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Jüdische Rundschau · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 3S Seite 483 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ziel und Mittel Von C u r t W c i s s (Breslau). Nachdem sich auf dem VII. Kongresse gegenüber den sog. Territorialsten״ d. h. denen, die Palästina als Ziel verwerfen, die Zionsten zu einem grossen Block zusamn-enReschlosseu hatten, ist seither innerhalb der zionistischen Organisator! der Kampf der Meinungen hart entbrannt, schärfer als vor dem Kongresse, ia gerade deswegen schärfer. weil man vor den! Kongresse cs verabsäumt hatte, die rnatimgfachcn Ansichten der OcffentHchkcit vorzutragen, ut.d weil auf dem Kongresse die Majorität in ihrem Kampfe gegen die Minorität nicht Zeit gefunden hatte, die einzelnen mehr oder weniger abweichenden Meinungen in ihr selbst deutlich hervortreten und zur Klärung kommen zu lassen. Ein Kampf der Meinungen inmrhalb einer so grossen, weltumspannenden Volksbewegung, wie der Zionsmus cs ist, ist durchaus nicht verwunderlich und zeugt von dem l eben der Bewegung. Aber trotzdem hat der Kampf der Meinungen auch seine Schattenseiten. Kin Kampf wird stets mit Gehässigkeit geführt und macht die Oppos tiou hartnäckig, sodass das linde des Streites 11 tiaiisgeschoben wird. Deshalb sollen diejenigen, welche sich itmcrb.alb der zionistischen Organ!- sation befinden, die alle nur das eine gleiche Ze! haben, ־eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina zu schaffen, keinen Kampf miteinander führen, sottdem friedlich, ohne Gehässigkeit, ihre abweichenden Meimmgen austauseben, um zu einer Verständigung zu kommen. A!><. nicht die Gegensätze sollen scharf betont werden, sondern die Punkte, in denen mau einig ist. De abweichenden Ansichten sollen klar hingebreitet werden, aber nicht, um die eine oder andere mit Gewalt zu verdrängen, sondern friedlicher Austausch der Meinungen erfolge einzig und allein m der Absicht, durch IJchcrzeitginig zu wirken, und von dem Wunsche erfüllt, dass über den »nzehicn mehr oder weniger abweichenden Meinungen sich eine einzige geklärt hcrauslülde. Aut dem VII. Kongresse ist die klc’nc Majorität der Tcrritorialisten aus der zionistischen Organisation herausgedrängt worden. Diesen se'en hier nur wenige Worte gewidmet, wahrend unser Hauptaugenmerk auf den neuen Verband innerha’b des Zionismus gerichtet sei. De Tcrri torialisten gehörten nicht in die zionistische Organisation und haben sich ihr augcsehiosscn entweder, weil sie glaubten, hier ihre Zwecke am besten erreichen zu können, oder weil sic überhaupt den Zionismus bekämpfen wollten und einen versteckten Kampf innerhalb der Organisation für am meisten aussichtsvolS hielten. Soweit sc ein Land irgendwo auf der Welt an Stelle von Palästina setzen, will ich hier nicht weiter mit ihnen rechten und verweise alle diejenigen, wc’che noch Zweifel daran liegen, weswegen wir Palästina und nur Palästina als Ziel haben dürfen, auf die Rede, de Tschlcuow auf dem VII. Kongresse darüber gehalten gehalten hat. Von einem anderen Gesichtspunkte will ich heute nur kurz die Territorialisten betrachten und eine Krage berühren, die noch fast «ar nicht aufgeworfen ist. Wenn wir uns die abgesprengte Minor'tät näher anschauen, so scheu wir. dass s:e sich vor allem aus Anarchisten und Sozialdemokraten zusammensetzt. Wie stehen denn Zionismus und Sozialdemokratie zu einander? Wir habet! oft schon die Krfaltruttg gemacht, dass Sozialdemokrateu in einer zionistischen Versatnkmltmg aufgetreten sind und, wremt sc dort den Zionismus nicht immer gerade bckämpften, so doch ihre Ideen propagierten. Wie kommen sic dazu? Hat denn der Zionismus Berührungspunkte mit der Sozialdemokratie? Allerdings. Soweit der Zionismus auch eine wirtseliafthehc und soziale Krage zu lösen hat und dies *st in hervorragendem Masse der l all, haben beide gleiche Aufgaben. Aber trotzdem gehen sie in bezug auf die Art und Weise der Lösung, abgesehen davon, dass der Zionismus eine ausgesprochen nationale Bewegung ist. weit auseinander, und wir Zionisten müssen erklärte Gegner der Sozialdemokratie sein. Wir wollen zwar .111 unserem künftigen Gemeinwesen in weitest-’s gehendem Masse alles, was sich auf wirtschaftlichem und l sozialem Gebiete an Fortschritten irgendw'c erringen lässt, ein führen, alter nicht auf kotmuunistischcr Grundlage, sondern, indem wir Oppenlrcimer folgen, auf genossenschaftlicher; wir wollen, uni mit Oppenheimer zu reden, ..die soziale Frage ohne Sozialdemokratie lösen". Deshalb sind schon aus diesem Gesichtspunkte die Territorialsten unsere Gegner, und was wir in dieser Hinsicht von ihnen zu erwarten haben, hat ja einer ihrer Hauptvertreter. Svrkin. in seinem Artikel in de! JÜDISCHEN VOLKSSTIMME gezogt. Daher kann jeder, der ihnen h:Ht, der ihr Anhänger ist, nicht zugleich unser Anhänger *Hin,!nag er sielt aucit, wie z. B. Herr R.-A. Wunderlich, -politischer Zionist“ nennen. Mit der ..Jiidiscli-territorialisti- ן sehen Organisation" gibt cs unsererseits kein Zusammengehen. 1 Wir hoffen aber, dass die brauchbaren Elemente in ihr den I rechten Weg. den sie hi einen! schwachen Momente verloren haben, wiederfinden werden. Anders ist unsere Stellung zu .dem neuen ״Verbände politischer Zionisten", der sich so t den! VII. Kongresse gcbildet hat. Die ihm Angehörenden befinden sich innerhalb der zionistischen Organisat or! und stimmen in dem Ziele, der Schaffung etter öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk üi Palästina mit uns überein. Nur hinsichtlieh der Mittel gehen unsere Ansichten auseinander, insofern sieine Kolonisation ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer In einem ״Lande irgendwo auf der Welt" als ein Mittel zur Erreichung des Zieles betrachten im Gegensatz zu dem Beschlüsse des VII. Kongresses, der dieses Mittel ablclmtc. Mit •ihne׳!. nicht mit jenen, die Verrat am Baseler Programm geübt haben, hoffe ich. wird sielt eite Einigung herbcliiilircn lassen, vorausgesetzt, dass beide Seiten den guten Willen und die Absicht haben, sich ohne Rücksicht auf K!einigkc:ten und Kleinlichkeiten, besonders persönliche Momente, zu verständigen und der Ucbcrzcuguug die Ehre zu geben, um dann desto sicheren Schrittes an das Ziel heranzugehen. Was zunächst den Namen ״Verband polit scher Zionisten‘־ anlangt, so ist dazu folgendes zu bemerken. Der ofiiziel'c Zionismus, wie er sich in den Beschlüssen des VII. Kongresses kundgibU hat deutlich betont, dass er c tt politischer sei. und hat der Polit k mindestens eine gleiche Stellung mit den praktischen Vorarbeiten i!1 Palästina zugewiesen. Diese praktische־ Vorarbeiten in Palästina sind, wenn sic auch äusserliclt an die Tätigkeit der Cltow cwc-Zio!! erinnern, dennoch 'von ihr g! und verschieden, da sie nur im Sinne des politischen Zionbums in systematischer Einarbeitung auf das Ziel vor sich gehen sollen. Kin besonderer Verband politischer Z;onisten ist deswegen überflüssig und dazu angetan, den Anschein zu etwecken, als ob der offizielle Zionismus nicht politisch sei. und also verwirrend zu wirken. Ausscrdetn lässt er die zion'st'sche Organisation nach aussen hin gespalten erscheinen und kamt s<» für das äussere Ansehen und die Entwicklung der Bewegung schädigend wirken. Da also alle diejenigen, welche auf dem Standpunkte des offiziellen Zionismus stehen, den Anspruch haben, pol tische Zionisten genannt zu w erden, w ill ich die Angehörigen des neuen Verbandes ״sogenannte politische Zionisten" nennen. Was wollen nun diese sog. politischen Zionisten? Wie schon erwähnt, betrachten sic im Gegensätze zu dem Be- Schlüsse des VII. Kongresses eine nationale Siedeluttg in einen Lande irgendwo auf der Welt als geeignetes Mittel zur Erreichung des gemeinsamen Zieles. Wie. auf Grund welcher Umstände sind sie zu dieser Ansicht gekommen? Wir müsse־» ihre Denkweise zu verstehen suchen, erst dann dürfen wir mit Gegengriindef» kommen und sie von diesen überzeugen suchen. Etwa auf folgende Weise sind sie zu ihrer Anschauung gtlangt: ״Wir haben heute Palästina noch nicht, ja wir haben dort nicht einmal für die notwendigen Vorarbeiten gelingende Freiheit und hinreichende Sicherungen. Auf der anderen Seite hat die Judennot und die Judenwaiiderung erschreckliche Dimensionen angenommen, und zwar jetzt zu einer Zeit, wo die Länder, die bisher den wandernden Juden Zuflucht gebotet haben, ihre Tore mehr und mehr schlicsscn. Wir, denen ivclus Jüdisches fremd sein soll, dürieu hier als Menschen und besonders als Juden nicht ruhig zusclictu wie so viele Menschen elend verkommen oder wie so viele nationale Kräfte durch weitere Zerstreuung und damit verbundene Assimilation verloreti gellen. Wir wollen daher -irgendwo auf der Welt e'nc Jüdisch-nationale Siedclung schaffen. Hiermit werden wir die Judenwanderung konzentrieren, den Wandernden eine Zufluehtsstatte bieten, wir werden nationa'c Kräfte sammeln, zugleich aber neue liervorbritigeit. indem wir die Ankommenden zu jüdischen Bürgern erzielten, ferner werden wir alle unsere Neuerungen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete erwoben können, kurzum ein Modell für die künftige Siedeluttg in Palästina schaffen und der Welt zeigen, was wir leisten können, sodass sic zu unserer Arbeit in Palästina Zutrau..*״ gewinnen wird." — So ungefähr argument cren sic. Richtig ist zunächst, dass wir heute Palästina noch nicht haben: aber dies ist nicht so schlimm, sind wir ja mit den Vorarbeiten noch nicht fertig. Ja. auch für die praktischen Ailieite״ haben wir dort nicht die rechtlichen Sicherungen. Aber diese Vorarbeiten können auch ohne die rechtlichen Sicherungen getan werden, andererseits ist cs nicht unwahrscheinlich, dass \v:r diese m nächster Zeit erhalten werden. Richtig ist auch, was sic über die Judeiiwanderung meinen, und energisch ist die Ansicht derer zurückzuweisen, die sagen, dass wir. de wir eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte für das Jüdische Volk in Paiästiua erstreben, das schreckliche Judenelend zwar beklagen müssen, uns aber dadurch in unserem Ziele nicht dürfen beirren lassen. Damit, dass wir nur klagen und mit der Hand an dr Brust schlagen, ist nicht genug getan, haben wir doch gerad? dieses Verhalten der Juden stets missbilligt und gegeisselt.

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