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Jüdische Rundschau · 1905-10-06 · Heft 40 (6.10.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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schliesst und uns bisher in Liebe vereinigt hat, für eine grosse Sache, wieder enger um uns zu schlingen. Ja. wäre die höchste Zeit, uns z!r versöhnen, die kleinen Dinerenzen zu 'begraben oder wenigstens ruhen zu lassen, und zu begreifen, dass man in kleinen und auch grösseren taktische״ Tragen sehr wohl verschiedener Meinung sein, und doch in der grossen Grundidee einig bleiben kann. Wenn nur jeder sich bewusst wird, dass er, er selbst mit Teil tmd Schuld hat an der Spal tung, wenn cs zu einer solchen kommen sollte. Und diese Spaltung wäre der Anfang vom h: de. Gewiss, wenn wir auch alle zugeben tnii^sen. dass wir gesündigt haben gegen den Geist der Einheit und Einmütigkeit, so wollen wir doch immer von tinsern abweichenden Gcsinnungsgenossen nicht mehr als von uns selber an nehmen, dass die Fehler rieht mit Absicht sondern in; Irrtum begangen sind. Nur so komrrtq! wir über unsere eigene אמיץ הלב hinweg, über den Eigensinn, dessen wir uns nur bei denen bewusst sind, die anderer Meinung sind als wir gerade selber. Darum hat cs für uns so grosse Bedeutung, dass sich am Jom-Klppur das ganze Volk als Sünder bekennt. Aber das eine müssen wir uns immer wieder vorhalten, dass wir bei uns se 1 be r anfangen müssen. Es ist ja viel leichter den andern zu korrigieren als sielt selbst, aber wenn wir nicht das genügende Mass von Selbstkritik an uns tmd tl'scre eigenen Taten legen, so werden wir nicht dazu kommen, der zionistischen Partei in Deutschland den inneren frieden zurückzu־ geben, dc.ssen sie zur Entwickelung nach aussen und auch nach innen dringend bedarf. Alles was wir uns in den letzten Monaten gegenseitig gesagt haben, konnte mit derselben Aufrichtigkeit und mit viel mehr Ruhe gesagt werden. Aber der Jom-Kippur würde seinen Zweck verfehlen, wenn er das GesJhehcnc wieder herzählte, um zu richten und zu urteilen. Im Gegenteile müssen wir uns von dem Vergangenen abwenden zur Zukunft, in der uns die Einigkeit durch gemeinsame Arbeit verbürgt ist. ,.׳סל ובלו פנו-דרך הריבו כנשול כדרך עבד ״Bahnet, bahnet räumet den Weg, hebt hinfort jeden Anstoss aus dem Wege meines Volkes,“ so ruft uns am Versöhnt? ■gstage der grösste Prophet 7.1t, den wir seit den Tagen unseres Lehrers Moschch hatten. Jescltajah, der Mann, der sein Volk mehr liebte als irgend einer, und der ihm daher auch manche bittere Lehre mit auf den Weg geben, manchen herben Vorwurf nicht ersparen konnte, er ruft uns auf zur Einigkeit, und zur Gerechtigkeit gegeneinander. Den Weg müssen wi־׳ bahnen nach Zion, den Anstoss aus d?!n Wege räumen, den die Uneinigkeit dort amgetünnt hat. Nur ein e i iges jüdisches Volk wird die Freiheit zu erringenvermögen, und nur •eine einige zionistische Volksbewegung wird imstande sein, dem Volke diese Einigkeit zu erkämpfen. An Jom-Kippur wendet! wir uns an jene Macht, die in Israel die Einigkeit dar* stellt, an jene geistige Kraft, die unseren Stamm geschaffen und durch Jahrtausende der nationalen Herrlichkeit und des nationalen Elends erhalten hat, an lene Geist der Einheit und Einigkeit, der unsere Zukunft in Ewigkeit verbürgt, um von ihm die Hilfe zu erhalten, deren wir dringend bedürfen. ״Rufe mit lauter Kehle, halte nicht ein! Wie ein Schofar erhebe deine Stimme und verkünde meinem Volke sein Unrecht und dem Hause Jak^b seine Sünden Da suchen sie nach mir Tag für lag und begehren mciYie Wege zu erforschen, gleich einem Volke,, das das Rechte getan!“ Auch an uns ergeht noch der Ruf unseres grossen Volksrcdners Jeschajah, Einkehr zu halten bei uns selber und zu begreifen, dass unser־ Fasten wertlos und abstossend ist. wenn ״wir zu Hader und Streit fasten, um mit ungerechter Faust dreinzuschlagen.“ Nein, ein solches Fasten sei uns fern, Das wäre eine Entweihrj-g des Tages, der uns allen, welcher religiösen oder un’religiöseyi Richtung wir im Juden• turne angehören, die Weihe trügt, dass \v׳r in uns gehen wollen, um besser und vernünftiger zu werden. Ein Versöhnungstag *oll es sein. Ein Tag. rn dem wir das Tre1mc .de vergessen, nicht mir bis zum Ende des Ne»־ Iah- Gebetes. Ein Versölimingstag soll es sein. Ein Tag, au dem wir vor allem beginnen, alles Persönliche aus der sachlichen Debatte avszuschalteii und u»!s erinnern, dass dieselben Iaute.n1 Absichten, von denen wir uns Ceitcti lassen, auch dem iimcwohncn, der eine andere Meinung für richtiger hält als wir. Ein Versöhnungstag, an dem wir uns zu erkennen bemühen wollen, dass nicht nur wir Recht haben, sondern dass wir gut tun, tJisere Meinung mUerzuordner. unter den Willen der von uns selbst gewählten Leitung. Aber es wäre verkehrt, andere zum Frieden zu mahnen, ohne selbst zur Versöhnlichkeit bereit zu sein Wer für den Frieden cintreten will, dar! nicht dem, den er für den Frieden gev innen will, Dinge vorrechnen, von denen er erwarten muss, dass sie ihn erregen oder erbittern müssen. Vor allem aber muss er selber damit beginnen, atiizuhörcn, die trennenden Momeiitc zu betonen und die verbindenden im Hintergründe zu lassen. Auch wir selbst haben — wir gestehen es ein — schon zu viel über dem Trennenden im Zionismus die Arbeit nach aussen vernachlässigt. Wir selber müssen, ohne ci!1 Opfer des Intellekts bringen zu brauchen, wieder mit der eifrigen Arbeit zur Ausbreitung und Ausweitung des Zionismus beginnen, und wir werden gewiss bald Mit- Streiter haben, die heute scheinbar in einem andern Lager stehen. Wir haben alle Vertrauen, zu dem neuen Leiter unsere/ Bewegung. Aber di;s Vertrauen darf kein platonisches bleiben, indem wir durch Uneinigkeit seine Arbeit erschweren, sondern muss sich in Taten umsetzen. Jeder neue Zionist, den wir gewinnen, ist ein Vertrauensvotum für itnsern neuen Führer, wie er es ge.wiss selber wünscht. Wir brache n Herzl dieses Vertrauen und diese Treue entgegen und unter den deutschen Zionsarbeitern ist kein einz:ger, der Herzl jemals die Treue gebrochen hätte, — aber um so viel, als Wolifsohn sich erst die Stellung erringen muss, die Herzl besessen, um so viel mehr bedari er dieser Treue und dieser freiwilligen Unterordnung unter seine Leitung. Wir müssen Vertrauen haben. Aber wir haben auch dieses Vertrauen! Wir wollen und müssen es ihm beweisen, dadurch, dass wir :hm seine Arbeit erleichtern und nicht erschweren. Jeder Streit unter uns ist gleich einem Misstrauensvotum gegen den Leiter der Bewegung und jeder Erfolg nach, aussen durch Propaganda, nach inr.ch durch Selbsterzlchung ist ein vollgiltigcs Vertrauensvotum für de־! Führer. Wir werden uns selbst überwinden und manches Wort unterdrücken müssen, das wir gern ausgesprochen hätten, das aber vielleicht einen andern verletzen könnte. Dann können wir hoffen, dass wir durch Einig• keit zum Siege gelangen. Der Versölimingstag stellt vor der Tür. Er crinnert uns, dass wir ci)1 Volk von Brüdern sind, Söhne eines Vaters, Kinder einer Mutter. Zu Frieden und Versöhnlichkeit mahnt er uns. Der Ernst des heiligen Tages möge n!oht vergeblich an uns herantreten, damit nicht der Zionismus dein Eintagsgewächs gleiche, das über Jonas Haupt in einer Nacht emporwuchs. Der Zionismus soll kein solcher ✓

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