Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite 476._ ____ J Ü Di SC HE sie in echt Herzlschem Sinne vom siebenten Kongresse neu eingeschärit sind, alle Handlungen in der auswärtigen Politik des Zionismus mit Vertrauen den Händen der Leitung übergeben sein. Wir haben kein Verlangen, diese Wege kennen zu lernen, die Schaden leiden würden in dem Masse, wie sie einer grösseren ()Öffentlichkeit bekannt werden. Wir wissen sie in den Händen des Führers und der beiden Aktionskomitees wohl aufgehoben und besorg und haben kein Vorlangen, mehr davon zu wissen, als sie für nötig erachten, uns bekannt zu geben. Das ist der Anteil, den wir selber an der politisch-diplomatischen Aktion nehmen können und müssen, und er ist gar nicht gering aiizuschlagen. Möge jeder nach seinem Teile trachten, hier das Grösste zu leisten und am besten schweigsam zu gehorchen. Auf innigste hiermit hängt der Punkt zusammen, der räumlich atu weitesten im Programm von ihm getrennt ist. nämlich die praktische Arbeit in Palästina selbst, die an erster Stelle im Baseler Programm als Mittel zur Erreichung des zionistischen Zweckes angeführt wird. Der politische Gedanke des Zionismus, der im nationalen Gedanken seine Grundlage hat, erschöpft sich vielleicht, so weit es die Führung angeht, in der d’plomanschen Arbeit. Die politische Arbeit der ganzen Partei dagegen hat, wie gesagt, in dieser Tätigkeit nur :inen passiven Charakter. Ihre aktive politische Arbeit liegt auf dem Gebiete jener Tätigkeit, die in Palästina uiiternommen werden muss. Denn alle Palästinaarbeit, die wir unternehmen, muss eine politische sein und bleiben. Es »nag ein Pleonasmus im Programm sein, dass dort von einer ״zweckdienlichen Förderung“ die Rede ist, denn eine Förderung, die nicht zweckdienlich ist, ist keine Förderung. Aber dieser Pleonasmus war von uns beabsichtigt. Denn wir wollten damit dem Gedanken Ausdruck verleihen, dass wir jene Tätigkeit in Palästina ablehnen, die zwar tätig ist.• aber nicht dem Zwecke der Erreichung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina dient. Jede andere Tätigkeit in Palästina widerstreitet ebenso dem Zionismus, wie eine kolonisatorische Tätigkeit in einem andern Lande als *ישראל איי Beides ist kein Zionismus, sondern stört ihn, statt ihn zu befördern. Auch das Chalukahsammeln ist eine Tätigkeit für Palästina, aber sie hemmt mir die Erreichung unseres Zweckes. Auch die Kolonisation in Argentinien und Kanada kann einem momentanen Notstände in kleinstem Umfange Abhilfe bringen, aber das ist kein Zionismus. Denn Zionismus ist nur das, was im Sinne des Baseler Programmcs der Erreichung des zionistischen Zweckes in Palästina dient. In diesem Sinne lehnen wir heute die Fortsetzung der Kleinkolonisation in Palästina ab, die uns nur dann als ultima ratio bliebe, wenn man durch dogmatische Vernachlässigung der heute notwendigen Palästinaarbeit dies als den einzigen Ausweg zur Erreichung des zionistischen Zweckes übrig Hesse. Dagegen gibt es schon heute eine grosse und fruchtbringende Arbeit, die man schon jetzt in Palästina tun kann und muss, wenn man zugleich begreift, dass diese Tätigkeit dabei vielleicht einem Notstände abhilft, chne aber die Abhilfe eines solchen zu bezwecken, sondern nur die Bedingungen zu schaffen, um das politische Ziel des Baseler Progranmies zu erreichen. Denn die Not- Standspolitik würde uns dazu führen, Kleinkolonisation auf dem Wege der Wohltätigkeit zu treiben, während wir einzig und allein, es kann nicht oft genug wiederholt werden, die Bedingungen schaffen müssen, JJUND SCH AU _______ . No. 38 « die wir in Palästina für unsere diplomatische Tätigkeit als reale Unterlage gebrauchen. Eine unpolitische Richtung in unserer Partei möchte gern jede Tätigkeit in Palästina unterlassen sehen, bis wir den Charter erhalten haben, der uns das Land zu beliebiger Verfügung überliesse. Ein solcher Gedanke, wäre ganz gut, wenn er möglich wäre. Aber jede dipleinatisclic Arbeit beruht auf dem ״Ich gebe, damit Du gibst“. Und wenn wir nichts zt! geben haben, zu geben im Lande selbst, so wird uns nichts gegeben werden. Jeder erhält in der Politik nur so viel Recht, als er Macht hat, in Anspruch zu nehmen. Darum muss das Jüdische Volk zur Erlangung des Charters so viel Macht aller Art in Palästina besitzen, als zur Erlangung .ines Charters notwendig ist. Man wende nicht ein, dass wir mit unserer Tätigkeit jeder Art den Wert des Objektes erhöhen, 'das wir erwerben wellen. Denn erstlich um so viel wir durch unsere Tätigkeit und unseren Besitz diesen Wert erhüben, so viel eben erwerben wir sturmfesten Boden, auf dem wir bauen. Und zweitens wird jede Landentwicklung und Landerwerbung, die nicht von uns ausgeht, von anderer Seite kommen, und damit ein Stein uns genommen werden, mit dem die Spieler in unserem diplomatischen Schachspiel rechnen. Darum hiess Herzl die Gründung der Geniah gut zum Landerwerb in Palästina durch private Hände, darum gründete er nach dem sechsten Kongresse die Angio-Palcstinc Company als Arbeitsbank fiir Palästina, um an der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas und Auf- Schliessung soviel Anteil für uns zu erwerben, als zur Erlangurig des Charters unbedingt notwendig ist. Aber etwas anderes ist Tätigkeit in Palästina und etwas ganz anderes eine Begünstigung der Einwanderung nach Palästina. ״Das Zeichen zum Aufbruch“, das Herzl niemals ״unsern Massen geben“ wollte, uni nach östafrika zu gehen, dürfen wir beileibe nicht nach Palästina geben. Denn das hiesse nicht die Bedingungen für unsere politische Arbeit zu schaffen, sondern sie zu stören. Dagegen müssen wir die Bedingungen schaffen, die Franz Oppenheimer die KREDITBASIS nennt Dann aber müssen wir uns endlich einmal au das Werk machen, das seit drei Jahrzehnten unserer harrt und das der Zionismus endlich in Hand nehmen muss. •Die soziale Not der Juden in den Städten Palästinas spottet jeder Beschreibung. Selbst die Not der russisehen Juden wird durch sie überboten. Wenn wir unsern Einfluss und. die Macht abschätzen, die wir in Palästina haben, dürfen wir sie nicht hinzurccnnen. sondern müssen sie als ein Minus in Abzug von der Summe des übrigen bringen. Diese Bevölkerung von nahezu 75 000 Seelen, die einen grossen Wert für uns hätte, wenn sic sich sozial ernährte, wenn sie überhaupt ein soziales Element darstellte, aus einem Minus in ein Plus zu verwandeln, wäre die erste notwendige Arbeit in Palästina. Die innere Kolonisation in Palästina wäre die erste und wichtigste Tätigkeit, die wir jetzt in Angriff zu nehmen hätten. Der Zionismus soll ja nach mancher Ansicht ausser der nationalen noch ökonomische Quellen haben, nun, so mag er hier einsetzen, wo die politische Arbeit für Palästina es notwendig macht, und wo die Not eine unendlich viel grössere ist als in Russland; hier, wo doch nicht die Auswanderung die Lösung der ökonomischen Judenfrage sein wird, sondern die Erlangung der Freizügigkeit und anderer politischer Freiheiten, worauf die Zionisten als Partei keinen Einfluss haben. Schon vor vielen Jahren, noch lange vor dem ersten Kongresse, haben wir immer und immer wiederholt, dass an die Stelle der äusseren Kolonisation