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Jüdische Rundschau · 1905-09-22 · Heft 38 (22.9.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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höchst unglücklichen Umstand gehalten, dass die Zionisten ihre I n Aussicht gestellte Annahme desselben an Bedingungen 1 knüpften, welche zu einer Spaltung »unserer Gemeinschaft in dieser Hinsicht führten. Solange diese Bedingungen darauf berechnet waren, eine Art von Ghetto oder ״Eingeborenen- Reservation“ aus der in Vorschlag gebrachten Kolonie zu machen; solange s'׳e die Wiederbelebung einer veralteten Staatsform und die Krystallisierung sogenannter nationaler Gewohnheiten und Lebensweisen anstrebten, welche nicht essentiell jüdisch sind und welche in der Praxis nicht dem jftdisohen Volke zugute zu halten wären; solange ferner das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach das Fortbestehen der FiemdLngsausstellung unserer Kolonisten in ihrem Adoptivlande war, konnte ich nicht anders, als dasselbe bekämpfen. Sic haben mich jetzt über Ihre Ansicht, die Sie über diese Bedingungen hegen, beruh gt und obgleich ich hinsxlitlxh de:» r.rio'.gcs nicht so hoffnungsfreudig bin. wie ■Sie. muss ich doch eiugcsteheu dass, was die Prinzipen anbehngt. Meiuungsverschicdenhe'tcn zwischen uns nicht länger bestehen, und dass wir praktisch eine gemeinsame Basis haben, auf der wir wirken können. Autonomie ist natürlich auch jetzt noch die leitende Idee Ihres Projektes, aber wenn ich Se recht verstehe, in einer Form, die frei ist von den Gefahren, die ich befürchtete. Sic wünschen etwas von den Strömen jüdischer Auswanderer sich ־/n Nutze zu machen, die unausgesetzt aus Russland sich ergessen. und Sic wollen dadurch eine neue ..Seli-Govern'ug“- Kolonie in den wetten, unkultivierten Landstrecken des britisehen Reiches gründen. Sic haben den festen Willen, dass eine solche Kolon e alle die Bcd'ngungcn polnischer Entwick'ung erfftilen soll, vermittelst welcher die überseeischen Kolonien i‘siang zur Selbstverwaltung vorgeschritten sind, und dass sic sich in jeder Hinsicht, politisch sowohl wie munizipal, den vorhandenen Kolonien anpasst. Eine solche Kolonie würde nur durch das Vorherrschen ihrer jiid:schen Bevölkerung politischjtid sch sein. S c würde ke/ne anerkannte Kirche, weder Bevorzugung noch Benachteiligung der Religion wegen kennen, sondern es würde ihr irdst.hcn. Feicrngc anzuordnen oder andere munizipale Einrichtungen zu treffen, welche den besondereu Verhältnissen ihrer Kolonisten angcp.isst sein würden unter Gewährung angemessener Ausnahmen für die Fremden innerhalb ihrer Tore. Nur englische Gesetze sollen anerkannt und nach ihnen Recht gesprochen werden, in allen politischen Augclegenhciten aber soll die wcltlici.״. Gewalt d e höchste sein. Auf die Sprachen frage braucht besonderes Gewicht nicht gelegt zu werden — bei den uns in Kanada und der Schweiz gegebcnen Beispielen können wir diese Frage auf sich beruhen lassen. Einem Punkte jedoch legen Sic grosse Wichtigkeit be:. S'e wünschen, dass von Anfang an das politische oder Gemeinde- Oberhaupt der Kolonie — Administrator, Lcutenant-Governor oder Gouvernor, je nach dem — wenn möglich ein Jude se n soll Hiergegen wüsste ich nichts elnzuwendert vorausgesetzt, dass ein kompetenter und williger Glaubensgenosse im britisehen Kolonial- oder indischen Dienst zu finden ist. Ebenso wie wir cs mit der Oberlchrerschaft einiger unserer Alumnat־, in den jüdischen Distrikten Londons gemacht haben, können wir es auch mit der Besetzung des Gouverneur-Postens eine* Kolonie machen, die sich hauptsächlich aus Juden zusammc - setzt. Mit Hilfe einer so organisierten Kolone hoffen Sie drei Dinge zu erreichen. In erster Linie glauben Sie. eine vic1 bessere Klasse von Ansiedlern heranziehen zu können, als solche für die sögenannten Almosen-Kolonien geworben werden. oder als die gewöhnlichen Auswanderer, welche sich .11! den verschiedenen Ländern des ,Westens verlieren, insofern als die Idee einer jüdischen Kfxorre mit Selbstverwaltung wahrscheinlich an höhere Motive appelliert, als diejenigen, welche den gewöhnlichen Auswanderer bewegen. In zwcitci Linie glauben Sie. dass eine solche Kolonie schnell eine grosse Arbeiterbevölkerung hcranziclien werde, da sie ja für die Zuiluchtsuchendcn kein fremdes^ Land, sondern eine wahre Heimat sein würde, wo man irgend ein anti-jüdisches Vorurteil nicht kennt. Drittens hoffen Sic durch d e Kombinierung dies *r 2 Klassen von Kolonisten unter der stimulierenden Atmosphäre einer Selbstverwaltung es zu ermöglichen, auf britischer Grundlage eine britische Muster-Kolon'e zu schaffen und z.t verwalten. Mit allen diesen Zeilen kann ich nur sympathisicren. Ich habe bereits gesagt, dass Ich in bezug auf den Erfo’g nicht so hoffnuugsfreudig bin., wie S:c, und wenn wir nicht die Aussicht hätten — die sichere Aussicht — aui eine umhmgreicbe Landkonzession seitens der brit'sclieu Regierung, so würde ich vielleicht zu dem Versuche geneigt sein. IhneT von diesem Projekt abzureden. Doch wir haben diese Aussicht, »ud ich glaube nicht, dass wir sie und die Verantwortlichkeit. d!e sie im Gefolge hat. mit gutem Gewissen von der liar.d weisen können. Ich bin geneigt Ihr Projekt für gut zu halten. und gebe ihm den Vorzug vor den bisher üblichen Kolomsat ons-Projekten. wie sic in Kanada und Argentinien durchgeführt werden, denn bei vorsichtiger Leitung würde dasselbe nicht hinter den besten Zielen jener Projekte zurückstehen, während es seinerseits eine Zukunft eröiinet die eine Que>k von Glück für viele lausende von Juden und der Stolz unseres gesamten Volkes sein könnte. Alles hängt in erster Linie davon ab, ob See die richtige Klasse von Auswanderern herbeischaffen können. Wenn Sie dies können — und Sie sagen mir ja, dass Sie von der Möglichkeit überzeugt sind — dann wird alles Ucbr'ge nur eine Sache harter Arbeit und intelligenter Leitung sein. Ich bin überzeugt, dass das Projekt in diesem Falle die überreiche Unterstützung der jüdischen Gcsamtite t erzwingen wird und da*s ausreichende Mittel zu seiner Etablie* rung und Organisierung erhältlich sein werden. Das ist d e Basis, auf de»־ ich bereit bin, mit Innen in der Territorialisüschen Organisation zusammen zu arbeiten. Ich befurchte nur. dass info’gc des schlechten Zusta׳״|es jneiner Gesundheit und besonders meiner Augen meine Mitarbeiterschaft nicht weit 11er sein wird; auf alle Fälle werde ich aber mein Bestes tun. Sie hab.11 vielleicht die Gäie. mich wissen zu lassen, oh ich Ihre Ansichten in irgend einem wesentlichen Punkte missverstanden habe. Stets Ihr aufrichtiger Freund L u c i e n W o 1 f f. Darauf antwortet Zangwill mit!folgendem Schreiben: Union Hotel Frankfurt a. M.. den 8. September 195;־. Mein lieber Wolif! Es freut mich ausserordentlich, zu vernehmen, dass Sic sich nach reiflicher Erwägung unserer Unterhaltung in Giessbuch st! herz’ich bereit i ndeii. Ihre grossen Fähigkeiten mit unscrer grossen Aufgabe zu verbinden. Wie Sie selbst sagen, bildet die Verschiedenheit unserer Ansicht hinsichtlich der endg.Ii gen Prinzipien kein Hindernis für ein Zusamnieiiarueten in einer Bewegung, welche keine offiziellen Beziehungen zum Zionismus unterhält. Ihre Zustimmung zu dem Prinzip d r Selbstverwaltung ist alles, was nötig ist, und ich freue tnien. dass ich Sie wenigstens davon überzeugt habe, dass., wenn wir uns anschicken, eine grosse, auf sich selbst angcwics ne Kolonie aufzubauen, die Massnahme der Autonomie kein Luxus, sondern e'r.e Notwendigkeit ist Ein eigentümlicher Zufall bringt es mit sich, dass aus Lausanne, demselben Orte, aus dem Sie mir schreiben, ein reicher Jude zu mir nach Frankfurt gekommen ist. um sich als Pionier-Gefährte der arme•! Einwanderer anzub'cten, trotz der Mühseligkeiten eines jungfraulichen Territoriums, und er versichert mir. dass es Hunderte von russischen Mittelstands-Familien gäbe, welche früher oder später einer autonomen Niederlassung zustreben würden Ich verbürge mich persönlich, dass selbst das englische Mittel- Stand-Element nicht ganz fehlen wird. Mit bezug auf das politische Bild der Kolonie können w r gut und gerne die allgemeine Entwicklung der britischen Kolonien als Vorbild nehmen, insofern eine englische Kolonie sich eines beträchtlichen Spielraumes für nicht-englische innere ücsetzgebung erfreut. So ist z. B. Neuseeland in der Lage trewesen, das Wahlrecht für F'raucn cinzuführen das der britischer Konst tution bis jetzt noch fremd ist. Wollen wir hoffen, dass in ähnlicher Weise der Genius unserer Rasse, der einst in der mosa'scheii Gesetzgebung und in prophetischen Aspirationen zum Ausdruck kam. zu einer führenden Rolle in der Zivilisation und zu soziologischen Fortschritten, wie se für unsere Zeit geeignet sind inspiriert werde. Die hebräische Basis, aut welcher die britische Zivilisation sich hauptsächlich bewegt, würde einer Entwickelung unter brit'sclieu Auspizien besonders sympathisch sein. Das Guas Ngishu-Platcau. welches da! Zionisten angebotei! und von ihnen ztirückgewxsen wurde, ist jedoch rach der Aussage der zionistischen Kon1tniss:on nicht das .grosse und fruchtbare Territorium“, für welches die Herren Balfour und Chamberlain es zu halten scheinen. Es scheint eher ein Land zur Exploitation durch ein Viehzucht treibendes Syndikat als für eine ansässige Bevölkerung zu sein. Während ich mit einigen Mitgliedern der Jüdischen K״lonisations-GcscIlschaft (d e mir gegenüber nicht unsympathisch von der neuen Kolonisations-Gesellschaft gesprochen haben־) darin überciustinune. dass eine jede Sache kle'n aufangen muss, so gefällt cs mir doch nicht dass auch alles klein enden mus . Ich will die Eichel nur da pflanzen, wo auch Platz für die Eiche ist. Das Territorium, das wir suchen, muss erstens lanw'rtschattliche und zweitens industrielle Aussichten bieten; cs muss die Möglichkeit tircr dxhtcn Bevölkerung :״ der Zu- Kunft gewähren. *•י4

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