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Jüdische Rundschau · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite •199 Mein Judentum Von Oskar Nathan. Nachdenklich sitze ich au meinem Schreibtisch. Unter den Büchern, dk in wirrem Durcheinander vor mir liegen. fallen mir zwei auf. Woher das? Allein durch ihren gleich schlichten Einband? Ich sehe die Bibel und den Tacitus.vor mir hegen. Ich denke zurück au den Tag. als aus der Thora der Abschnitt über die Gesetzgebung verlesen wurde. Wfcbcjissem li am sstyuloh nrikol haamim. -- Ihr sollt mir sein ein auserwähltes Volk unter allen Völkern, und dann erinnere ich mich einer Lateinstunde in Oberprima, als ich im Tacitus las. Die Juden — das auserwählte Uottesvolk — seien das odium generis humani. der Schandfleck der Menschheit. Das (jesicht, da einem seltsamen Paradoxon gegeniiberzustehen. Hisst mich nachsü*** m. und da stelle ich mir zwei Fragen: Was tun so viele zielbewusste Assimilautcn. die Mischehen eingehen oder sich taufen lassen, anderes, als ihrer Mitwelt weismachen. Tacitus habe recht, die Juden das odium generis humani zu titulieren? Und was tun so viele Orthodoxe, welche die Existenz einer jüdischen Nation leugiun. anderes, als ihrer Mitwelt weisniachcn. die göttliche Offenbarung spreche von dem auserwählten Volke nur als dem Träger der Missionsidee in etliischreligiöser Beziehung? Diese beiden Tatsachen erklären mir den Zusammenhang zwischen dem Volke aus der Bibel una jenem aus den Historien. Sie erwecken in mir das Bewusstsein, dass cs kein odium ist .dem jüdischen Volke — angeblich dem odium generis humani — anzugeliöreii. sondern eine hohe Ehre, ein Soim des Volkes zu sein, welches die heilige Schrift das auscrwäblte nennt. U1:d diese Erwägungen veranlassen mich, über mein Judentum nachzudenken. Ich bin Jude, weil ich traditioneP.-gcsetzestrcu und weil ich Zionist bin. Ich bin traditioncll-gcsetzestreu. weil icli der Überzeugung lebe, das Judentum als Religion müsse ebenso gehegt und gepflegt werden wie der nationale Gedanke. Ich war eesetzestreu, bevor ich Zionist war. doch kann ich nicht verkennen, dass, wenn ich so sagen darf, auf die Freudigkeit in der Aus- Übung meiner religiösen Pflichten der Zionismus erfrischend und wohltuend eingewirkt hat. Das Judentum ist d:r Träger des!Monotheismus, der Inbegriff und Knotenpunkt schlechterdings aller ethischen Grundsätze, mögen sie nun später ausgebaut worden sein oder nicht. Die gewaltigen Forschungen der Naturwissenschaften haben es nicht vermocht, mich zu dem Ergebnis zu bringen, dem Glauben an einen einzigen Gott und an die göttliche Offenbarung zu entsagen. Und ich befolge die Vorschriften des religiösen Judentums, weil ich in ihnen die Nonnen erblicke, die das Judentum als Religion zu erhalten einzig und allein imstande sind. Das Judentum als Religion! Ist es denn mehr als das? Jawohl, es ist auch eine Nation. Und weil ich an die Existenz einer jüdischen Nation daube. dünkt cs mich eine heilige Pflicht, das Geschick meiner Stamniesgcuossen zu bessern! Die Judennot hat zwei Formen, eine sachliche und eine sittliche! sagte Nordau auf dem ersten Zionistenkongress. Wenn ich an das Ritualmordmärchcn. au Kisohincw. Mohilew. Shitomir — und 'Nie allo die traurigen Schaustätten russischer Progroms heissen mögen — denke und andererseits überlege, dass gegen blinde, fanatische Glaubenswut, gegen wütenden, rabiaten Rassenhass Worte der AnikUirung nie und nimmer werden Erfolg haben können denn die niedrigen Instinkte dir Masse werden fa nicht ohne Geschick von hetzerischen Agitatoren und Demagogen ,durch den Hinweis auf die höhere Intelligenz meiner Stammesgenossen und angeblich sich hieraus ergebende KonscQucnzen genährt —. so ist es nicht Kleinmut oder Feigheit wenn ich׳ eine Konzentration der iüdisohen Massen ausserhalb Osteuropas befürworte. Ein Berliner Rabbiner sagte an! siebenten Pessachfeicrtag in einer nichtorthodoxen Gemeinde, die Religion genüge nicht mehr, um die jüdische Jugend um das Panier das Judentums zu scharen. Mit Recht wies er daraui hin. dass der Unglaube, wie in der ganzen Welt bei allen Religionen, so auch beim Judentume überhand nehme. Um die westeuropäischen Juden vor der Assimilation zu bewahren und überhaupt das indische Volk zu erhalten, muss es sich konzentrieren. Wo. kann nicZit einen Augenblick in Frage kommen. Nur in Palästina. nur auf dem Boden unserer Väter, auf dem Boden — des Baseler Programms. Und um an der Erreichung dieses hehren Zieles mitzuarbeiten, aühle ich mich verpflichtet wenn es nötig ist die grössten Opfer zu bringen. Nur eines kann und mag ich nicht bringen: meine Religion. Und da ich im Gegensätze zu dm haarspalterischen Einwänden nicht- oder antizionistischer Orthodoxer der Ansicht hin. dass Zionismus und Orthodoxi* in mir vereinigt sein können. ohne dass zwei Seelen in meiner Brust wohnen, habe ich nicht im geringsten zu befürchten, dass je das eine dem an- •deren wird weichen müssen. Darum stelle ich mich in den Dienst der guten Sache, damit bald der Tag komme, wo man nicht mehr hören wird, unsere grosse Bewegung sei eine Utopie, und damit er uns nicht als Phrase gedeutet werde, der Ru!» der allen Säumigen in unserem Lager aufrütteln sollte: . Civis Judaeus sum! Abdul Hamid Dr. A. Wirth. ein tüchtiger Volkswirt und Kenner des Orients, veröffentlicht im TAG einen Artikel über den Sultan, aus dem wir einige beachtenswerte Stellen glauben unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürien: ..Wir lehen in der Zeit der Massen. Im Welthandel, in den Heeren und Flotten, b.i den politischen Parteien, in dem Nationalitätenhader, bei der Konkurrenz ,der Industrie fuhrt die Masse das entscheidende _ M ort. Und doch ist die Krait der Individualität noch nicht erloschen. Zuweilen ist, wie einst in heroischeren Zeiten, das Einzel-Ich noch stärker als das Massenttim, stärker als der Gesamtwiile der Umwelt. Noch gibt es Reiche, deren Schicksal sich in dem Leben und Wirken eitles einzigen Mannes konzentriert. Die Geschichte der Türkei während des letzten Menschenalters war die Geschichte Abdul Hamids. _ Die Macht der Osmatien war im Niedergang, von allen Seiten drohte der Zusammenbruch. Der Sultan, der heute sein neunundzwanzigjühriges Regicrungsjubiläum feiert, hat das wankendc Gebäude wieder gestützt, hat das sinkende Schiff wieder flottgemacht. Mit Recht ist er denn auch als einer der grössten Diplomaten der Gegenwart gefeiert worden, ölanz und Ruhm winkt dem. der ein aufstrebendes Volk vollends zum Gipfel der Macht hebt, aber schwerer ist es. einem siechenden Baume neue Lebenskraft einzuflössen. den Wagen, der schon dem Abgrund zustrebte, aufzuhalten und seine Achse wieder bergaufwärts zu führen. Das war im Osmanischen Reiche nicht ohne blutige Kämpfe. nicht ohne mühselige Opfer möglich. Der Staat war bankrott. Feinde ringsum und Verwirrung im Innern, wogegen die Ulcma der jungtürkisehe Liberalismus mit seinen konstitutionellen Gedanken sich empörte. Auch Abdul Hamid war zuerst auf seiten der Reformer.£r verlieh Ende 1876 seinem Volk eine Verfassung und liess. von Midhat-Pascha beraten. Frühling 18// ein Parlament eröffnen. Während viele bei uns der fortschrittlichen Türkei jetzt zujubelten, hat mit dem ausgezeichneten historischen Sinn, der ihn befähigte, aus der Vergangenheit zu schlicssen. sofort Trcitschkc nach dem Zusammentritt des Parlaments dieses iür eine Posse erklärt. Es hat denn auch bloss einen Monat lang gelebt. Ein Wink für das heutige Russland! Sesshafte und Nomaden. Orthodoxe und Jungtürken, die Verehrung des Korans, der abein als Quelle auch des Staatsrechts gilt. unJ die Bewunderung abendländischer Zustände — wie batten die ie Zusammenwirken können? Stier und Hippogryph. ein hölzernes Eisen! . .... .. .״Nur mit Vernunft. Geduld und Zeit wird’s Maulbeerblatt zum Seidenkleid.“ Und ferner: die Türkei ist und bleibt •doch einmal ein mohammedanischer Staat. Die Methoden des Orients s’nd aber nicht die des Okzidents. So spricht inan viel von der Aqssaugungspolitik. die in Marokko das Magjizen gegenüber seinen Untertanen aasübc. Die Sache ist aber "einfach die. dass, wenn die marokkanischen Stämme nicht brav Steuern bezahlen, sie sich Gewehr und Rosse anschaffen. und souort das Maghzen bekämpfen. Ähnlich in Mazedonien ־,und Armenien. Sobald es den ohnehin zur Unruhe geneigten Unterfatien des Padischah zu gut geht mögen das nun Christen oder Kurden und Albanesen sein, so beginnen sie eine Rebellion. Man kann sich!ficht iür die Metzeleien in Armenien erwärmen. Wenn vielleicht 30 000 schuldig waren, so wurden an _300 000 dafür bestraft. Dazu heisst es. dass der Sultan selbst von einer armenischen Mutter stammt. Andererseits kann mau sich nicht verhehlen, dass die Armenier, vielleicht infolge englischer und amerikanischer Lehren, offen zur Revolution und Anarchie aufiorderten. Auch das christliche Russland liat jetzt seine Armeuian atrocities erlebt. Das Schlimmste ist und bleibt in der Türkei das schauderhafte Spionagesystcm.‘das allejdfngs direkt auf das krankhaft gereizte Misstrauen des Sultans _zurückgeht. Auch die Zensur, die in Konstantinopel und an den Grenzen ausgeübt wird, und die namentlich auch iür Fremde äusserst lästig ist ist ganz ohne Sinn und Versand. -J Die Länge der Regierungszeit bei Abdul Hamid isl 3>e־ merkenswert. Nur fünf Sultane sind ihm darin zur Seite zu stellen: Mohammed II.. Bajehd II.. Suleinian der Prächtige. Mohammed IV. und Mahmud IL. die alle 30 Jahre oder länger

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