•icrigkeitct! bei gemciosntn geplantem Agieren zu Tage traten. Die AI»־ Spaltung des . Bu: d.-.s" aus der programmatisch auf gleichen* •Joden sichenden sozialdemokratische!! Organisation in Russ laml ist der haste Beweis für die Eigenart der jüdischen lntcrcsseit, welche nicht durch territ״rulc u!!J nicht durch wirb schaftl ehe Grenzen bestimmt sind, sondern auf dem spezittsehen, dem jüdiscl.eu V«>lke als solchem eigentiim’ichen Volks- Charakter hcuilun. Diese Erkenntnis musste dahin führen, die Juden in ihrer Gesamtheit zur gcme'nsamen Lösung de» Judennot zusanmienzusc! 1;esset, sic ohne Riicks'eht aui die Landesgrenzen vom .,völkisch.!>" Standpunkte aus zu «irga-;־ seren. S״ entstand de interterritoriale nationale Judenhc- "׳cgimg, deren polit'schcs Ziel das zionistische Programm darstellt. Das zion'stischc Programm, welches eine gisehichthchc Notwendigkeit .'st steil! die radikale u!׳d universelle Lösung der Judenfragc dar. Das he:sst,. wenn es erfüllt ist, hat die Judennot aufgehört zu ex stieren. Es ist. wie al'e politischen Programme ein Zukuuftsprogramm u J bildit au sich kein Mittel zur augenblicklichen Hilfe*. Diesem Mangel sucht eine im Zionismus neu entstandene Bewegung, der Tcriitorhlismus. durch c'n neues resp. ergänzendes po’lt sches Progiamm alizuhelfen. Indem diese Richtung die Ursache der Unmöglichkeit rascher Hilfe in der Landfrage S'cht, streicht sie mehr oder w eniger rad kal Palästina aus dem ziou'stischen Programm. Ich will von der Erörterung abschcu. dass kein Land der W'elt imstande ist. uns c'n zusammenhängendes Territorium zu neben, das nach seiner (»rosse und Anhaufähigkeit dem jüdischen Volke für eine we'tcre Zukunft oder auch nur iiir sJuc jetzigen Bedürfnisse genügt: und dass uns mit e uer Mchr/MiE jüdischer StaatcngebilJe an xerschiedenc!: Punkten der Erde *1'clit g.- Jie-ut wäre. Unser Unglück, das aus unserer Zersplitterung resultiert, würde durch eine neue Eornt der Dispersion viel- Ic'cht eine andere Gestalt aunehmen, aber sicher nicht bese lig! werden.•־-- Der springende Punkt ist. dass die soiort.ge Ina ־ griftnahme sielt uns bietender Territorien aui vi״lc Jahre hinaus kaum eine merkliche Abnahme der N’ot hewirken kamt. Die Rangerung eines neue״ Staates im Innern, sciae Eiuacdnung in die Außenwelt, die Schaffung von Ahsat/geh'ctcn iiir seine Produkte, kurzum seine gesamte Entwickelung nach innen und aussen kann nur ganz allmülil eli v״r sich gehen; dadurch wird alrcr das Bestreben der Territorialisteu. die eu.o rasche Bese tigung des furchtbaren Elends erhöhen, iUusopsch. Der augenblicklichen Not kann nur ein wirtschaftlicher, kein pclit'sches Programm abhelfcn. Das wirtschaftliche Gegenwartsprogramm bildet die notwendige Ergänzung unseres politischen Zukunltsprogramms. Es ist klar, dass das wirtschaftliche Programm je nach dem Lande, ln dem cs zur Anwendung kommen soll, ein verändcrliches Gepräge tragen muss. Die Verfassung, die ükonomb, das allgemeine Kulturnivcau auf der einen, die Art der Judennot und die territorial verschiedenen Interessen der Jud 1* auf der anderen Se tc. gestalten die Forderungen verschieden. Das Ziel ist überall die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der Juden. Ebenso wie wir das geschlossene Zusammengehen Aller als Voraussetzung zur Erreichung uttseres politisehen Zieles kennen gelernt haben, wird unsere nächste Autgäbe auf wirtschaftlichem Gebiete die Sammlung und Organ!- sation aller Juden Innerhalb der verschiedenen Interessen- Sphären sein. Dabei stützen wir urs auf die ausgezeichnet durchgetültrte zionistische Organisation. Innerhalb der so geschaffeneii Zentren werden dreierlei Aufgaben zu erfüllen sein. I. Aufstc'lung für Alle gemeinsamer Forderungen, 2. Auf- Stellung Spezieller Forderungen für d e einzelnen Interessenverbände. 3. Auircchterlialtung der Verb ildung untereinander und mit der politischen Organisation. 1. Die iiir Alic gemeinsamen Forderungen werden t.inziclcn auf die Beseitigung bestellender gesetzlicher oder gewohnhe tsmassiger Beschränkungen der Juden, auf die Hebung des ailgen!.-.'neu Kulturn'vcaus. des körperlichen Zustandes etc. Dieses Ressort wird sich mit der Auswanderung im allgemeinen zu I .fassen, ihre Richtung und ihre Abwickelung zu regeln naben. Kurzum, alle diejenigen Faktorei*, welche an der spezifischen Not der (k-sarntjudeiilteit eines Landes beteil gt sind, werden von dieser Abteilung berücksichtigt werden müssen. —- Es ist klar, dass diese Aufgaben sch vielfach decken werden nnt solchen schon bestehender jüdischer oder parteipolitische! Landesgruppen. Daher w'rd die Aussicht auf ihre Durchführharkeit gesteigert werden, und cs wird eine Annäherung ae• gebahnt, weiche .auch unserem politischen Ziele nur von Vorte'l sein kann. 2. Die Schaffung von Untergruppen wird im wesentlichen von ökonomischen Gesichtspunkten auszugehen haben. Diese Untergruppen w'rd d're Gemeinsamkeit der Bcrufsiutcressen zufsmmcnführcn und sic werden das Fundament der grossen Organisation abgehen. Der Anschluss jüdischer Handwerker. Arbeiter od:r Gewerbetreibender att bestehende nationale oder sozialdemokratische Genossenschaften •hat sicli durchgängig nicht bewährt- Die jüdische Eigenart, weiche *m Erwerbs-!eben unbestr'ttencrmassen als spezifische hervortritt, bedart auch spezifisch jüdischer Schutzorganc. Ucberdes existiert c:t1c Reihe äusserer Faktoren, welche die Intcicsseu der auf anderer Basis organisierten Genossenschaften nicht tangieren, auf das Erwerbsleben der Juden aber von grossem Einfluss sind. Trotzdem wird cs sclbstverständl ch eine Reihe von Auigaben geben, welche s'c zusammen mit anders zusammengesetzten wirtschaftlichen Verbänden zu lösen imstande sind. Zu d:eser Abteilung würden insbesondere auch Oigamsatonen jüdischer Einwanderer gehören. Ihre Interessengemeinscliaft liegt in der Schwierigkeit der Aneignung fremder Kultur und der Unbekanntschaft mit den Landesgewohnheiten. Es dürfte von Interesse sein, hier zu erwähnen, dass eine derartige Organ'satiou unter anderen Orten auch in Berlin entstanden ist. Jüdische Immigranten haben sich zu einem Verein (,.jüdischer V o 1 k s v e r c i 11") zusanmtcng;schlossen. welcher seinen Mitgliedern das Fortkommen im ikucii Vaterlaude erleichtern soll. Sein Ziel sucht er unter Ikrücksient gung des besonderen Entwiekelungsgangcs der Einwanderer durch kulturelle (Unt.rrichtskurse etc.) und wirtschaftliche (Arbeitsnachweis etc.) Mittel zu erreichen. "ו'•■,*!?•?׳יייי״ייי־ד •^ייווי" ייייווייי