Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651433--02822-2659723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 498 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 39 Privatpersonen” gänzlich ausscrlialb seiner werten Mcinungs- I äusserungen zu lassen hat.- I Sachlich müssen wir zu dem Schreiben noch bemerken, I dass nur ein legaler Delegiertentac der Z. V. f. D. erweisen wird, ob die Mehrheit der deutschen Ziomsten den Kongress- I beschüissen Treue halten will oder nicht. I Die Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU. 1 — I t ן י Zangwill und Nordau Aus der Rede, die Israel Zangwill am 18. September I in London vor seinen Wählern gehalten bat. geben wir die I folgende Stelle wieder als einen Passus, der eine bemerkenswerte Mitteilung enthält, die in zionistischen Kreisen vielfach I kommentiert werden dürfte: I ..Eine sensationell(^Szene jedoch ist wahr, eine Szene, die I am nächsten Tag. stattfaud. und i:1 die ich persönlich ver- I w4ckelt bin. leb meine die Szene, in der ich den Präsidenten I des Kongresses des Verrats am jüdischen Volke anklagtc. I Sie werden mich schliesslich sicherlich fragen, wieso ich. nach dem Rat. den ich den Territorialistcn erteilt hatte, mich zu einem solchen Verstoss gegen jede parlamentarische Gesittung I verleiten lass;!! konnte. Aber es gibt Dinge, die höher stehen I als jede parlamentarische Etikette: das Schicksal des jüdischen I Volkes ist wichtiger, als die Würde und die Einigkeit des . Kongresses. Ich werde sehr oft wegen dieses, meines Be- I nehmens. heftig angegriffen, und einige meiner engliseluh Kollegen auf dem Kongress beeilten sich. Dr. Nordau .ihr Bedauern über diese ..ungerechtfertigte und unaussprechliche Beleidteung•• auszudrücken. Um inu״ zu verteidigen und zu zeigen, dass diese Anklage nicht so eiligere..!«יי * ׳ und unaussprechlich war. bin ich gezwungen, etwas zu enthüllen, was zwar jetzt kein Geheimnis mehr bleiben wird, da cs im Protokoll des Kongresses veröffentlicht sein wird, das aber bis nun dem Publikum unbekannt gewesen ist. Meine Resolution.! ein Territorium in Ostafrika zu akzeptieren, sollte von Dr. Nordau unterstützt werden: die Unterschrift des Präsidenten des Kongresses ist auf der formellen Resolution, die dem Präsidium eingcreicht wurde, dicht neben der nichtigen zu finden. Ich wagte nicht eiiunal auf eine solche Unterstützung seitens unserer grössten zionistischen Persönlichkeit zu hoffen, obgleich Dr. Nordau auf dem VI. Kongress die Idee eines ..Nachtasvls” so gewaltig verfochten hatte. Ich fühlte, dass er in seinem Gesundheitszustand bereits ein grosses Opfer gebracht hat wenn er überhaupt zum Kongress erschienen ist. Als ich ihm jedoch am Eröffnungtagc des Kongresses erzählte, dass ich morgen eine Resolution einzubringen gedenke, welche dabin gellt, dass wir das Angebot von England annehmen, es aber um ein Land ersuchen, das gross und fruchtbar genug ist für unsere Emigranten, bot sich mir Dr. Nordau sofort an. diese Resolution zu unterstützen: .Es war Wahnsinn, fügte er hinzu, das Angebot von England zu verwerfen und er würde niemals dazu beistimmen. Ich war natürlich ausser mir vor Freude und bat ihn. niemandem zu erzählen, dass er mich unterstütze: Meine Absicht habe ich offen und laut proklamiert, damit unsere Gegner de Möglichkeit haben, ihre Einwände dagegen vorzubereiten, aber, dass auch der Präsident des Kongresses auf meiner Seite wäre, sagte ich ihm. würde natürlich wie ein Donner drein schlagen. Sehie Rede würde, wenn auch nicht ganz den Ausschlag zu unseren Gunsten bewirken, so doch wenigstens den Boden für einen Sieg auf einem zukünftigen Kongress vorbereiten, und vielleicht sogar die Änderung der Bankstatuteu verhindern, damit diese Institution in ihrer Tätigkeit nicht gelähmt werde. Als der ausserordentliche Kongress eröffnet wurde und die Zeit heranrücktc. da ich meine Resolution Vorbringen sollte, begannen zu meinem Erstaunen Dr. Nordau und fast alle anderen, die auf der Plattform waren, und in einem Zustande von schrecklicher Aufregung sich befanden, in mich zu drängen, davon abzustcluu. Sie' erklärten mir. dass ioh vor einer wilden Maiorität stehe, und wenn ich darauf beharren wollte, so sei es unmöglich, die Verantwortung für die Folgen zu ־übernehmen — es könnten Unruhen ausbrechen. Gewalttaten und sogar Revolverschüsse. Ich antwortete darauf Dr. Nordau.' dass c r wohl entsagen könnte riiich zu unterstützen, wenn er wollte, dass aber nichts aüi Erden mich daran veihindern würde, die Tribüne zu besteigen und meine Pflicht zu tun. Ich bestieg die Tribüne und hielt meine Rede — und nichts ereignete sich von alledem, was diese von einer Panik ergriffenen Propheten befürchteten. Im G.«ge11teil, meine Rede wurde sogar sehr schmeichelhaft aufgenommen. All die wilden Gerüchte, dass ich von der Tribüne herunter־■ gezerrt wurde, sind nichts als journalistische Erfindungen. So begann die gross. Debatte. d e durch das Ausbleiben der bezaubernden ßeredsamkri. Dr. Nordaus. leider ohne jeden Glanz war. Aber diese Enthaltung allein würde mich kaum bewegen so schroff gegen einen treuen Freund aufzutreten. an den ich durch das Baud gegenseitiger Liebe gefesselt bin. Ich sagte ihm. dass man einem Manne in seinem G.suudheitszus־• ׳J alles verzeihen müsse. Die Debatten zogen sich durch Freitag hindurch. Samstag Abends und Sonntag iriih. Am Nachmittag produzierte unerwarteter W eise das A.-K. eine eigene Ris »- lution. Diese Resolution, ein widerspruchsvolles Gemisch Ussischkiischer Ideen mit unglückseligen Resten Greenbcrgscher Gedanken, enthielt alles, wogegen ich kämpfte: <s verwarf jedes Land, das nicht zu den Nachb triändern Palästinas gehört, es empfahl die Änderung der Bankstatuteu. und sch’oss de facto die Territorialsten aus dem Zionismus aus. Nun hatte ich aber mit dem Präsident.n abgemacht, dass, im Falle eine solche Resolution vorgchracltt werden sollte, ich das Wort zur Tages״rd־.ung erkalten sollte, um dagegen zu soreolien. Ich wollte beweisen, dass es nicht in der Kompetenz des Kongresses stelle, die Tätigkeit unser.r Bank auf irgend ein bestimmtes Gebiet zu begrenze!•, das sei allein Sache der Aktionäre. Diese Resolution wurde nun. zu meinem weiteren Erstaunen, unter den Auspizien von Dr. Nordau selbst vopgebracht, der sic licht nur der meinieen. die er ursprünglich seihst Unterzeichnete, vorangchen liess. sondern mir überhaupt das Wort zur Tagesordnung wie er es versprochen. nicht geben wollte. Die Resolution des A.-K. wurde uns auigedrängt, ohne dass man auch m־r ein Wort dagegen sprechen durfte. Als aber schon alles fertig war. und alle Länder mit Ausnahme von Palästina und de!! Nachbarländern ausgesch'oss.ti waren, cilaubie mir Dr. Nordau ־ zugunsten von Ostafrika zu sprechen. Welche Ironie! Unter solchen Umständen, sagte ich. wollte icli nicht die Zeit des Kongresses in Anspruch nehmen und würde die Resolution zurückziehen. Als ich aber daran dachte, welches Gaukelspiel mit mir da getrieben w gr Je. als ich des Elends der jüdischen Massen ir• Russland und in Galizien gedachte, und des tragischen Problems unserer Wanderer, vor denen alle Zufluchtsorte sich allmählich schüessen und als ich bedachte, wie leidenschaftlich und blutig die Völker um jeden Schritt Landes sich bekämpfen, und wir die Gelegenheit. die sich uns nach 1800 iühriger Gefangenschaft dargeboten hatte, durch :"ricdbcTie Mittel unseren heimatlosen Wanderern ein.• öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu sichern, so leichtsinnig verworfen haben, da empfand ich einen Drang, so schmerzlich es mir war. einem so lieben Freunde solche Dinge sagen zu müssen, gegen Dr. Nordau an das Urteil der Geschichte zu appellieren. Dr. Nordau opferte alles dem Fried.11 und der Einigkeit des Kongresses. Als Präsident hielt er cs für seine Hauptpflicht (dazu dienten als Veranlassung noch zweiiellos die Unordnungen der Nächtsitzumr. der er nicht beiwohnte, und die ihm in übertriebener Form geschildert worden) — ganz gleich ob er Recht Labe oder nicht. Ob ich aber recht handelte oder nicht, so verriet ich doch unter keinen Umständen mein Mandat zum Kongress; ich trug schweigend die Schande. Ich teilte nichts davon meinen territorialistisch.11 Freunden mit. damit sie keine Demonstration• ge׳rn1 Nordau veranstalteten."und trotz der allzu eifrigen Ein- Wirkung der englischen Landsmannschaft, nahm ich Abschied von Nordau mit der gleicl.cn Freundschaft wie zdvor.“ Weit cnfjrnt den Kommentar, den Zangwill diesem Vorgange, gibt, zu teUcn. erscheint es uns vielmehr — vorausgesetzt, dass Dr. Nordau tatsächlich anderer Meinung war! — von dem Präsidenten des Kongresses als ein bewundernswerter Akt von politischer Disziplin und politischer Klugheit im Verein mit 01 ס i t i s c h c m Weitblick, dass er zugunsten einer würdigen Durchführung des Kongresses seine eigene Anschauung zuruekstcllte und nicht durch sie den Kongress beeinflussen lassen wollte, dass er einfach als objektiver Leiter der Verhandlungen funeierto. der nur für ihre sachliche urd anständige Durchführung corgc trug. Denn Nordau wusste, dass — sind diese Beschluss.• schlecht I — ein anderer Kongress sie ändern würde, ist aber dieser j Kongress würdelos zersprengt worden, kein zionistischer I Kongress rn.hr sobald in der Lage sein würde, überhaupt Beschlüsse zu fassen und sic auszuführen. Wenn Herr Zangwill 1 das Nordau als eine ..Schande” anrechnet — wir werden unseren Koiigrcssprasidenten dafür 7,u schätzen wissen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.