Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Zukunft unsere jüdischen Sozialdemokraten nicht hindern, bei I jeder Gelegenheit dem geknechteten finnischen Volke, dem ja allerdings übel mitgespielt wird, ihre Sympathien auszusprechen ünd der Juden dabei weiter zu vergessen. llJargon“-Theater Am Sonntag, dem 20. August wurde in Berlin das jüdischdeutsche Ar1 eiterdrama P i n s k i s ״Eisik Scheite!" durch die Regie dis »1errn Fächer und den Unternehmer Lenz oder Lunz verschimpfiert. Von Herrn Lenz oder Lunz. der schon das' Gewohnheitsrecht hat jüdische Stücke zu verballhornen, wissen wir recht ob sein jüdischer oder sein christlicner Pass zur Zeit mehr Giltigkeit besitzt. F.s wäre aber Zeit, diesem Spiel ein Ende zu machen. Dass die Aufiührung ausserdem nicht int Jüdischdeutschen selbst stattiand, wie angekündigt war. sondern ln enem gemauscheltcn Halb-Hochdeutsch, nur so nebenbei! Das war wirklich .Jargon." Dementsprechend war auch die Stimmung der 60 bis 70 Besucher beim Verlassen des Saales. ..Unerhört." .,unverschämt" das waren die zartesten Prädikate, die man in der Garderobe von den hereingefallenen Zahlern hörte. Der Einladungsprospekt trägt am Fuss folgende sinuige Bemerkung: ..NB. Das jüdische Volkstheater erstrebt die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für Jüdische Kunst." Es ist an und für sich empörend, dass man es wagen darf, die jüdische Kunst in dieser Weise zu bianiicrcn. Aber das ^Jüdische Volkstheater” wagt es auch noch, eine Parodie unseres Baseler Programmes als Reklame zu be- Ritzen. Man sollte d;es?m Theater endlich das Handwerk ':egen. Herr Lenz (Lunz) möge auea dann nicht wieder jüdische Stücke auffiihrcii, wenn er sich für .inen seiner Pässe, den jüdischen oder den christlichen, entschieden haben sollte. Ein jüdischer Minister Das neue holländische Ministerium zählt zu seinen Mitgliedern u'nen Juden, den Dr. jur. van Raaltc. der sich jedoch keineswegs besonders lebhaft nach dem Portefeuille gedrängt hat. Es musste ihm vielmehr sehr dringend zttgeredet werden, ehe er sieh zur Annahme entschlösse:', hat. Der preussischc Justizminjstcr Schönstedt hat also in Herrn Dr. Raalte einen Ressortkollegen. Sollte einmal eine Internationale Konferenz. d:r Justizminister stattfinden — was ja heutzutage und zumal bei Nachbarländern keineswegs ausgeschlossen ist —, dann dürfte der preussischc Ju^tiznwrstcr. d:n cs ja immer eine gewisse Überwindung kostet, jüdische Juristen avanziercit zu lassen, wohl <?iriig<?rmasseu in Verlegenheit geraten, u Assimilation Wie der WSCHOD nUtteilt. werden In der städtischen M'ckiewicz-Müdchenschule in Lemberg, die sehr stark von Jüdischen Schülerinnen besucht wird, die jüdischen Mädchen auf besondere Bänke gesetzt!! . . . M. B. J. Rundschau der Presse DIE WELT enthält in Nr. 37 einen Aufsatz von Dr. Franz Oppenheimer: ״Grosskolonisation. Kicinkolom'sation und öffentlich-rechtliche Sicherung", in dem der Autor seine in einem früheren (auch von uns veröffentlichten) Artikel niedergelegten Anschauungen über die Notwendigkeit der Schaffung einer Kreditbasis für unsere Arbeit nochmals ausführlich begründet. Wir entnehmen dem Artikel folgende Stellen: ״I. Siedlungswerk und Klelnkolonisation. ..Die Palästina- Kommission bezweckt die Anlage einzelner Ackerbaukolonicen im heiligen Land ohne öffentl cli-rechtliclie Sicherung." So hörten wir sprechen. ..Genau dasselbe hat Rothschild, hat der Verein ..Esra". hat die Gculah usw. bezweckt und zum Teil ausgcfiihrt. Das ist aber nicht nur für die zionistische Bewegung ohne Wert, sondern es ist überhaupt ohne Wert. Es hebt einzelne aus der Judennot — vielleicht: was hat die Gesamtheit davon? Nichts." Wenn man’s so hört, möcht's leidlich scheinen! In dea Tat: wir wollen einzelne Kolonien ohne öffentlich-rechtliche Sicherung ins Leben rufen. In der Tat. wie können dadurch unmittelbar, im günstigsten Falle nur dlejen gen Ko'o• nisten aus der schlimmsten Judennot heben, die wir c'tir das Werk ausw’ähleu, In der Tat. unser Vorgehen gleicht dem der Koionisationsverefne wie c-n Ei dem andern. Nur. dass d;r klügste Mann eben einem Ei nie anschen kann. Welcher Vogel auskriechen wird. Und auf den Vog e I kommt es hier allein an. Wir sind der festen Hoffnung, ja. Ueberzeugung. dass aus dem Ei. das wir dein heissen Boden Palästinas zum Ausbrüten anvertrauen werden, kein ehrsamer Haushahn auskriechen wird, zufrieden, auf seinem kleinen Hühnerhöfahen zu scharren, sondern ein Vogel Roch, der nicht eher aufhören wird zu wachsen, als bis seine gewaltigen Flügel das ganze Land beschatten. Ur.d das unterscheidet uns eben von den Wohltätigkeirskolonisatoren. die Gott danken, wenn aus ihren Eiern Zwerghühnche״•! auskr.echcn. Mit kurzen Worten: was den Koionisationsvereir.cn Zweck ist ist uns Mittel zu einem viel grösseren, viel umfass.nderen. viel grundstiirzendenn Zwecke. Wer me.nc Stellung zu den allgemeinen sozialen Fragen auch nur vo! wc tem kennt, musste das ohne weiteres von einer Aktion ar.- nehmen, an der ich in leitender Stelle betcil-gt bin. Denn ich .habe schon in meinem ersten Werke zum Kriterium jeder sozialen Hilfstätigkeit de Frage gemacht, ob sic privatwirtschaftlich wirkt, das h.isst, einzelne au!> ihrer Klasse hebt, oder v o l k s w i r t s e 11 a 111 i c h. das heisst d י e Klasse als Gesamtheit hebt: und ich habe von iehcr iede Aktion abgelehnt, die nicht ..v*'־»־״”ir:- schaftliche" Wirkung verhicss. Man durfte niir Zutrauen, dass ich gegenüber der unendlich dringenden Not meiner eigenen Blutsgcnosscn, meinem eigenen Programme nicht untreu we,־- den würde, dass ich nicht versuchen würde, mein Mitgefühl und Pflichtgefühl durch Beteibgung an lediglich p r i v a t w i r t- Schaft! ic hen Aktionen zu betäuben.’׳.... ..Ohne moralischen und finanziellen Kredit ist unsere poHtische Aktion, ohne finanziellen Kredit unsere ökonomische Aktion aussichtslos. Ich wiederhole hier mit aller Schlürfe, was ich in jenem Auisatz in der W;־LT schrieb: ״Der Anfang der zionistischen Bewegung war nur ein liebenswert, r Träumer und Schwärmer, der ohne Schaffung ׳.'. tr•׳ V>i ״.;> Kreditbasis das zionistische Ideal für erreichbar hielt: wer nocn beute nicht einsieht, dass wir jetzt gar ke 11 anderes unmitte'. bares Ziel haben dirfen.^den muss ich für ein.11 s e!1 w e r c S c h ä d 1 i 1! g unserer Sache haben.'' Ol.ie moralischen und finanziellen Kredit sind wir lädier- L eile Mäuse, die an der Keule des Herkules l.cnuiikral b.l; sehiessen wii mit Vogeldunst auf Festimgsmaucri!. Unsere gegenwärtigen Kräfte stellen zu der Grösse unserer politischen 1u:J ökonomischen Aufgah.n in einem ebenso tragischen wie komischen Missvcrhältms. Wir sollen mit europäischen und asiatischen Grossmäcliteu Politik machen: Politik machen heisst von Macht zu Maciit verhandeln u:׳d wir sind ein paar Offiziere mit einer wen g zahlre'chcn. wenig dis/:! - rlerten. wenig einigen und vor allem gänzlich!!!!erprobten und des schlechtesten Kredites sich erfreuenden Truppe . . . . Wem! kein Wunder geschieht — und gerade Politiker sollten am wenigsten m:t Wundern rechnen, etwa mit einer grossen politischen Umwälzung und der Aufteilung der Türkei usw. — dann haben wir nicht die geringste Aussicht, j;ma's die effcntlich-rcchtl die Sicherung einer Ansiedlung im heiligen Lande durch den guten oder «*egen den bösen Willen des Sultans zu erlangen, wenn wir nicht vorher ihm oder den cumpäischen Grossmächtcn den Nachweis erbracht haben, dass wir Zionisten imstande srd. das uns übertragene Gebiet in hohen Wert zu setzen, so dass cs entweder für den eumpäischen Handel ein wichtiges Absatzgebiet oder für 'die Türkei ein reiches Stcuerobiekt oder be des zu werden vorspricht. Und wenn kein Wunder geschieht, so haben wir ebensowenig die geringste Aussicht, jemals duro’1 Sch.kel- Zahlungen und Nationalfondssanimlungen auch nur einen Bruchteil der nötigen Geldmittel zu erlangen, wenn wir nicht vorher dem indischen und christlichen Konital den Nachweis erbracht haben, dass unsere Ansiedler Anl.ihen anständig verzinsen und sicher tilgen werden. Dieser doppelte Nachweis is( unsere Krcdi t b a s i s. Gelingt uns der Nachweis, schalich wir die Kreditbasis, so ist unser Ziel err e i c 11 b a r. Misslingt uns der Nachweis, s c 11 a ff e n wir die Kredit basis nicht, so wird u s e r e Bewegung im Sande versiege n." ..II. Die öffentlich-rechtliche Scherung. Nach diesen Au.־- C'itaudersctzuugen werde ich nicht viel Raum brauchen, um mich in t der zweiten gegnerisc!.1:11 Mc innig abzufiiiden. die uns die Mittel der zionist sehen Organisation verweigern wii.. um unsere Modellversuche eiuzuleitcn. ehe nicht der Charter erteilt oder Palästina von England okkupiert ist. Diese Meinung, neuerdings von unserem verehrten alten Fieuudc Dr. Kahn vertreten, macht uns und. die zionistische Oeffeiubchkeit darauf aufmerksam, dass die Erwerbung von Grundeigentum in der Türkei überhaupt und nun erst für eine jurist'schc Körper:.'l1aft. wie der Nationalfouds. eine sehr bedenkl che Sache sc. Wir müssten einen Strohmann als Scheincigentümcr .clnsetzcn und wie leicht könnte der Strohmann oder se n Solm oder Enkel der Versuchung erliegen, sein Schclneigcntum in wirkliches Eigentum umzuwandcln. wogegen es keine rechtliche Sicherung, nicht c'nmal eine privatrechtliehe, gebe. Wir dürften also unter keinen Umständen das heilige Gold des Natlonalionds auf eine so unsichere Karte setzen, Davon dürfe kein Pfennig verloren gehen.