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Jüdische Rundschau · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 482 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 38 Sollte es uns unglücklicherweise nicht möglich sein, unsere Arbeitskraft für ein solches Land unter englischer Protektion hergeben zu können, so müssten wir uns natürlich an andere Regierungen wenden, welche über Land verfügen, das der Kultur zu erschliessen wäre. Wo immer w<r aber auch unsere Kolonie gründen, immer stimme ich mit Ihnen überein, dass die moderne Tendenz. Kirche und Staat getrennt zu halten, vorteilhafter für beide Institutionen ist. Es leuchtet ein. dass in einer jüdischen Kolonie fromme Juden eine weit bessere Umgebutig für ihre Religion als anderwärts finden, und auch der gesetzliche Feiertag kein anderer als der jüdische Sabbat sein könnte. Für Sic. der Sie stets eine so grosse Sympathie für das traditionelle Judentum bekundet haben, muss dieses Bild unserer Kolonie besonders erfreulich sein. Was das Verhältnis unserer Organ'sation zu dem gross*. ־ russisch-jüdischen Problem anlangt, so haben die russischen Juden hierüber selbst zu bestimmen. Ob dieses Problem in Russland selbst gelöst werden kann oder nicht, jedenfalls muss es voit den russischen Juden selbst gelöst werden. Unsere Kolonie ist nur bestimmt (siehe mein Manifest) ״für diejenigen Juden, welche in den Ländern, in denen sie gegenwärtig leben, nicht bleiben können oder bleiben wollen‘‘. Aber welche Wahl auch immer die russischen Juden hinsichtlich der Lösung des Problems treffen mögen, so können wir letzteres gewiss etleichtern durch Verringerung des Andrangs zum Ansicdclungsrayon in Russland. Ob unsere Organisation eine Möglichkeit finden wird, ihnen in anderer Weise zu helfen, das kann allein die Zukunft lehren. Obgleich ich sehr bcdaurc. dass Ihr Wunsch, uns zu hem.״, vielleicht Ihre physische Kraft übersteigt, habe ich Sic inzwischen doch, mein lieber Wohl, in Ucbcreinstimmuiig 111't unserer Konstitution zum englischen Mitglied unseres internationalen Komitees kooptiert, und verbleibe Ihr aufrichtiger , 1 s r a e 1 Z a n g \v i 11. Ehren-Vorsitzcnder der ..Jüdisch-Territorialistischcn ׳ Organisation”. Es bedarf für unsere Leser nach diesem Briefwechsel wohl keiner weiteren Auseinandersetzungen mehr, um zu verstehen, dass dort vom Zionismus nicht mehr die Rede ist -- das ist reine Philanthropie. Die Politik der Ortsgruppen und der politischen Zionisten Ein Wort zur Klärung und zum Frieden. In Nummer 37 dieser Zeitschrift hat bereits ״Lapidarüus“ nicht unberechtigte Kritik geübt an dem gesetzwidrigen Vorgeb:״n der Hamburger und Poscncr Ortsgruppen, zu denen sich nunmehr auch der Verein ״Zion“־Mülhausen gesellt hat; dagegen hat der Vorstand des Strassburger Zionist. Vereins «in einer Resolution nur ausgesprochen, was eigentlich selbstverständlich ist. nämlch seine Unterordnung unter d:c Leitung und seinen Gehorsam, gegenüber den Kongress-Be- Schlüssen; er ist aber in seiner ״Treue” doch etwas zu weit gegangen, indem er eine andere Meinung überhaupt nicht zu Worte kommen lassen will, was er jedoch wohl nicht gut verhindern können wird. Wenn wir h:cr die Frage unerörtert lassen, ob der Vorstand eines Vereins als solcher berechtigt ist. in prinzipiellen Fragen eine Resolution zu fassen, wie dies in Mainz und Strassbürg geschehen ist, so muss es unbedingt als c'n Schwer zu tadelnder Verstoss gegen die Disziplin bezeichnet werden, wenn ein Vorstand als solcher der Mitgliederversammlung eine Resolution zur Annahme empfichH, die direkt das Gegenteil von dem besagte, was der VII. Kongress bestimmt hat. Wenn Mitglieder des Vorstandes anderer Meinung sind wie die Mchrhc't des Kongresses, so brauchen sie zwar nicht aus dem Vorstände und auch nicht aus der Ortsgruppe auszutreten, aber als Vorstandsmitgl.eder dürfen sie, wenn sie mm zufällig mit ihrer Ansicht Im Vorstand in der Mehrheit sind, als offizielle Vertreter der Partei innerhalb der Ortsgruppe unter keinen Umständen der Mitgliederversammlung Anträge oder Resolutionen vorlegcn, die nicht nur gesetzwidrig, sondern auch gegen die Parteidisziplin verstossen. Es ist für mich sogar sehr fragl ch, ob derartige Rcsolutionen. die den Baseler Beschlüssen zuwiden'aufen. überhauot von einem .Vorsitzenden in einer off iziellen Vcreinsvcr- Sammlung zur Abstimmung gebracht werden dürfen. Eingcbracht werden kann dagegen ein saldier Vorschlag wohl von einem Mitglicde des Vereins, auch wenn es im Vorstande sitzt. W1U man aber tatsiiclilch rechtlich uinnfechtbar gegen die Beschlüsse des Baseler Programms agiticren, so wird dies am besten in eigens hierzu von Pr,1 vale u einberufenen Versammlungen von Sehekdzahlern geschehen, wo jeder einzelne durch seine Abstimmung seiner Privatme'mung Ausdruck verleiht, und nicht in offiziellen Vcreinsvcr- Sammlungen, unberufen von dem für derartige Beschlüße verantwortlicheu Vorstand. Innerhalb der Ortsgruppe darf nicht von vornherein, wie Lapidarius ebenfalls betont, eine bestimmte Politik icstgclcgt oder betrieben werden, denn hierdurch würden ja die Zionisten anderer Richtung und Schattierung benachteiligt, wenn .1Inicn nicht gar dadurch das Verbleiben in der Ortsgruppe verleidet oder unmöglich gemacht wird. Nur eine Politik dari in der Oiisgiuiu*; getrieben werden, nämlich die, die ihr offiziell vorgeschriebe!» ist, d:c des reinen Zionismus des Baseler Programms. Und auch die Agitatoren und Redner in unseren ö f f c 1! t - liehen Versammlungen müssen sich wohl in acht nehmen, dass sie kein allzugrosses Gewicht auf tcrritorialistische Pläne legen, sonst wird man ihnen mit Recht vorwerfe״ können: ״Ihr werbet hier für die Sache des Zionismus, mi dessen vorgeseliriehcncn Zielen Ihr ja selbst nicht ganz harmoiilsieret!“ Wenn auch die Pol tik der ״Politischen‘' :1! Westeuropa mehr Aussicht au! Erfolg haben dürfte als das Vorgehe:: der reinen Zionisten, so darf eine solche von de!, zionistischen Verbänden dennoch nicht betrieben werden. solange wir nicht auf einen Punkt in unserem Programm׳,: hiuweisen können, der etwa lauten würde: ״Als Mittel sielu der Kongress auch an: ״D i e zweckdienlich e B c - s! c d e I u 11 g irgendeines dem Jüdischen V o 1 k e zur Verfügung gestellten, geeigneten Geb i e t e s in i t autonomen Rechte 11.“ Dass eine derartige Bestimmung auf dem VIII. Kongress. zur Annahme gelange, dafür wird jeder wirken, der eine solche für den Zionismus ־nicht allein für zweckdienlich, sondern auch damit für vereinbar hält. Das hat ein jeder 111:t sich selbst abzmtiachen. Ist er aber damit bei sich im klaren, so wird er mit allen gesetzlichen Mitteln bei seinen Gcsimumgsgenossen für seine Ideen zu wirken suchen, ohne dabei in den Tcrritorialismus zu verfallen. Diese Gefahr liegt sehr nahe, ist jedoch zu vermeiden, wenn man stets der aller vereinigenden zionistischen Grund- Sätze sich bewusst ist. Wer diese hinter die andern zurücktreten lässt, darf sich auch nicht mehr den Namen ״Zionist“ beilegen. Wo können wir nun für unsern Sondcrgcdanken w erben? Dies geschieht vor allem durch Aufklärung im privaten Verkehr mit unseren Gesinnungsgenossen und Artikeln in zionistisehen Blättern, dann in wirkungsvoller Weise an den Diskussionsabeiiden unserer Vereine. Ebenso wie dort jedes andere politische oder wissenschaftliche Thema erörtert w׳irc. so können w׳ir mit gleichem Rechte unsere Ansichten über den ״politschen Zionismus” klariegcn und Anhänger für unsere Sonderidee zu gewinnen suchen. Man unterhält sich ganz wissenschaftlich über ein solches Thema, ohne gleich nachher darüber zur Abstimmung zu schreiten. Was sollen denn a1! die Resolutionen lüitzcn? Dass nicht alle Zionisten einig gehen mit den Redakteuren der RUNDSCHAU, das wussten w;r sch״!! vorher, und werden es mit der Zeit noch mehr erfahren, wenn noch andere sich an der Mitarbeit bctcilgen werden. Dass die Mehrzahl der deutschen Zionisten mit den Kongressheschlüssca nicht einverstanden ist. das wird schon auf dem nächsten Dclc* giertentag und Kongress klar werden. Und was sollen gar noch die Appelle an das A.-K.. das ebenso wie die kleinste Ortsgruppe an die Kongressbeschlüsse gebunden ist und eine andere Politik erst nach Abänderung der neuesten Kongressbeschhisse ebischlagen darf? Wir ״politische Zionisten“ haben vorläufig gar nichts anderes zu tun. als unsere Hauptidcc, den Zionsgednnken, zu propagieren und für unsere finanziellen Instrumente zu agtt'eren und zu sammeln. Erst irt zweiter Linie stellt unser Sonderprogramm, für das zu wirken wir nicht unterlassen dtirien. Wir müssen dafür sorgen, dass wir vor dem VIII. Kongress gerüstet sind, dass die Sehckelzahler wissen, um was cs sich handelt, wenn es gilt, einen Delegierten zu wählen, der dazu verhilft. dass unser Sonderprogramm zum a 11 g c - meinen Programm des Zionismus werde. Wir werden jedoch nur dann ernen Sieg ei ringen können, wenn wir den Weg der Loyalität und des Rechtes gehen, den w r beinahe unbewusst verlassen hätten. Strassburg. Simon Weil. 44T

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