Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651433--02820-2659721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 496 JÜDISCHE unter dem fremden Volke bleiben. Für unser Endziel sind sie nicht verloren. In dem ״Irgendwo-Land“ aber, da würden wir sie völlig bodenständig machen. Für den einzig wahren Judenstaat in Palästina wären sie fiir immer und ewig verloreq. t Nicht der heilloseste Phantast kann ghiuben, dass, wenn wir dann einmal eine Autonomie im Lande unserer Väter gewinnen, siel, der Judenstaat im ״Irgendwo-Land" auflösen w ird. Ein ganzes Volk gibt das Land, das es sich mit heisser Arbeit erkämpft ׳hat, nicht auf. — Das Fazit wäre also,, entweder jenes Territorium nimmt alle Juden auf, dünn ist Zion für immer und ewig dahin. Oder aber, einige Millionen Juam, also ein.׳ unendliche Masse von Volkskrait, ist für *eil einzig wahren Nationalstaat im Lander der Väter verloren Ein Volk von elf Millionen Menschen, das einmal über ein vollkommen ausreichendes Territorium (Palästina nnd Ncbenländer) verfügt, kann sich den Luxus so grosser Kolonie;?! nicht gestatten. Wir krauchen unser ganzes Mcnschemuaterial für die Aufrichtung unseres Nationalstaates in der alten Heimat. »Ein Gebiet, das bei gesunder Volkswirtschaft gross genug ist. uni uns für absehbare Zeit der Notwendigkeit, Kolonizen in irgend einem entlegen.si Lande zu gründen, zu entheben. K״!o!;'cen gehen, sobald sie atrf eine gewisse Stufe der Entwicklung gelangt sind, doch schliesslich stets dem Mutterlande verloren. Wir aber sollen Koloniecn gründen, bevor wir überhaupt das Mutterland wieder gewonn.n haben! .Manches aus diesen Ausführungen könnte fast Wie eine Rechtfertigung des Territorialismus klingen. Weit gctehlt. Wollen w ir denn etwa n u r eine ökonomisch-sozial; Wiedergebürt unseres Volkes erreichen? Nicht!!־ander wichtig ist doch die nationale. Unser grosser Führer hat in Palästina mit weisem Bedacht das einzige unverrückbare'Endziel gesehen. War es vielleicht nur schwärmender Iuea! str.us? Oder geschab cs nur aus dem Grunde, weil er sich überzeugt hatte, dass unser Vat:r!and, auch vom volkswirtschaftlichen Standpaukte, das denkbar günstigste Gebiet für eine Besiedlung sei? Auch die Erwägung leitete dcscit genialen Staatsmann nicht allein, dass der Ruf. im alten Judcnlan-J das alte Judeurcich wieder zu errichten, in der Brust eines jeden wahren Juden, in dem ncclt die tiefe, schmerzliche Sehnsucht nach der uralten teuern Heina*, lebte, den stärksten Widerhall finden würda. Nein, mit weitem staatsmännischen Blick hatte er nach anlangliehen Zweifeln gar bald erkannt, dass nur hier die wirkliche Zusammenschmclzung des zerstreuten Volkes zu einem einigen, kräftigen Nationalstaat geseheb.m konnte. Hier, auf der uns allen gemeinsamen heiligen Heimatserde mit ihren tausend Erinnerung:?! an unsere erhabene Religion und an Israels gewaltige Helderzeit, würden alle Verschiedenheiten, unter den zersprengten Volkstcilen, die di; 18 Jahrhunderte des Golus heraiisgebildet hatten, leicht vergessen und endgültig überwunden werden. In einem anderen Lande, m das den einen die, den andern jene Motive führten, nicht aber die tiefe, heisse Sehnsucht nach dem VaLrlandc, wäre eine nationale Widergehurt, im wahrsten Sinne des Wortes, unmöglich. Die Gegensätze würden besteh;זז bleiben, nie würde die wahre Einhe:t erreicht. Das Mittel der ״politischen“ Zionisten, di.se Zwischen- Station im ״Irgcndwo-Land“, birgt also die grösste Gefahr iiir den wahren Zionismus in sich. Es bedeutet eigentlich Rachmoncs-Zionismus. Gewiss, ich gebe zu, für die Gedanken der ״politischen“ Zionisten spricht maiKhes. Die Judcnnnot wird immer grösser. Aber auf der einen Seite ist es doch sehr zweifelhaft, ob sie mit ihrem ״Mittel" eher etwas erreichen, als wir mit zielbewusster diplomatischer und agitatorischer Tätigkeit und mit praktischer Palästiiiaarbeit. Anderseits aber, wollen hir denn doch, wenn es uns einmal vergönnt ist, unseren Staat zu gründen, auch das Bcstmögliehe schaffen. Sicherlich Ist es traurig, ja, es ist ein schweres Ucbel, dass vielleicht noch eine so lange Zeit ver¬ RUNDSCHAU No. 39 gehen muss, bis wir unserm Volke die einzig wahre Rettung bringen können. Aber ein grösseres Uebcl wäre cs noch, wenn wir aus Ungeduld zu Mitteln griffen, die uns hindern würden, wirklich Grosses und cliönes zu gestalten. Wenn wir ein Haus bauen wollen, das für immer allen äusseren und inneren Stürmen trotzen soll, das schön und wohnlich zugleich ist, so bleibt uns eben nichts 'anderes übrig, als geduldig zu sein. \V:״ müssen für Jahrundertc des Glücks und Gedeihens noch lange Jahre des Elends, so schwer und schmerzlich uns dies auch dünkt, mit in den Kauf nehmen. Gewiss diese Ungeduldigen, die endlich Taten sehen!nochteil, sie haben in vielem Recht. Aber es gibt doch ausser der diplomatischen und agitatorischen Tätigkeit auch eine praktische Arbeit in Palästina -- wir versäumte!־• sie bis jetzt nur zu sehr —, die wir schon heute leisten können. In diesen drei Hauptzwcigeu unserer Tätigkeit können und müssen w ir e iiig sein. Denn auch die praktische Palästiiiaarbeit im Süme unserer Palästinakonimission, sollte doch den •Beifall aller ..poktischen" Zionisten finden. Diese praktische Arbeit, vor allem d;c Schaffung der ,.Kreditbasis" muss doch ganz nach ihrem Sinne sein. Demi dieser Gedanke von Br. Franz Oppenheimer enthält sehr viel Momente, die eine verhältnismässig rasche und gesunde Fürueruug unserer Bestrebungen erwarten lassen. Von dieser Palästinaarbeit, die mit dem Chowewe- und Rachmoites-Zioiüsiuus durchaus nichts genuin hat. können wir sehr viel erhoffen. Nicht mir, zeigen wir der Welt in unserer zionistiscluu Muster- und Modeliiarm. dass wir wirklich etwas leisten körnen, wir schaffen damit auch ein Zentrum für alle jüdischen Siedlungen in. Palästina. Unsere Erfolge•• werde;; die andern Koloniecn zur Nacheiferung nnsiaeheln. Sie. werden sich nach uusern Methoden organ'sieren. Kurz, das jüdische Leben im Lande unserer Hoffnung wird zioaisiert. Dadurch werden nickt nur di. Erfolge, die wir mit unserer Muster! arm erziele!*, sondern überhaupt alle jüdischen Erfolge in Palästina am End; zu der starken und breiten Kreditbasis unserer grossen Sache. - - Ich glaube, bei einer derartigen Palästinaarbeit liegt unser Endziel durchaus nicht in so nebelhafter Feme, wie uns die ״politischen” Zionisten glauben machen wollen. Allerdings etwas ist dazu noch nötig, völlige Einigkei: aller Zionisten, je grösser die Einigkeit, um so schneller kommen wir vorwärts. Mit diesem Arbeitsprogramm des Zion snujs sollte sich jed.r, der auf dem Boden des Basler Progrannns steht, einverstanden erklären. Darum wollen wir unser; Zeit jetzt nicht mehr mit akademischen Erörterungen über untaugliche Mittel hmbringen, sondern endlich an eine zielbewusste, kräftige Arbc:t gehen, sie wird uns die öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina gewinnen. Berlin. Adolf Nathan. Verband politischer Zionisten Deutschlands Protokoll. Am 17. d. M. trat in Berlin das leitende Komitee des neubegründeten Verbandes politischer Zionisten Deutschlands zu einer Sitzung zusammen. Zugezogen zur Beratung waren die Herren Dr. Klee und Dr. Zlocisti. Es wurde, zunächst festgestellt, dass das leitende Komitee, entsprechend der in Basel getroffenen Vereinbarungen unbeschränkt legitimiert ist. B;- Schlüsse zu fassen, die im Rahmen der in Basel angenommenen Leitsätze liegen, also dem direkten Willen der Wähler in Basel entsprechen. Die Orgatnsationsdcbattc führt zu (folgendem Ergebnis: I. Die Organisation soll als eine Fraktion inner halb der Partei ausgebaut werden.