Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU die innere treten müsse. Und ist. denn das Elend im Orient geringer darum, weil es vor Armut kaum noch als etwas Ungerechtes empfunden wlFd? Wer ökonomisehe Grundlagen des Zionismus anerkennt, muss erst einmal für die ökonomische Hebung der palästinischen Judenheit eintreten. Zu diesem Zwecke bedarf es ebenfalls unsererseits nicht einer Wchltätigkcitsaktion, die wir von seiten des Zionismus deshalb ablehnen, weil sie immer unpolitischen Charakters ist, sondern wiederum der Schaffung der Bedingungen. Von hoher Bedeutung ist es daher, dass der siebente Kongress cs ausgesprochen hat, dass es notwendig ist, Konzessionen zu erwerben. Wenn wir auch nur eine einzige grosse Konzession erworben hätten, so würde, unser politischer Einfluss eben so sehr steigen, wie wenn wir unsenn städtischen Proletariat die Möglichkcit bieten könnten, sich eine soziale Existenz zu erringen. Inzwischen erwerben andere die Konzessionen, die zum Boden gehören, und die wir deshalb doch einmal für den Nationalfond erwerben müssen. Denn sie sind als Teile des Bodens anzusc-hen. Die europäischen Mächte, denen man politische und diplomatische Erfahrungen nicht absprechen kann, halten cs für die erste Notwendigkeit zur *Stärkung ihres politischen und wirtschaftlichen Einflusses, Konzess onen zu erwerben, wie die zur Erbauung von Eiscnba’. neu, Hafenaulagen, grossen Fabriken u. a. m. Während wir eine Politik des Abwartens verfolgen, die keine Politik ist, ergreifen andere die Gelegenheiten, die uns von dein heutigen Beherrscher der Türkei lieber gegeben würden, als anderen, die es auf eine Zerstückelung seines Reiches absehen. Das Geld ist nicht heilig. Und deshalb darf cs verwendet werden, wenn cs notwendig ist. Die Kapitalien der Kolcnialbank würden sich ungeahnt vermehren, wenn wir durch eine grosse Konzession in die Lage versetzt würden, die Gelder der Bank sichere: anzulegen, als durch die Kreditgewährung an türkische Lokalbehörden, die nur solange regresspflichtig gemacht werden können, als sie existieren. Die Erwerbung von Konzessionen wäre also ein unendlich wichtiger Schritt zur Schaffung jener Kreditbasis, deren wir bedürfen, um unser städtisches Proletariat aus seiner Lage zu befreien, die russische Zustände weit überbietet und zugleich zweckdienlich die Besiedelung Palästinas zu befördern, ohne zum alten System der Infiltration und Klcinkolonisation zurückkehren zu müssen. Nur so können wir eine reale Grundlage für erfolgreiche politische Arbeit schaffen. Dies zu unternehmen, mahnt uns das Elend der vielen Tausende von aschkenasisvhen, bsonders aber marokkanischen, jemenitischen und persischen Juden in Palästina, der Aermsten der Armen. Hierzu ruft uns aber vor allem die Notwendigkeit einer Realpolitik, die auf kein Wunder, sondern mit dem rechnet, was positiv vorhanden ist. Wie wir politische Zionisten sind, weil wir uns nicht in Träume von Macht und Zukunft verlieren wollen, weil wir reale Grundigen brauchen für reale.Macht, so bedürfen wir der Arbeit in Palästina. Wir verwerfen dabei die Klcinkolonisation und nehmen das Wort auf: ״Die kleinste Grosskolonisation ist mehr wert als die grösste Kleinkolonisation!“ Grcsskolonisation ist aber nur eine solche, die zugleich die.Bedingungen schafft, aus denen sie sieh selbst entwickelt, sich selbst ausarbeitet zur besten und festen Grundlage der zionistischen Realpolitik. EI j fi q i m. (Wird fortgesetzt.) y Seite 477 Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 1. Wir bitten die Ortsgruppen, welche auf unser Zirkular, bezüglich Vorbereitung von Agitationsvorträgen, noch nicht geantwortet haben, dies unverzüglich zu tun. Die Feststellung einer Rednerliste ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine geeignete Agitation. 2. Wir bitten alle Parteigenossen, auch in diesem Jahre die Ncujahrsgratulationen durch Spenden an den Nationalfonds abzulösen. Die Spenden werden, wie üblich, unter einer besonderen Rubrik ausge\v;csen werden. Alle Spenden bitten wir, bei kleineren Beträgen in Briefmarken, an Herrn Max Wollstelner, Berlin NW. 23, Holsteiner Ufer 10, zu senden. Zur gegenwärtigen Lage des Zionismus in Deutschland Von Dr. Julius Moses (Mannheim). Es erscheint kaum zweifelhaft, dass es einer regen, zielbewussten Agitation der ״polit sehen“ ZioinVten gelingen könnte, für den VIII. Zionistenkongress eine kompakte Mehrheit zusammei zuschwe ss'.n, um eine Änderung des diesjährigen Kongressbesehlusscs durch Befürwortung einer ausserpalästinensischen Kolonisation als loyales Mittel zur Erreichung des Endzieles herbölzu führen. Wenn Anstrengungen rach dieser Richtung seitens der politischen Zionisten geplant sein sollten, so stehe ich n cht an, derartige Versuche als nicht .förderlich für• unsere Bewegung zu bezeichnen. Denn, gesetzt den Fall, die ״politische“ Majorität würde auf dem VIII. Kongresse siegen, so werden sicherlich die Zione-Zionisten sofort alles aufbieten, um auf dem nächstfolgenden Kongresse wieder die Mehrheit zu crlangtn, voraussichtlich ebenfalls mit positivem Eriolge, und so würden wir von Kongress zu Kongress einen Frontwechsel durchmacfrcti; der Ernst, die Würde und Stetigkeit unserer Bewegung wären aufs äusserste gefährdet und der Zionismus würde der Welt das Schauspiel der inneren Zerrissenheit bieten, auf das unsere Gegner schon längst lauern. Wir müssen allesamt, welche Stellung wir aucli in der Bewegung eimtihmcn, der einen Tatsache klar in die Augen sehen: Es ist ausgeschlossen, dass Friede und gedeihliche Arbeit eintreten können, so lange es eine Ostafrikafrag.c im Zionismus gibt Man mag das noch so schmerzlich bedauern, aber man muss, wtl man nicht Vogel-Strausspol't k treiben, unbedrgt mit dieser Tatsache rechnen. Wir haben dieser Tat- Sache ein schweres Opfer der Uebcrzctigung gebracht, als wir uns entschlösse, eine neuen, noch unbekannten und nicht einmal gewählten Leitung eine so weitgehende Vollmacht zu erteilen, wie wir sie folgenschwerer wohl selbst H e r z 1 nie gegeben hätten; die Vollmacht nämlich, über irgend ein ausserpalästincnsischcs territoriales Angebot e ת fach glatt zur Tagesordnung überzugehe1\ ohne das Jüdische Volk befragen zu müssen. Im Interesse des Friedens und Fortschrittes unserer Bewegung haben wir, hat der Kongress sein Votum abgegeben. Und diesem Kongressbeschlusse gegenüber gibt es für die deutschen Gruppen nur eine fruchtbare Stellungnahme: Wir stellen uns unbedingt und ohne Rückhalt auf dan Boden des Kongressbeschlusses; wir deutschen Zionisten aber betrachten es als unsere Pücöt, als eCnc traditionelle Aufgabe gleichsam — da wir stets zu den Stützen des hohen politischen Gedankens gehörten, den Herzl der zionistischen Bewegung verlieh —, dafür einzutreten, dass alle Massnahmen der Leitung zur Ausführung des Baseler Programms einen politischen Charakter im Sinne unseres verstorbenen Führers tragen. Protestresolutionen halte ich für fruchtlos; 1